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Foto: MUMOK, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung
3. Aktion von Rudolf Schwarzkogler, Wien 1965, fotografiert von H. Cibulka.
 
Leben 5. Februar 2009

„Tief im Gewebe der Gegebenheiten“

Ausstellung in der Wiener Galerie Westlicht: „Der chirurgische Blick“.

Die Aufregung hat sich gelegt. In den Sechzigerjahren sorgten die sogenannten Wiener Aktionisten noch für Skandale, heute haben sie einen festen Platz in der Kunstgeschichte. Eine aktuelle Ausstellung untersucht die Rolle, die die Fotografie innerhalb dieser ereignishaften Kunstform gespielt hat.

 

Ludwig Hoffenreich: Der Name dürfte nur wenigen Menschen ein Begriff sein. Dabei spielt er für die österreichische Kunstgeschichte eine bedeutende Rolle, eine Rolle, der er sich wohl selbst nicht bewusst war. Hoffenreich (1902-1975) war jener Fotograf, der der sehr viele der frühen Aktionen von Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler im Bild festgehalten hat.

Mit den hier angeführten Namen assoziieren wir heute Revolte und Aufbruch. Tatsächlich ging es den Künstlern um die Überwindung, ja „Zertrümmerung“ des Tafelbilds. Anfang der Sechzigerjahre machten sie ihre Aktionen allerdings noch nicht vor Publikum, vielmehr im stillen Kämmerlein: Sie bemalten, verletzten und beschmierten sich – und der Fotograf war es, der diese jeweils einmaligen Momente auf Film bannte. Gäbe diese Dokumente nicht, so wüssten wir heute auch gar nicht, was damals in Österreich für große Aufregung sorgte, bis hin zur Verfolgung durch die Staatsorgane. Die bisher weitgehend unterbelichtete Rolle der Fotografie im Rahmen des sogenannten Wiener Aktionismus ist nun Thema der aktuellen Ausstellung „Der chirurgische Blick“ in der Wiener Galerie Westlicht.

Wiener Aktionismus: Dieser Begriff ist heute fest etabliert. Er steht für eine originär österreichische Kunstrichtung, die nach neuen Ausdrucksformen suchte und eine Gegenposition insbesondere zu der in den 1960er Jahren populären abstrakten Kunst einnahm. Den Aktionisten ging es um „körperliche“ und „direkte“ Kunst. Nitsch experimentierte mit Blut, Brus malte nicht auf Leinwand, sondern den eigenen Körper, Muehl suchte den Exzess und Schwarzkogler eher die Provokation.

Begriff von Peter Weibel

Der Begriff „Wiener Aktionisten“ war keineswegs von Anfang da. Ihn haben sich deren Protagonisten auch nicht selbst gegeben. Sie arbeiteten vielmehr anfangs jeder für sich, erst später kam es fallweise zu gemeinsamen Aktionen. Es war der Künstler und Kunsttheoretiker Peter Weibel, der in den 1970er Jahren, im Rückblick gewissermaßen, diesen Begriff geprägt hat.

Was in den Sechzigerjahren noch für Aufregung und Skandale sorgte, gilt heute international als ein bedeutender, wenn nicht sogar der bedeutendste Kunst-Beitrag Österreichs in der Nachkriegszeit. Auch hierzulande haben sich die Gemüter mittlerweile beruhigt. Die kleine Gemeinde Mistelbach hat sogar Nitsch ein eigenes Museum gewidmet – zur Eröffnung kam kein Geringerer als Landeshauptmann Erwin Pröll. Gute Voraussetzungen, um in Ruhe und mit einer gewissen Distanz die Geschichte des Wiener Aktionismus aufzuarbeiten. Heute kann man auch der Meinung sein, dass diese Kunst völlig überschätzt wird, ohne gleich als Spießer diffamiert zu werden.

Aus der Sammlung Konzett

Welche Rolle spielte also die Fotografie innerhalb des Wiener Aktionismus? In erster Linie diente sie der Dokumentation der ereignishaften Kunstwerke. Die Aktionisten arbeiteten gerne mit Pressefotografen wie Hoffenreich zusammen, die keine künstlerischen Ambitionen hatten. Die Auftragsarbeiten von damals besitzen heute Kunststatus. In der Westlicht-Ausstellung sind vor allem Bestände aus dem Besitz des Wiener Kunsthändlers Philipp Konzett zu sehen.

Fotograf – Chirurg

„Der chirurgische Blick“ – was hat es mit diesem Titel auf sich? Der Kurator Dr. Hubert Klockner erklärt, dass er sich damit auf Walter Benjamins berühmte Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ bezieht, in der der Kulturtheoretiker der Kamera die Charaktereigenschaften eines chirurgischen Vorgangs attestiert. So wie der Chirurg mit dem Seziermesser, so zerlege auch der Fotograf mit der Kamera sein Objekt in feine Details. Klockner: „Film und Fotografie sind, wie Benjamin es formuliert hatte, dazu geeignet, tief ins ,Gewebe der Gegebenheiten’ einzudringen und die Aktionen direkt und intensiv zu vermitteln. Tatsächlich spürt man bei der Betrachtung der Fotografien der Aktionisten einen schmerzhaften Schock, aber auch die Neugierde, welche über das Medium hinaus auf das Prozesshafte der Aktion verweist, in deren System eindringt und versucht, deren Struktur aus der Distanz resultierender Bildsprache erkennbar und begreiflich zu machen.“

 

Westlicht. Schauplatz für Fotografie: Ausstellung Der chirurgische Blick bis 22.3.09. Westbahnstraße 40, 1070 Wien.

Foto: MUMOK, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung

3. Aktion von Rudolf Schwarzkogler, Wien 1965, fotografiert von H. Cibulka.

Foto: Günter Brus

Günter Brus, „Selbstbemalung I“, Aktion, 1964.

Foto: Otto Mühl/VBK, Wien 2008

Otto Muehl, Aktion Bodybuilding.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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