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Urintafeln oder Harnglasscheiben halfen als Vergleich bei der oft schwierigen Beurteilung der Harnveränderungen.

Der erste „beim Hahnenschrei“ produzierte Harn wurde in einem Gefäß, der Matula, gesammelt und vor der Sonne geschützt zum Arzt gebracht.

Fotos (3):  Nanut/Regal

Über 20 Farben mussten beachtet und genau beschrieben werden.

 
Leben 7. Dezember 2010

Von Brunzdoktoren und Pisspropheten

Jahrhundertelang war die Harnschau das Symbol der Heilkunst.

Über Jahrhunderte war nicht das lässig um den Hals getragene Stethoskop oder der durchlöcherte Stirnspiegel, sondern eine bauchiges Glas mit frischem Harn Standes- und Statussymbol des gelehrten Arztes. Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war die Harnschau – Uroskopie – eine der wichtigsten diagnostischen Maßnahmen und der Arzt mit dem gewichtigen, prüfenden und wissenden Blick auf das Harnglas in seiner erhobenen Hand das Sinnbild der Heilkunst. Vom gemeinen Volk wurden die Ärzte manchmal abfällig auch als Brunzdoktoren bezeichnet.

 

Heute, in einer Zeit, in der kaum ein Arzt – einmal abgesehen von Spezialisten – jemals den Harn eines seiner Patienten tatsächlich zu Gesicht bekommt, üblicherweise begnügt er sich ja mit dem ausgedruckten Befund, ist es für moderne Mediziner mehr als verwunderlich, dass nicht nur Quacksalber, sondern auch gelehrte Ärzte damals glaubten, aus dem Urin praktisch „jedwede Krankheit“, sogar Knochenbrüche und Schwangerschaften, mit bloßem Auge diagnostizieren zu können.

Verteilung der Körpersäfte entscheidend

Theoretischer Hintergrund für diesen höchst dubiosen „Blick“ in den Körper war die von Galen, der damals noch unumstrittenen medizinischen Autorität, eingeführte „Säftelehre“ oder Humoralpathologie. Derzufolge war nicht ein Organ im Körper, sondern die richtige Verteilung der vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – für Gesundheit oder Krankheit verantwortlich. War das Mischungsverhältnis der durch „Kochung“ des Speisebreis in der Leber entstandenen Körpersäfte gestört, galt das als wesentliche Ursache der Krankheit. Das wichtigste Ausscheidungsprodukt dieser Säfte – günstigerweise auch noch leicht und praktisch immer verfügbar – war der Urin. In ihm musste sich dieses Missverhältnis widerspiegeln und das Wesen der Krankheiten zeigen.

Der erste „beim Hahnenschrei“ produzierte Harn wurde in einem Gefäß, der Matula, gesammelt und dann, in einem speziellen Korb vor der Sonne geschützt, zum Arzt gebracht. Der befundende Arzt sah also den Kranken oft gar nicht und erhielt auch vom Überbringer des Harnes absichtlich keinerlei Information über den Patienten, oft nicht einmal bezüglich Alter und Geschlecht und seine Beschwerden. Nicht nur das einfache Volk war der Meinung, „ein geschickter Arzt müsse durch den bloßen Blick auf den Harn alles erkennen und richtig behandeln können“. Die Harnschau wurde auch als eine Art Test eingesetzt, mit dem man die Kompetenz und das Können des Arztes prüfen konnte. Und obwohl einige Ärzte durchaus der Meinung waren, dass die Harnschau, ohne den Kranken zu „sehen, fülen und fragen“, ein „gefarlich Dinck“ sei, diagnostizierten und behandelten die meisten Ärzte in der Praxis weiterhin ausschließlich auf Grund der Uroskopie aus den „stinckendten Bruntzen“, der ihnen ins Haus gebracht wurde.

Kolorierte Scheiben, sogenannte Urintafeln oder Harnglasscheiben, halfen als Vergleich bei der oft schwierigen Beurteilung der Harnveränderungen. Über 20 Farben, von kamelhaarweiß über brombeerrot und fahlgrün bis zu schwarz, zahlreiche verschiedene Schwebeteilchen, unterschiedliche Konsistenzen und Sedimente mussten beachtet und genau beschrieben werden. Auch die räumliche Lage der „Contenta“, der ungelösten Bestandteile des Harnes, wurde in die Diagnose einbezogen, da sie angeblich darauf hinwies, in welcher Höhe die „angegriffenen Orte“ des Körpers liegen.

Recht gefährlich oder kompromittierend konnten Fehldiagnosen für den Arzt aber letztlich nicht wirklich werden. „Ift daz harn rot unde dicke und ist sin vil, so ist die lungel zebrosten.“ Solch eine Diagnose im 13. Jahrhundert zu überprüfen, war praktisch unmöglich. Von diesem Nimbus des vermeintlich „guten Diagnostikers“ lebten viele angesehene Ärzte sogar bis in die jüngste Zeit aber recht gut.

Uromantie – Weissagekunst aus dem Harn

Gleichzeitig mit der „wissenschaftlichen“ Uroskopie entwickelte sich auch die Uromantie, die Weissagekunst aus dem Harn. Quacksalber und Scharlatane, von seriösen Ärzten „Pisspropheten“ geheißen, betrieben überaus einträgliche Geschäfte mit der Leichtgläubigkeit ihrer Patienten. Und obwohl zahlreiche namhafte Mediziner gegen den mit der Harnschau betriebenen Unsinn zu Felde zogen, blieb die Harnschau und auch die Wahrsagerei aus dem Harnglas bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts en vogue. Selbst der junge Goethe soll im Jahr 1779 zu Micheli Schüpbach, damals einer der bekanntesten Uromanten, ins Emmental in der Schweiz gepilgert sein. Ob er den Vorhersagen aus dem Harn glaubte, ist nicht bekannt.

Alchemistische Harndestillation

Einer der Ersten, die die heiligen Glaubenssätze der mittelalterlichen Medizin und damit auch die medizinischen Autoritäten Galen und Hippokrates ablehnten, war Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 – 1541), der sich selbst später Paracelsus nannte. Als Arzt und Alchemist – Paracelsus sah die Krankheiten als eine Störung alchemistischer Prozesse im Körper und gilt heute als Begründer der „Iatrochemie“, einer Vorstufe der klinischen Chemie – regte er die Destillation des Harnes an, dürfte sie aber selbst nie durchgeführt haben. Mit dieser neuen Art der Harnanalyse und Diagnose reüssierte sein Schüler und Bewunderer Leonhard Thurneysser zum Thurn (1531 – 1596) in Berlin. Für eine nicht geringe Summe erhielt der Patient einen ausführlichen Krankheitsbericht und eine genaue Therapievorschreibung. Mit seiner alchemistischen Harndestillation – er erstellte auch Ferndiagnosen aus Harnproben, die ihm aus ganz Deutschland geschickt wurden – wurde Thurneysser einer der berühmtesten, reichsten, aber auch zwielichtigsten Ärzte des 16. Jahrhunderts. Auch wenn diese alchemistische Harndestillation noch keineswegs der Vorläufer einer exakten naturwissenschaftlichen Harnuntersuchung war, so war es doch der erste Versuch, naturwissenschaftliche Methoden in die Diagnostik einzuführen.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Harnschau in der Medizin aus der Mode. Die rasante Entwicklung der Chemie und die mikroskopische Beurteilung der Harnsedimente führte bald, zumindest in den großen Kliniken, zu einer tatsächlich wissenschaftlich fundierten Diagnostik des Harns.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut , Ärzte Woche 49 /2010

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