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Foto: www.lukasbeck.com
Hans Hollmann (im Vordergrund) als Fürst Saurau in Thomas Bernhards Verstörung, Landestheater Niederösterreich.
 
Leben 5. Jänner 2011

Einen Tag lang auf Visite

Uraufführung von Thomas Bernhards Verstörung in St. Pölten.

Vor zwölf Jahren starb Thomas Bernhard. Die Stücke des österreichischen Autors werden in der ganzen Welt gespielt. Nun präsentiert das Niederösterreichische Landestheater eine Bernhard-Uraufführung.

„Die Katastrophe fängt damit an, dass man aus dem Bett steigt.“ Mit dieser Sentenz endet die Aufführung von Thomas Bernhards Verstörung. Aufführung? Ja, das Landestheater Niederösterreich hat eine dramatische Fassung dieser Erzählung des österreichischen Autors (1931–1989) erstellt und nun zur Uraufführung gebracht.

Das Leben: eine Katastrophe. So stellt es sich zumindest für den Landarzt (gespielt von Paul Wolff-Plottegg) in Verstörung dar. Tag für Tag hat er es mit ungeheuerlichen Fällen zu tun: Da ist ein kleines Kind in einen, mit siedendem Wasser angefüllten, Schweinebottich gefallen; dort kann er bei einer Gastwirtsfrau, die von einem Gast niedergeschlagen worden ist, nur noch den Tod feststellen.

Das Absurde und Groteske

Sein Sohn soll sehen, wie es um die Welt bestellt ist, daher nimmt der Landarzt ihn auf Visite mit, einen Tag lang. In dieser Bühnenfassung (erstellt von dem Regisseur Karl Baratte und der Dramaturgin Gwendolyne Melchinger) ist es wie in Bernhards originalen Theaterstücken: Die Schrecknisse ereignen sich nicht auf der Bühne, quasi in der Jetztzeit, sondern es wird von ihnen berichtet, sie liegen also bereits zurück. Und das heißt wiederum: Das Bühnengeschehen erweist sich als recht statisch, dafür wird umso mehr geredet. Und gerade das ist typisch für Bernhard, mit dem Unterschied, dass in seinen Stücken meist eine Person monologisiert (und der Partner somit zum Schweigen verdammt ist) und hier in der Bühnenfassung das gewaltige Textvolumen auf mehrere Personen aufgeteilt ist.

Das Schöne und Unterhaltsame an Bernhard: Er lässt den Schrecken und das Ungeheuerliche immer ins Groteske und Absurde kippen. Lange Zeit wurde er als Misanthrop abgetan, mittlerweile ist er als begnadeter Komödienautor entdeckt worden. Das Premierenpublikum hatte denn auch viel zu lachen, insbesondere im zweiten Teil, als der Fürst Saurau seinen Auftritt hat, gespielt von Hans Hollmann. Ein gebieterischer alter Mann, „so wahnsinnig wie reich“. „Hören Sie“, sagt er zum Landarzt, „ich habe mein ganzes Leben nur Kranke und Verrückte gesehen. Die Menschen sind nichts anderes als in die Milliarden gehende ungeheure auf die fünf Kontinente verteilte Sterbensgemeinschaft.“ Ja, keiner konnte so schön schimpfen wie Bernhard.

 

Landestheater Niederösterreich, Rathausplatz 11, 3100 St. Pölten, Tel.: 02742/908060-0.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 1 /2011

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