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Foto: Johannes Kaufmann
Pflegewohnhaus Liesing, Architekt: Johannes Kaufmann.
Foto: Hermann & Valentiny und Partner

Pflegewohnhaus Meidling, Architekt: Hermann & Valentiny und Partner.

Foto: Bernhard Weinberger

Pflegewohnhaus Leopoldstadt, Architekt: Helmut Wimmer

 
Leben 3. November 2010

Das Altersheim hat ausgedient

Architektur im Ringturm: „Das ganze Leben. Neue Architektur für Pflegewohnhäuser“.

Ein weit verbreiteter Wunsch der Menschen ist, zu Hause zu sterben. Oft genug ein frommer Wunsch, denn dem Tod geht normalerweise eine längere Zeit der Bettlägerigkeit und Pflegebedürftigkeit voraus. Und wer kann sich schon eine private Pflegekraft rund um die Uhr leisten? Der aktuelle Wiener Geriatrieplan sieht vor, die Pflegewohnhäuser aufzuwerten, damit sich deren Bewohner in ihnen wohl fühlen, wohler als bisher.

 

Im Alltag dominiert noch das Wort Pflegeheim. Offiziell ist es aber bereits durch die Bezeichnung „Pflegewohnhaus“ ersetzt worden, jedenfalls in Wien. Ein kleiner Unterschied, der auf eine wesentliche Neuorientierung hinweist. Laut aktuellem Wiener Geriatrieplan sollen die Häuser für alte und pflegebedürftige Menschen künftig gewissen Standards genügen, damit sich die Bewohner in ihnen wohl fühlen und ihren Lebensabend in Würde verbringen können. So das edle Ziel, zu deren Erreichung die Stadt Wien bis 2015 immerhin 350 Millionen Euro zur Verfügung stellen möchte.

Demographische Entwicklung

Schon heute leben 40.000 über 85-Jährige in Wien. Im Jahr 2020 werden, so die Prognose, rund 314.000 Wiener älter als 65 Jahre sein. Die demographische Entwicklung ist geprägt durch eine Zunahme der alten und hochbetagten Menschen – die klassische Bevölkerungspyramide kehrt sich mit deren Spitze nach unten um.

Wir stehen, man kann es so dramatisch sagen, vor einer Herausforderung, die einmalig ist in der Menschheitsgeschichte. Dass sich eine Gemeinschaft aus mehr alten als jungen Menschen zusammensetzt, das hat es bisher noch nie gegeben. Viele sehen denn auch große Probleme auf uns zukommen. Andere wiederum können der Entwicklung auch positive Seiten abgewinnen: Wenn die Alten demnächst die Mehrheit in der Gesellschaft stellen, sagen sie, dann wird wohl auch das wahnwitzige Tempo, das unseren Lebensrhythmus derzeit noch prägt, etwas herausgenommen werden – unser Leben verspricht somit ruhiger, genussvoller, bedächtiger zu werden.

Die Menschen sterben heute später als in vorigen Jahrhunderten. Oft genug auch deshalb, weil ihr Sterbeprozess mit den Mitteln der Intensivmedizin hinausgezögert wird. Und das heißt wiederum, dass viele alte Menschen heute Pflegefälle sind, zu schwach, um in ihren Lebensalltag selbst bewältigen zu können.

Ein weit verbreiteter Wunsch der Menschen ist, zu Hause, in vertrauter Umgebung zu sterben, möglichst im Kreis ihrer Familie, wie das früher selbstverständlich war. Doch der Tod ereignet sich heute vielmehr im Verborgenen, hinter Mauern, in Institutionen wie den Krankenanstalten.

Auch alte Menschen – eigentlich selbstverständlich und es ist traurig, das extra betonen zu müssen – haben ein Recht auf würdevolles Leben (und Sterben). Was also mit den vielen Pflegefällen machen, die es heute schon gibt und die in Zukunft weiter zunehmen werden? Nicht jeder kann sich eine 24-Stunden-Pflegekraft leisten, und nicht jeder Angehörige kann diese Arbeit übernehmen, sei es, weil er selbst eine Familie unterhallten muss, sei es, weil er dazu schon zu alt und zu schwach ist – die Kinder, die dazu hauptsächlich in Frage kommen, sind in der Regel bereits jenseits der 50 und haben selbst Kinder, wenn nicht gar Enkel.

Kleine Wohneinheiten

Das Wiener Geriatriekonzept sieht, wie schon am Anfang ausgeführt, einen Ausweg darin, die Pflegewohnhäuser attraktiver zu gestalten. Über Ziele sowie geplante und in jüngster Zeit bereits verwirklichte Projekte informiert gerade eine Ausstellung im Wiener Ringturm. Eines der zentralen Ziele besteht darin, anstelle von großen Stationen eher kleine Wohneinheiten zu bauen. Und an jedes Zimmer, das selbstverständlich individuell eingerichtet werden kann, soll sich eine Loggia anschließen – barrierefrei zu erreichen, damit auch Rollstuhlfahrer und Bettlägrige in den Genuss von frischer Luft kommen.

Die Pflegewohnhäuser sind Einrichtungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Insbesondere muss die Orientierung in den Gebäuden leicht fallen. Zu diesem Zweck hat der renommierte Wohnbauarchitekten Helmut Wimmer in dem von ihm gerade fertig gestellten Pflegewohnhaus Leopoldstadt ein Farbleitsystem integriert.

Haus mit Garten

Patienten, die unter Demenz leiden, haben typischerweise einen großen Bewegungsdrang. Die architektonische Hilfe heißt in diesem Fall Demenzschleife – hier können die Patienten ihre Runde drehen und finden doch immer wieder, da es keine Sackgassen gibt, problemlos zu ihrem Ausgangspunkt zurück.

Das Wohlbefinden steht in den Pflegewohnhäusern an erster Stelle. Dann kommt erst die medizinische Versorgung – die Einrichtungen wollen tunlichst jede Ähnlichkeit mit einem Spital vermeiden. Sie sind so konzipiert, dass sie den Bewohnern Rückzugmöglichkeiten bieten und zugleich Orte, wo sie mit anderen zusammenkommen können. Jedes neue Pflegewohnhaus soll nach Möglichkeit auch einen eigenen Garten erhalten, etwas, worauf sicherlich die meisten Bewohner bisher verzichten mussten.

 

Architektur im Ringturm: Ausstellung „Das ganze Leben. Neue Architektur für Pflegewohnhäuser“, bis 12.11.2010, Schottenring 30, 1010 Wien

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44 /2010

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