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Foto: Mag. Wenzel Müller
Zuschauer eines Fußballturniers vom Augustin, jener Wiener Stadtzeitung, die für die Unterprivilegierten unserer Gesellschaft Partei ergreift.
 
Leben 11. Jänner 2011

„Armut macht krank, und Krankheit macht arm“

Das Wiener Burgtheater plant eine Benefizmatinee.

Nicht nur Viren und Bakterien machen krank. Wer über den Rand des Reagenzglases zu blicken versteht, erkennt, dass auch Armut krank macht. Ein Aspekt, der nicht oft genug betont werden kann. Das meint zumindest das Wiener Burgtheater und plant die Benefizmatinee Nein zu arm und krank1.

 

Ein Premiere, nämlich die Aufführung von Strindbergs Rausch, eine Lesung mit Texten von Christoph Schlingensief, eine Wiederaufnahme von Mea Culpa, eine szenische Bearbeitung von Krieg und Frieden – das bietet der Spielplan des Wiener Burgtheaters im Jänner. Das bekanntlich erste Theater deutscher Zunge widmet sich aber nicht nur dem schönen Schein, sondern auch der harten Realität und plant die Benefizveranstaltung Nein zu arm und krank 1. Das Ensemble möchte damit Stellung beziehen, gegen Ausgrenzung, gegen Ungleichheit, gegen Ungerechtigkeit. In einer Aussendung weist die Theaterleitung auf diesen Missstand hin: „In Österreich leben bereits über eine Million Menschen am Rand der Armut, davon mehr als 260.000 Kinder. Armut macht krank, und Krankheit macht arm.“

Gerechtigkeit und Gesundheit

Wie Gerechtigkeit – oder anders formuliert: die faire Beteiligung von möglichst vielen Bürgern am Wohlstand – und Gesundheit zusammenhängen, hat zuletzt die aufsehenerregende Studie The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do Better gezeigt. Die Epidemiologin Kate Pickett und der Wirtschaftshistoriker Richard Wilkinson haben Datenmaterial aus zwei Dutzend Industriestaaten ausgewertet. Das eindeutige Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Untersuchung: Je ungleicher Gesellschaften verfasst sind, desto kaputter sind sie in ihrem Inneren. Wo hingegen eine gewisse soziale Gleichheit herrscht, werden die Leute älter, die Kindersterblichkeit ist geringer, und die Bürger vertrauen sich gegenseitig eher. Sie recyclen mehr Müll, es gibt weniger Mörder, Drogenabhängige, Übergewichtige und psychisch Kranke. In fast allen Kategorien schneiden die skandinavischen Länder, wo traditionell auf sozialen Ausgleich gesetzt wird, besser ab als die angelsächsischen, wo eher das Gesetz des Stärkeren gilt. Die Norweger und Schweden gehören zu den gesündesten und zufriedensten Bürgern der Welt. Die Ursache scheint der geringe Gegensatz zwischen Reich und Arm zu sein – und nicht das in diesen Ländern erwirtschaftete Bruttosozialprodukt. Wie die Wissenschaftler zeigen, liegt nämlich die Lebenserwartung in Bangladesch entschieden höher als in Harlem – obwohl der Lebensstandard in Harlem viel höher ist als in Bangladesch.

Lebenswerte Gesellschaft

Die Unterprivilegierten profitieren von sozialer Gerechtigkeit. Aber auch die auf den oberen Sprossen der sozialen Leiter, und das ist vielleicht das eigentlich überraschende Ergebnis dieser Untersuchung: In egalitären Gesellschaften fühlen sie sich nicht so sehr als Außenseiter, sind mehr eingebunden, empfinden daher auch weniger sozialen Stress – kurzum: sind zufriedener und gesünder.

Umverteilung scheint allen zugute zu kommen, weil sie ein Gemeinwesen als Ganzes lebenswerter und funktionstüchtiger macht. Auch in ökonomischer Hinsicht: Gerechtigkeit ist wirtschaftlich nützlich – und chronische Ungerechtigkeit schadet. Weil eine egalitäre Wohlstandsverteilung die Nachfrage hebt, weil mehr Menschen dann ihre Talente entwickeln können und damit zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen. Umgekehrt gilt: Grobe Ungleichheiten in Kauf zu nehmen heißt, dass das Potenzial vieler Menschen ungenutzt bleibt.

Der Begriff soziale Ungleichheit hat etwas Mausgraues. Wir assoziieren damit gerne Gleichmacherei, Uniformierung und Totalitäres. Doch vielleicht sind das nur unsere Vorurteile. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu mehr Effizienz und Gesundheit.

 

1 Der geplante Termin am 30. Jänner wird verschoben! Weitere Information unter www.burgtheater.at

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 2 /2011

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