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Leben 11. Jänner 2011

Die vielen Gesichter der Gesundheit

Geschichte und Konzepte des Leitbegriffs der Medizin.

Bei allen Versuchen der letzten zwei Jahrhunderte, die Medizin dem Ideal einer exakten Naturwissenschaft anzunähern, ist es bis heute nicht ganz gelungen, das eigentliche Ziel des Handelns jedes Arztes, die Gesundheit seiner Patienten, in objektiven und wissenschaftlich gesicherten Begriffen auszudrücken. In einer neuen Serie sollen zehn Konzepte von Gesundheit beleuchtet werden.

 

Messbare Parameter wie Blutdruck, Cholesterinwert oder Ähnliches lassen sich zwar an Tabellen quantitativer Normalbereiche abgleichen, bei Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren ist man aber bereits auf qualitative Beurteilungskriterien angewiesen, und spätestens bei der Einschätzung des psychischen Gesundheitszustandes eines Individuums weitet sich der Interpretationsspielraum nicht selten dahingehend, dass – im Gegensatz zu eindeutigen Diagnosen aufgrund von reinen Messwerten – die Bewertung des Einzelfalles nicht zuletzt von der Empathie, Schulrichtung oder Lebenserfahrung des jeweiligen Therapeuten abhängt.

Dass das Sein des Menschen mehrere Dimensionen umfasst und seine Gesundheit wesentlich auch eine subjektive Seite beinhaltet, wurde bereits in der 1946 verabschiedeten Verfassung der Weltgesundheitsorganisation anerkannt und berücksichtigt. Gemäß deren Definition ist Gesundheit „ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ („a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity“).

Unerreichbares Ideal

Indem hier das Ideal so hoch gehängt wird, dass es wohl keinen Menschen auf dieser Erde gibt, der es dauerhaft erfüllen könnte, mag diese überspitzte Definition der WHO wie ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Berufsgruppen und Industriezweige erscheinen, die sich dafür zuständig und berufen fühlen.

Darüber hinaus zeigt die Auswahl und Priorisierung der verwendeten Konzepte sowie der Anspruch, durch eine konzise Definition das normativ fassen zu wollen, was für alle Menschen das Beste sei, aber auch die Zeitgebundenheit und Begrenztheit dieses vor dem Hintergrund bestimmter gesundheitspolitischer Gegebenheiten und Ansprüche verfertigten Entwurfs.

Verschiedene Perspektiven

Fasst man den Begriff Gesundheit dagegen analog zu Platons (427–347 v. Chr.) Idee des Guten, nach dem zwar alle Menschen streben, das sich aber aus prinzipiellen Gründen allen Anstrengungen einer begrifflichen Definition auf immer entzieht, so würden sämtliche Versuche, das in Begriffe zu fassen, was Menschen vorschwebt, wenn sie von Gesundheit sprechen, weniger etwas über die Gesundheit an sich aussagen als vielmehr über diejenigen, die sich gerade mit diesem Thema beschäftigen. Je nach individuellem Temperament, religiös-kulturellem Hintergrund oder sozio-ökonomischem Kontext könnten bestimmte Perspektiven von Gesundheit, wie etwa Wohlfühlen, Kampf, Ordnung, Entwicklung oder Ähnliches, dem einen oder anderen Betrachter und seinen Zeitgenossen mehr oder weniger plausibel erscheinen.

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Illustration: Martina Kerl 2010 

Zehn Grundparadigmen

Wie die Geschichte der Medizin zeigt, sind die Möglichkeiten, den Begriff der Gesundheit mittels allgemeinverständlicher und konsensfähiger Konzepte zu fassen, jedoch keineswegs unbegrenzt. Die einschlägige medizinhistorische Literatur beinhaltet auf den ersten Blick zwar eine bunte Vielfalt schillernder Ansätze und Ideen, bei einer kritischen Durchsicht und vergleichenden Synopse derselben scheint sich die Anzahl genuin unterschiedlicher Gedanken allerdings bald auf unter ein Duzend reduzieren zu lassen. Als Frucht langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Ideen- und Konzeptgeschichte haben sich für den Verfasser mittlerweile zehn Grundparadigmen herauskristallisiert, nach denen es sowohl möglich als auch nützlich erscheint, all das zu ordnen und zu klassifizieren, was jemals von Ärzten, Philosophen, Theologen, Künstlern, Laien und anderen als das Wesen der Gesundheit benannt oder beschrieben worden ist.

Sämtliche alten und neuen Ansätze, das den Menschen Gesunde auf den Begriff zu bringen, erweisen sich demnach als Variationen oder Kombinationen einer überschaubaren Zahl von Grundgedanken, die die Menschheit zu diesem Thema entwickelt hat und die seit Tausenden von Jahren in den unterschiedlichsten Verkleidungen wiederkehren.

Gesundheit lässt sich – noch ganz archaisch und undifferenziert betrachtet – auffassen als

  1. Harmonie verschiedener Teile und Funktionen eines Ganzen,
  2. Kampf zwischen entgegengesetzten Mächten oder Prinzipien,
  3. Moment eines dialektischen Prozesses, in dem Gesundheit und Krankheit sich gegenseitig bedingen,
  4. Hierarchie von Teilen und Funktionen verschiedener Ebenen,
  5. Potentialität, also Vermögen bzw. Tauglichkeit zu etwas,
  6. Transzendenz bzw. Überschreitungsbewegung hin zu einem höheren, geistigen Zustand,
  7. Autonomie oder Tugend, das heißt: Resultat eigenverantwortlichen Handelns,
  8. kausaler Wirkmechanismus bzw. optimales Ineinandergreifen mechanischer Prozesse,
  9. Organisation, etwa als Ergebnis staatlicher Planung und Gesundheits-Politik, und
  10. unter den Bedingungen postmoderner Pluralität und Heterogenität als je eigenes, vom individuellen Kontext abhängiges Konzept, das nicht mehr verallgemeinert werden kann.

Welche antike oder moderne Idee von Gesundheit man auch herausgreift: Letztlich lässt sich jede – so die These dieser Serie – auf einzelne oder mehrere dieser zehn Bestandteile zurückführen. Dass dies nicht immer gleich in die Augen sticht, liegt oft nur daran, dass – je nach der dem jeweiligen Konzept zugrunde gelegten Ontologie, also dessen, was man als Seiend anerkennt – dasselbe Paradigma bzw. Denkmuster auf sehr verschiedene Dinge angewandt werden kann. Der Grund-Gedanke bleibt dabei aber stets derselbe.

 

Im nächsten Teil der Serie: Gesundheit als Harmonie

 

Der Autor ist am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig.

 

Der Originalartikel ist erschienen in:

Wiener Klinische Wochenschrift 2010; 122: 538–542,

© Springer-Verlag Wien 2010.

Von PD DDr. Josef M. Schmidt, Ärzte Woche 2 /2011

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