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Fotos (3): Mag. Wenzel Müller
Die Therapieeinrichtung Johnsdorf vom „Grünen Kreis“ ist nun um vier Baumskulpturen reicher.

Suchtpatienten bringen mit den Arbeiten ihre eigenen Probleme zum Ausdruck.

Kurt Neuhold, Leiter „Kunst im Grünen Kreis“, dahinter Alfred Rohrhofer, Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins.

 
Leben 16. November 2010

Grenzen überschreiten

Seit über zehn Jahren „Kunst im Grünen Kreis“: Hilfe für suchtkranke Patienten.

Die Sozialhilfeeinrichtung Johnsdorf in der Steiermark ist um vier Baumskulpturen reicher. Sie wurden im Rahmen von „Kunst im Grünen Kreis“ von suchtkranken Patienten geschaffen und nun beim traditionellen Herbstfest präsentiert.

 

Martin (Name geändert) strahlt. Eben hat er die erste Vernissage-Rede seines Lebens gehalten – und alles ist gut gegangen. Nun stehen die Besucher um die Baumskulptur, die er zusammen mit zwei Kollegen geschaffen hat, und bewundern insbesondere seine geschnitzten Figuren. Auch diese Schnitzarbeiten sind die ersten seines Lebens.

Der geneigte Leser wird es bereits ahnen: Ort des Geschehens ist keine Kunstgalerie. Wir befinden uns vielmehr in der Sozialhilfeeinrichtung Johnsdorf, einer von mehreren stationären Einrichtungen für Suchtkranke, die vom gemeinnützigen Verein „Grüner Kreis“ unterhalten werden. Anfang November war beim traditionellen Herbstfest die Vernissage der Baumskulpturen, die im Rahmen von „Kunst im Grünen Kreis“ bei einem Workshop hergestellt worden waren.

Bloß keine Schnitzereien! Wer das zu Beginn des Baumskulpturen-Workshops so vehement gefordert hatte, war kein anderer als Martin. Das kannte er nicht, das konnte er nicht, das wollte er nicht machen! Und nun, knapp ein halbes Jahr später, sieht der Zwanzigjährige die Sache natürlich in einem völlig anderen Licht. Der Workshop half ihm, eine Begabung zu entdecken, die er nie bei sich vermutet hätte. Die Begabung für die Arbeit mit Holz, für das Schnitzen. Nachdem er seine ersten Vorbehalte abgelegt und ein Schnitzmesser in die Hand genommen hatte, fand er sehr bald Gefallen an der Arbeit. Er schuf eine Figur nach der anderen, unter anderem einen Schwan, eine Astgabelung, eine Pyramide, eine Hand, eine Kralle – alle symbolträchtig aufgeladen. Die Kralle steht für die Schwierigkeit, von der Sucht wegzukommen, der Schwan für die Befreiung von der Sucht. Mit diesen Bildnissen erzählt Martin von seinen eigenen Schwierigkeiten und Hoffnungen.

Symbol für das Leben

Geleitet wurde der Baumskulpturen-Workshop von Martin Ivic, einem akademischen Maler und Bildhauer. Über drei Wochen lebte und arbeitete er zusammen mit den Patienten. Seine Hauptaufgabe sah er darin, unzählige Gespräche mit den Kursteilnehmern zu führen. Weniger über die Kunst – obwohl dies natürlich auch, da die meisten Teilnehmer mit ihr bisher so gut wie überhaupt nicht in Berührung gekommen waren –, sondern vielmehr über das Leben, das heißt über Ängste und Verfehlungen, über Niederlagen und Ziele.

Der Baum ist ein traditionelles Symbol für Leben. Wie ihn bearbeiten und was damit ausdrücken? Vor dieser Herausforderung standen die Kursteilnehmer. Es galt nicht, ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert zu schaffen. Es galt für die Teilnehmer, eine Sprache zu finden, in der sie sich ausdrücken können. Die Kunst als Medium zur Selbstvergewisserung und zur Orientierung für die Zukunft.

Ivic schrieb nichts vor, ließ die Kursteilnehmer zunächst ihre Ideen selbst entwickeln, griff diese auf, hinterfragte sie, diskutierte sie und konkretisierte sie schließlich gemeinsam mit ihnen. Die künstlerische Arbeit dürfen wir uns als einen Prozess der intensiven Auseinandersetzung vorstellen. Nicht selten waren manche Teilnehmer, erzählt Ivic, auch kurz davor, das Handtuch zu werfen, wie sie es schon oft genug in ihrem Leben gemacht hatten, wenn sie vor Konflikten in ihre Scheinwelt, in die Sucht geflohen waren. Dass alle Gruppen ihre Arbeiten fertig stellten, das allein sei schon ein sehr großer Erfolg.

Das abgeschnürte Leben

Seile, die sich um Stamm und Äste winden: So die Arbeit einer anderen Gruppe des „Baumskulpturen“-Workshops, die auch als eine direkte Auseinandersetzung der Kursteilnehmer mit ihrer Krankheit interpretiert werden kann. Die Seile symbolisieren demnach die Sucht, die das Leben einzwängen und abschnüren, es nicht zur Entfaltung kommen lassen.

Eine weitere Arbeit, ein kopfüber, nämlich mit den Wurzeln noch oben aufgehängter Stamm, wäre fast nicht fertig geworden. Nicht weil die Künstler etwa in Verzug geraten wären, sondern weil dieses Objekt an dem Ast eines mächtigen Kastanienbaums zu befestigen war, in einer Höhe, die nicht bewältigbar schien. Doch dann sprang die örtliche Feuerwehr ein, fuhr ihre lange Leiter aus und löste das Problem. Was auch zeigt, dass die stationäre Einrichtung in der Gegend gut integriert ist.

Nun hängt das „Pendel der Zeit“ im Park der Sozialhilfeeinrichtung, die mit dieser wie den anderen Baumskulpturen um neue permanente Kunstobjekte reicher geworden ist. Gilt nur noch, den Bereich unterhalb des Pendels abzusperren, damit nichts passieren kann. Denn ein Sicherheitsrisiko darf das Kunstwerk natürlich nicht darstellen.

„Ich hatte während des Workshops etliche Auseinandersetzungen in der Gruppe und auch mit Martin Ivic. Doch ich habe gelernt: Auseinandersetzungen darf man nicht aus dem Weg gehen, man muss sie offen zur Sprache bringen“, sagte Daniel (Name geändert), der das Pendel kreiert hatte, in seiner Vernissage-Rede. Wunderbar, wenn künstlerische Arbeit diese Einsicht befördern kann! Was möchte man mehr? Letztlich möchte „Kunst im Grünen Kreis“ ja auch nichts anders sein als eine Hilfe für suchtkranke Menschen, ins sogenannte normale Leben zurückzufinden. Aus diesem Grund organisiert Kurt Neuhold seit über zehn Jahren Workshops, die jeweils von professionellen Künstlern geleitet werden, von Schriftstellern und Malern, von Musikern und Schauspielern. „Künstlerisches Gestalten heißt, mit den Mitteln der Kunst etwas verändern, zur Verfügung stehendes Material bearbeiten und damit die eigene Lebenswelt schöpferisch verwandeln. Dies wird umso besser gelingen, je mehr ich bereit bin, Techniken zu erlernen und einzuüben und dadurch die Wahrnehmung zu schulen. Voraussetzung dafür: Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und ,sichere‘ Grenzen zu überschreiten“, sagt Neuhold.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 46 /2010

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