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Foto: Erika Schmied
1971, Bernhard gut aufgelegt wie oft.
 
Leben 12. Februar 2009

Der Übertreibungsvirtuose

Vor 20 Jahren starb Thomas Bernhard: Zu Lebzeiten umstritten, heute verehrt.

Schlechte Laune und niedergedrückt? Der Germanistikprofessor Wendelin Schmidt-Dengler empfahl als Therapeutikum die Lektüre von Thomas Bernhard, die sorge verlässlich für gute Laune. Aus dem Nachlass des österreichischen Autors ist nun sein Werk „Meine Preise“ erschienen.

 

Ein Kulturminister ist, sollte man meinen, ein kultivierter Mensch. Belesen, gebildet, kunstinteressiert, humorvoll und nicht zuletzt auch mit der Gabe zur Selbstironie ausgestattet. Alles Eigenschaften, die Piffl-Percevic, österreichischer Kultur-, Kunst- und Unterrichtsminister Ende der Sechzigerjahre, nicht gerade an den Tag legte, wie eine Festzeremonie zeigte. Im Audienzsaal seines Ministeriums wurde der Österreichische Staatspreis für Literatur verliehen, und der Geehrte sagte in seiner Rede Sätze wie „Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“ und „Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozess der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft.“

Sätze, die den einen zum Nachdenken und den anderen zum Schmunzeln anregen. Nicht so Piffl-Percevic. Der Minister stand mitten im Festakt auf und verließ wütend den Saal, nicht ohne die Saaltür mit lautem Krach ins Schloss zu schlagen.

Der „Nestbeschmutzer“

Mehr als 40 Jahre liegt diese Begebenheit zurück, sie wird uns nun wieder in Erinnerung gerufen, weil sie in Thomas Bernhards jüngster Veröffentlichung „Meine Preise“ erwähnt wird. Der Geehrte und Festredner war nämlich niemand anderes als Bernhard (1931–1989), der österreichische Schriftsteller, dessen Todestag sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährt.

Heute ist Bernhard der Gefeierte, der große österreichische Autor, und niemand wagt es, ein schlechtes Wort über ihn zu sprechen. Seine Texte sind geradezu heilig, das sieht man nicht zuletzt daran, dass der Band aus seinem Nachlass „Meine Preise“ mit allen grammatikalischen Unkorrektheiten veröffentlicht ist – der Lektor hat nicht etwa ungenau gearbeitet, sondern sich gleichsam vor der Autorität des Dichters verneigt.

Zu Lebzeiten hatte Bernhard freilich kein leichtes Los. Er wurde als „Nestbeschmutzer“ beschimpft, nicht wenigen, die damals mit in diesen Chor eingestimmt haben, ist das heute unendlich peinlich. Wie der Gmundner Arzt Peter Fabjan sagt, war es nicht zuletzt die Aufregung um die Aufführung von „Heldenplatz“ am Burgtheater, inklusive aller Demütigungen und Verfolgungen, die mit zu dem frühen Tod seines Bruders am 12. Februar 1989 geführt hat.

Gewiss, Bernhard hat nicht nur einstecken müssen, er hat auch ordentlich ausgeteilt. Hat über Leute, Städte, Flüsse, Länder geschimpft. Es gab praktisch nichts, worüber er sich nicht echauffieren konnte. Sei es der „Nadelstreifensozialist“ Vranitzky oder die „Kloake“ Lech. Allerdings: Seinen Großvater Johannes Freumbichler, auch (erfolgloser) Schriftsteller, hatte Bernhard über alles geliebt.

Bernhard hatte nichts zu verlieren. Bereits als junger Erwachsener hatte er, wie er in seinen autobiografischen Romanen schreibt, den Tod vor Augen. War wegen einer Lungenkrankheit von den Ärzten bereits aufgegeben und in das Sterbezimmer geschoben worden. Kraft seines eigenen Willens, schreibt er in „Der Atem“, blieb er am Leben, rappelte er sich noch einmal auf. Vielleicht war es dieses Erlebnis, das ihn die Welt fortan mit einiger Abgeklärtheit betrachten ließ. Und wahrscheinlich war es tatsächlich seine tiefe Überzeugung, dass angesichts des Todes aller Ärger, alle Aufregung, alle Anstrengungen letztlich lächerlich sind.

Bernhard: ein typisch österreichischer Rappelkopf. Der da schimpfte und wütete, tat das mit allergrößter Kunstfertigkeit. Und auch mit derartiger Übertreibung, dass der Umschlag in die Komik offensichtlich war. Der (im letzten Jahr verstorbene) Germanistikprofessor Wendelin Schmidt-Dengler empfahl denn auch die Lektüre von Bernhard gleichsam als Therapeutikum: Ginge es einem schlecht, solle man ein paar Zeilen Bernhard lesen, das heitere einen unweigerlich wieder auf. Andere, wie etwa Piffl-Percevic, nahmen Bernhards Schimpfkanonaden dagegen für bare Münze.

Eingang in die Weltliteratur

Was sagt Bernhard in „Meine Preise“ über den Minister? Schlagen wir nach: „Dieser Piffl-Percevic war mir immer ein Gräuel gewesen, denn er konnte keinen einzigen Satz korrekt zuende sprechen und es mag sein, dass er etwas von obersteirischen Schweinen und Kühen verstand, von Kunst und Kultur verstand er jedenfalls nichts, obwohl er ununterbrochen und überall von Kunst und Kultur redete.“

Kein schönes Wort. Andererseits: Welcher Minister kann sich schon rühmen, Eingang in die Literatur gefunden zu haben. Sogar in die Weltliteratur, wie heute niemand mehr ernsthaft bestreitet.

 

Thomas Bernhard: Meine Preise, 144 Seiten, Euro 16,30, Suhrkamp Verlag, Frankfurt. ISBN 978-3-518-42055-3

Foto: Erika Schmied

1971, Bernhard gut aufgelegt wie oft.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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