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Foto: Manfred Kage
Polychromatische Variationen von Magnesiumsulfat, 100:1 1960

Mikrofotografie. Schönheit jenseits des Sichtbaren Ludger Derenthal, Christiane Stahl 256 Seiten, € 39,80 Hatje Cantz Verlag, 2010 ISBN 9783775726788

 
Leben 9. November 2010

Die Natur als Baumeister

Mikrofotografie: Im Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und Kunst.

Robert Koch entdeckte das biologische Verhalten von Anthraxerregern. Und nicht nur das. Der Nobelpreisträger publizierte 1877 als erster Wissenschaftler Fotografien von Bakterien. Die Mikrofotografie war geboren, die wissenschaftlich-technisch bedeutsame Bilddokumente liefert und zugleich auch oft Werke von hohem ästhetischen Reiz. Die Staatlichen Museen zu Berlin widmen dieser Sparte der Fotografie gerade eine eigene Ausstellung.

 

Was erkennen Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, auf den oben abgebildeten Bildern? Die meisten werden wohl antworten: moderne Kunst. Das ist richtig, oder sagen wir besser: nicht falsch. Denn richtig ist auch die Antwort: „Polychromatische Variationen von Magnesiumsulfat“, so auch der Titel dieses Werks von Manfred Kage.

Wir haben es hier mit Mikrofotografie zu tun, mit jener Sparte der Fotografie, die Objekte in starker Vergrößerung zeigt. Zu dem einen technischen Gerät, der Kamera, kommt ein zweites hinzu, das Mikroskop. Diese Fotografie, der die Staatlichen Museen zu Berlin gerade eine Ausstellung unter dem Titel Schönheit jenseits des Sichtbaren widmen, bewegt sich in einem Grenzbereich, sie oszilliert zwischen Wissenschaft und Kunst. Die Aufnahmen sind wissenschaftlich-technisch bedeutsame Bilddokumente und zugleich auch oft genug ästhetisch höchst interessante Artefakte.

„Science Art“

Heute, da der Begriff der Kunst recht großzügig gefasst wird, macht es keine Schwierigkeiten, die Aufnahmen aus dem naturwissenschaftlichen Labor auch in diese Kategorie einzuordnen. Das war freilich nicht immer so. In früheren Zeiten wurde eine strenge Trennlinie zwischen Natur und Kunst gezogen. Und auch die Fotografie wurde lange Zeit nicht als Kunstform anerkannt, da hier, so der Einwand, nicht ausschließlich die freie künstlerische Hand am Werk sei, sondern zusätzlich ein technisches Gerät, die Kamera eben – dabei hatten schon, was geflissentlich übersehen wurde, die Renaissance-Künstler die Camera obscura, das Vorläufermodell unseres heutigen Fotoapparats, als Zeichenhilfe genutzt.

Aber wie gesagt: Diese strenge Trennung ist heute obsolet. Wie man an der Biographie von Kage sehen kann, bestand sie ohnehin nicht für die Proponenten der Mikrofotografie. Kage begann, 1935 in Delitzsch bei Leipzig geboren, als Chemotechniker. Schnell entdeckte er den ornamentalen Reiz seiner mikroskopischen Ergebnisse. Er machte ein Kunststudium und gründete 1959 auf Schloss Weißenstein in Deutschland das „Institut für wissenschaftliche Fotografie und Kinematographie“. Seither beliefert er Universitätsinstitute und Kunstgalerien, mit Gebilden, für die er den Begriff „Science Art“ geprägt hat.

Die Mikrofotografie kam bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf. Es war kein Geringerer als Robert Koch, der 1877 als erster Wissenschaftler Fotografien von Bakterien publizierte.

Neue Visualisierungstechnik

Vier Jahre später sollte der nachmalige Nobelpreisträger in einem Text über pathogene Keime proklamieren: „Das photographische Bild eines mikroskopischen Gegenstandes ist unter Umständen wichtiger als dieser selbst.“ Geboren war ein Beweisstück von größter Glaubwürdigkeit – die Wissenschaftler brauchten sich nicht länger als Zeichner zu betätigen, nicht länger Skizzen von dem anzufertigen, was sie unter dem Mikroskop entdeckten. Kochs Verdienst liegt mithin nicht nur in der Aufdeckung des biologischen Verhaltens von Anthraxerregern, sondern ebenso in der Entwicklung einer instrumentell gestützten Visualisierungstechnik.

1925 wurde die Mikrofotografie durch den am Bauhaus lehrenden Begründer der Fotografie des Neuen Sehens, László Moholy-Nagy, erstmals dem wissenschaftlichen Zusammenhang entrissen und das vordergründig objektiv-sachliche Abbild der Natur einer rein künstlerischen Verwendung zugeführt. In seinem Bauhausbuch Malerei, Fotografie, Film stellte er Röntgen-, Stellar- und Mikroaufnahmen aus Wissenschaft und Forschung seinen eigenen Fotoarbeiten und denen anderer Künstler gegenüber. Für den Maler und fotografischen Amateur Moholy-Nagy stellte die Kamera eine Möglichkeit zur Anwendung konstruktivistischer Wahrnehmungs- und Gestaltungstheorien dar, aus der neue ästhetische Einsichten resultierten.

Wir neigen heute dazu, der abstrakten Kunst jeden Realitätsbezug abzusprechen. Im Lichte der Mikrofotografie müssen wir unser Urteil relativieren. Denn just die sogenannte nichtfigurative Kunst weist Formen und Strukturen auf, wie wir sie auch bei der Betrachtung von natürlichen Objekten unter dem Mikroskop finden. Das Künstliche spiegelt sich im Natürlichen. Und ebenso das Kleine im Großen, wie auch das Große im Kleinen. Eine frappante Ähnlichkeit besteht außerdem zwischen Mikroaufnahmen und Aufnahmen, die beispielsweise von der Erde aus weiter Entfernung gemacht werden. Die Ahnung, dass es so etwas wie ein universales Strukturgesetz gibt, äußerte schon 1940 der Biologe Hans Wolfgang Behm in einem Zeitschriftenaufsatz: „Alle Formgebilde, die Architekten und Techniker, Baumeister und Künstler je ersonnen und geschaffen haben, sind im Naturreich längst vorgebildet.“

 

„Schönheit jenseits des Sichtbaren“: Ausstellung im Museum für Fotografie, 10623 Berlin, bis 9.1.2011

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 45 /2010

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