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Foto: Andrej Reisner
Lange Zeit wurde Thomas Bernhard (1931–1989) als Misanthrop abgetan, inzwischen ist er als begnadeter Komödienautor entdeckt worden.
 
Leben 5. Jänner 2011

„Die Medizin ist eine perverse Denkmalpflege“

Der „Übertreibungskünstler“ Thomas Bernhard über Ärzte.

Niemand konnte so schön schimpfen wie Thomas Bernhard. Der österreichische Autor schimpfte auf Wien und Salzburg, die Katholiken und Sozialisten, die Schweizer und Engländer – und auch auf die Ärzte. Wir haben in seinem Werk einige delikate Aussagen gefunden.

 

Immanuel Kant ist bekanntlich nie aus Königsberg hinausgekommen. Doch Bernhards augenleidender Immanuel Kant macht in seinem gleichnamigen Stück (aktuell auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters) eine Schiffsreise nach Amerika. Denn: „Alle Kranken zieht es nach Amerika. Die amerikanischen Ärzte haben den besten Ruf. In Europa gibt es keine guten Ärzte mehr.“

Mit an Deck ist die sogenannte Millionärin, die eine künstliche Kniescheibe hat. Sie erzählt, dass Wiener und Schweizer Kliniken ihr Knie „verpfuscht“ hätten: „In Europa praktizieren ja wirklich nur Stümper.“

Szenenwechsel. Im Stück Ritter, Dene, Voss ist auch ein Arzt des Bösewicht. Voss: „Ich hasse Frege, ich hasse Ärzte, aber den Dr. Frege hasse ich am tiefsten. Diese Leute decken uns fortwährend mit ihrem Unrat zu, sehen nichts, denken nichts, handeln mörderisch und nennen sich Hausarzt.“ Und er führt ein Beispiel an: „Wir gehen hin, weil uns die Blase weh tut, und er schaut uns in die Ohren. Wir sagen, es schmerzt im rechten Knie. Er klopf uns die Brust ab … Die Medizin ist ein perverse Denkmalpflege.“

Alles in allem: „Zehn Minuten siebenhundert Schilling. Das sind die Ärzte. Wir bitten einen Hinweis, Hilfe. Aber sie weisen auf nichts hin, helfen nicht.“

Keine schönen Worte. Die Zitate sind natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Im Fall von Bernhard ist das zulässig, denn der Autor führt keine Begründungen für seine Thesen an. Wie in unserer Auflistung, so fallen Bernhards pauschalisierenden und einseitigen Verdikte genauso umweglos und apodiktisch in seinen Stücken.

Bernhard kennt nicht das geduldig abwägende Für und Wider, nur das absolute Urteil. Typisch seine „All- und Existenzsätze“, mit dem Vokabular der Ausschließlichkeit und Totalität. Der Superlativ feiert bei ihm fröhliche Urständ zu Ungunsten einer differenzierten Betrachtung.

Wendelin Schmidt-Dengler, einst Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, nannte den Autor einen „Übertreibungskünstler“: „Bernhard übertreibt, um kenntlich zu machen, und im Gegenzug werden die, die sich zu seinem Werk äußern, kenntlich.“ Und tatsächlich übertreibt Bernhard auch, wenn er, selten genug, über Ärzte einmal schmeichelhafte Worte findet, wie in dem Stück Der Ignorant und der Wahnsinnige. Der Doktor sagt: „Die Musik ist erfahrungsgemäß die Kunst, in welche die Mediziner vernarrt sind. Und jeder zweite spielt am Abend Geige oder Klavier. Und wenn sie sich in den Wohnungen der Ärzte umsehen, entdecken sie ganze Galerien von Klavierauszügen aller möglichen Opern, und wie Sie wissen, sind die besten Musiker aus alteingesessenen Medizinerfamilien hervorgegangen.“ Auch dies Sätze zum Lachen.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 1 /2011

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