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Foto: Cantz Medienmanagement, Ostfildern
Paul Cézanne: Stilleben mit angeschnittener Wassermelone, um 1900. Derzeit im Wiener Leopold Museum zu sehen.
Foto: Christian Baur, Basel

Paul Cézanne: Sieben Badende, um 1900.

Glanz und Elend des Gehirns Semir Zeki 250 Seiten, € 25,60 Reinhardt Verlag, 2010 ISBN 9783497021192

 
Leben 1. Dezember 2010

Neurobiologie im Spiegel der Kunst

Semir Zekis neue Veröffentlichung: „Glanz und Elend des Gehirns“.

Von Mag. Wenzel Müller

Warum wird ein und dasselbe Kunstwerk von dem einen herrlich und von dem anderen schrecklich gefunden? Wie sind die unterschiedlichen, ja diametral entgegengesetzten Reaktionen zu erklären? Der bekannte englische Hirnforscher Prof. Dr. Semir Zeki versucht darauf eine Antwort zu geben.

 

Michelangelo (1475-1564) schuf die Fresken und Malereien in der Sixtinischen Kappelle, auch die David Statue. Seine Meisterwerke sind weithin bekannt. Weniger bekannt ist, dass immerhin zwei Drittel seiner Skulpturen unvollendet geblieben sind.

Ein ähnliches Phänomen finden wir bei Paul Cézanne (1839-1906), dem französischen Maler, der heute als Begründer der Moderne gilt. Er zerstörte viele seiner Werke, weil er mit ihnen nicht zufrieden war. Warum dieses Scheitern? Warum waren diese Künstler, zweifellos Meister ihres Fachs, nicht in der Lage, ihre Arbeiten zu einem ordentlichen Abschluss zu bringen? Eine Frage, auf die Kunsthistoriker schon viele Antworten gegeben haben. Sie führen bei Michelangelo gerne Arbeitsüberlastung und Geldknappheit als Gründe an und bei Cézanne eine Persönlichkeitsstörung und allgemeine körperliche Schwäche.

Synthetisches Hirnkonzept

Eine andere These formuliert Semir Zeki, Professor für Neurobiologie und Neuroästhetik am University College, London, in seinem Buch, das in der deutschen Übersetzung lautet „Glanz und Elend des Gehirns“: Er führt als Ursache an, dass die beiden Künstler jenes Ideal, das sie vor ihrem inneren Auge hatten, nicht in Stein bzw. auf die Leinwand umzusetzen vermochten. Oder um es mit seinen Worten auszudrücken: Ihre Werke entsprachen nicht ihrem „synthetischen Hirnkonzept“. Bevor sich die Künstler auf einen faulen Kompromiss einließen, brachten sie das Werk erst gar nicht zu Ende bzw. versuchten sich immer wieder am gleichen Sujet.

Im Zweifeln und Verzweifeln sieht der Londoner Hirnforscher mehr oder weniger ein Schicksal aller Künstler und gerade ein Kennzeichen der großen Meister. Denn die seien in der Regel nie mit dem zufrieden, was sie erschafften.

Die hohen, ja überhohen Ansprüche, die die großen Künstler an sich selber stellen, ist das eine. Das andere, wie wir diese Kunstwerke rezipieren. Auch bloß als Fragment, als unfertiges Stückwerk? Keineswegs, sagt Zeki. Vielmehr würden wir auch in den unvollständigen Werken große Kunst erkennen. (Werke vom Paul Cézanne sind gerade in der Ausstellung „Meisterwerke der Fondation Beyeler“ im Wiener Leopold Museum zu sehen, bis 17.1.2011). Warum? Weil unser Hirn keine Schwierigkeiten habe, Unfertiges zu vervollständigen. Ja, darin sehe es sogar eine reizvolle Herausforderung. Langweilig dagegen Werke, die alles sagten, die keine Rätsel aufwiesen, die nur eine, nicht mehrere Interpretationen zuließen.

Zeki leistet in seinem Buch zweifache Arbeit. Er liefert uns zum einen mit den Erkenntnissen der Neurobiologie einen möglichen Zugang zur Kunst. Zum anderen führt er am Beispiel unserer Kunstrezeption aus, wie unser Gehirn funktioniert, wie wir also ticken.

Basale und erworbene Konzepte

Weiter oben ist bereits der Begriff „synthetisches Hirnkonzept“ gefallen. Unser Hirn, schreibt Zeki, ist stets auf Erkenntnis ausgerichtet, darauf, die eintreffenden Signale nach einem wohlgeordneten System zu klassifizieren. Dazu stehen uns einerseits angeborene Konzepte zur Verfügung, die auf einer unteren, quasi automatischen Ebene funktionieren und wenig bis gar keine Gedankenarbeit erfordern. Dazu zählt der Hirnforscher beispielsweise die Farberkennung. Sie läuft wie von selbst ab. Einen roten Tisch erkennen wir auf Anhieb als rot. Ja, wir können auch gar nicht anders, als ihn so wahrzunehmen. Durch Willensanstrengung, mag sie auch noch so ausgeprägt sein, können wir diesen Eindruck nicht variieren, dazu fehlt uns, wie Zeki schreibt, die Freiheit. Zu den angeborenen, quasi basalen Konzepten kommen die erworbenen hinzu, erworben durch Erziehung, Erfahrung, kulturelle Einflüsse. Diese beiden Konzepte bilden zusammen das synthetische Hirnkonzept, jenes, das die Ordnung und Klassifizierung der eintreffenden Signale vornimmt.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Sagt der Volksmund. Zeki liefert dafür die neurobiologische Grundlage. Alle Menschen, sofern bei ihnen keine Störung vorliegt, erkennen die Farbe Rot als rot. Doch alle Menschen reagieren wieder anders auf Kunstwerke. Wobei die Reaktionen sogar diametral entgegengesetzt sein können. Ein und dasselbe Werk, neurobiologisch gesprochen: ein unveränderlicher äußerer Reiz, kann bei dem einen Freude, bei dem anderen Ärger auslösen. Gefühle, die sich mittels moderner Aufzeichnungsgeräte auch objektivieren und quantitativ messen lassen. Bei Freude kommt es zu einer höheren Aktivität im orbifrontalen Kortex, der zum Belohnungssystem des Gehirns gehört. Diese Freude und diese Bewertung müssen nicht für alle Zeiten gleich bleiben, neue Erfahrungen können unseren Verarbeitungsapparat modifizieren.

Für Zeki zeigt sich die Qualität eines Kunstwerks nicht zuletzt darin, dass es unterschiedliche Interpretationen und Reaktionen zulässt. Denn das bedeute, dass dieses Kunstwerk in der Lage ist, einiges im Menschen zu bewegen. Dazu ist, klassisches Beispiel, insbesondere Jan Vermeers (1632-1675) Gemälde „Mädchen mit Perlenohrring“ in der Lage. Dieses Mädchen erscheint uns zugleich einladend und distanziert, voller erotischer Spannung und keusch, vorwurfsvoll und doch erfreut. Ganz unterschiedliche und gar gegensätzliche Merkmale vereint dieses Porträt. Es wird daher von der Kunstgeschichtsschreibung als Meisterwerk gefeiert. Der Hirnforscher betont in seinem Buch, dass es genau genommen der Betrachter ist, der qua seines Erkenntnisapparats zu diesen verschiedenen Auslegung tendiert.

Neurobiologie bestätigt Kant

Zeki meint auch, dass die Neurobiologie heute Thesen bestätigen könne, die Philosophen schon vor längerer Zeit aufgestellt haben. So etwa die von Immanuel Kant (1724-1804), dass der Mensch das „Ding an sich“ nicht erkennen könne. Denn die Erkenntnis eines Dings sei immer an die Leistungen seines Verstands gebunden – heute würden wir sagen: seines Gehirns. Alle Erkenntnis sei somit Kopfwissen. Und Schopenhauer sagte, dass „durch das Kunstwerk nicht Alles geradezu den Sinnen gegeben werden darf, vielmehr nur so viel, als erfordert ist, die Phantasie auf den rechten Weg zu leiten: ihr muß immer noch etwas, und zwar das letzte zu thun übrig bleiben.“

Für Michelangelo soll es im Übrigen nicht weiter schlimm gewesen sein, dass er viele seiner Werke nicht vollendete. Es sei keine Tragödie, sagte er, sich hohe Ziele zu setzen und sie nicht zu erreichen. Wohl aber sich niedrige Ziele zu setzen und sie zu erreichen.

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