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Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach
Alfred Döblin. Gemälde von Rudolf Schlichter, 1927

Umschlag der Erstausgabe von Berlin Alexanderplatz, 1929

Foto: Stefan Döblin

Alfred und Erna Döblin in Berlin.

 
Leben 7. Dezember 2010

Der Berliner Armenarzt

Arzt und Autor: Alfred Döblin (1878–1957).

Berlin Alexanderplatz – den Roman kennt wohl jeder, sei es auch nur vom Hörensagen. Weniger bekannt ist, dass sein Autor Alfred Döblin Arzt war. Erinnerung an einen Klassiker der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

Der Nobelpreisträger Günter Grass schrieb Ende der 1960er-Jahre „über meinen Lehrer Döblin“: „Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär…“ Niemandem konnte er es recht machen. Alfred Döblin (1878 – 1957) saß zwischen allen Stühlen.

Am 10. August 1878 geboren, interessiert sich Döblin früh für Literatur, Philosophie und Musik, so sehr, dass seine schulischen Leistungen darunter leiden. Er will Schriftsteller werden, doch seine Eltern wollen, dass er einen „ordentlichen Beruf“ ergreift, nämlich Zahnarzt wird. Schließlich können sie sich auf einen Kompromiss einigen: „Ich ging in gewisser Weise auf den Plan der Familie ein und stimmte zu, zwar nicht Zahnarzt, aber Mediziner zu werden. Denn hier konnte ich Naturwissenschaften treiben und bekam auch den realen Menschen zu sehen. Ich wollte erfahren, wie es allgemein, ganz allgemein um den Menschen steht.“

Kassenarzt in Berlin

Aus dem schlechten Schüler wird ein „ausgezeichneter Student“, wie Oliver Bernhardt in seiner Döblin-Biographie schreibt. Neben Vorlesungen in Medizin besucht er auch solche in Philosophie. Und er schreibt Der schwarze Vorhang, dieser frühe Roman fällt weniger durch seinen Inhalt als seine Form auf, denn in ihm werden biblische, mythologische und literarische Momente miteinander vermengt, aus der Überzeugung, dass die zerfallende Wirklichkeit nicht länger in der traditionellen Romanform darzustellen sei, sondern ihr die Collage aus Fragmenten eher gerecht werde. Eine aus den Fugen geratene Welt könne nur als Stückwerk wiedergegeben werden. Der Autor ist einer der Begründer des sogenannten Montageromans.

Döblin fühlt sich in Berlin wohl. Hier studiert er, hier hat er auch Kontakt zur intellektuellen Bohème. 1905 schließt er sein Studium mit der Dissertation „Gedächtnisstörungen bei der Kosakoffschen Psychose“ ab.

„Ich ging als Assistent in mehrere Irrenanstalten. Unter diesen Kranken war mir immer sehr wohl. Damals merkte ich, dass ich nur zwei Kategorien Mensch ertragen kann neben Pflanzen, Tieren und Steinen: nämlich Kinder und Irre. Diese liebte ich immer wirklich“, schreibt Döblin in seiner Selbstauskunft „Arzt und Dichter“. Doch er wird nicht Psychiater, sondern Kassenarzt in Berlin. Seine Ordination hat er im Osten der Stadt, dort, wo die sogenannten einfachen Leute leben. Sein täglicher Kontakt mit ihnen hilft ihm, die Welt des kleinen Transportarbeiters Franz Biberkopf zu zeichnen, in Berlin Alexanderplatz, dem Roman, der ihn bekannt machen soll. So bekannt, dass er seine Ordination in den feineren Berliner Stadtteil Charlottenburg verlegt, aber nicht für lange Zeit, denn bald kehrt er in seinen geliebten Arbeiterbezirk zurück, wo er sich wohler fühlt.

In Armut

Döblin wird gefeiert. Thomas Mann notiert anerkennend über Berlin Alexanderplatz: „Döblin hat jetzt ganz sich selbst gefunden, indem er die Erfahrungen seines Lebens als Armenarzt im Berliner Osten zu seinem Stoff macht… Ich bekenne, dass ich in Bewunderung stehe vor diesem großartig gelungenen Versuch, die proletarische Wirklichkeit unserer Zeit in die Sphäre des Epischen zu heben.“

Döblin kennt aber auch die andere Seite. Die Seite der Erfolglosigkeit und der Armut. Lange Zeit konnten er und seine Familie nur überleben, weil ihm der Verleger Samuel Fischer großzügig mit Spenden und Vorschüssen aushalf. Döblin schreibt über seine Situation Anfang der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts: „Es ist, um einfach und relativ ernst zu sein, so, dass ich nach meilenlanger medizinischer Vorbereitung, nach jahrzehntelanger literarischer Arbeit weder ärztlich noch literarisch existenzfähig bin. Sie fragen, warum? Meine Herren, das ist leicht auszurechnen. Sie müssen einmal eine Kassenpraxis haben und wissen, was dabei herausschaut, wenn man nicht wie ein Tier von früh bis in die Nacht arbeitet. Da kann aus mir, der sich in letzter Zeit einige Mittagsstunden freigehalten hat (nicht zum Schlafen) nichts werden. Und die Literatur? … Von allen meinen Büchern habe ich zuletzt eine reale Jahreseinnahme von nicht zweitausend Mark gehabt! Also weniger als ein kleiner Angestellter verdient, ein ganz kleiner.“

Ein Schicksal, das Döblin auch später noch einmal ereilen wird, dem Schriftsteller, der heute als Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt. Die Nazis kommen an die Macht und Döblins Bücher auf den Scheiterhaufen. Er flieht mit seiner Frau nach Frankreich, später nach Amerika. In Hollywood verdingt er sich als scriptwriter, recht erfolglos, und im Gegensatz zu anderen emigrierten Künstlern wie etwa Lion Feuchtwanger, der eine Villa am Pazifik hat, kann er in der Fremde nicht Fuß fassen.

Im Pariser Exil

Und zu Hause dann auch nicht wieder. Oder besser gesagt: seine Frau nicht. Nach dem Krieg kehren sie nach Deutschland zurück. Döblins Frau kann sich unter den Menschen nicht wohl fühlen, die sie wenige Jahre zuvor aus dem Land vertrieben haben. Also geht das Paar nach Paris. Die letzten Jahre verbringt Döblin einsam und isoliert im fremdsprachigen Ausland – gefesselt an sein Zimmer, da ihn die Parkinsonsche Krankheit plagt, dazu Blasenleiden, die Folgen eines Herzinfarkts, sowie schwere Sehstörungen. Tod am 27. Juni 1957.

 

Die Bilder sind dem Band entnommen: Oliver Bernhardt: Alfred Döblin, dtv, München, 2007

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 49 /2010

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