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Foto: Die Presse/Hofmeister
Eric Rohmer, Wien 1972
Foto: Eric Rohmer / Ärzte-Woche-Montage

v.o.n.u.: Le Beau mariage,1982; Pauline à la plage,1983; L‘Amour l‘après-midi
1972; Conte de printemps,1990; Conte d‘été, 1996; L‘Ami de mon amie,1987; L‘Anglaise et le duc, 2001.

 
Leben 27. Oktober 2010

Die wunderbare Leichtigkeit des Films

Viennale und Österreichisches Filmmuseum ehren Eric Rohmer mit einer Retrospektive.

Ein Mann begegnet zufällig einer fremden Frau in seiner Wohnung. Es sind Konstellationen dieser einfachen Art, aus denen Eric Rohmer (1920-2010) wunderschöne Filme schuf. Das Österreichische Filmfestival zeigt in diesen Tagen das Gesamtwerk des Anfang 2010 gestorbenen französischen Regisseurs.

 

Auf einer Party lernen sich zwei junge Frauen kennen. Die eine erzählt der anderen, sie habe zwei Wohnungsschlüssel in der Tasche, könne aber in keiner der beiden Wohnungen übernachten, weil sie die erste, ihre eigene, an ihr Cousine verliehen habe und ihr die Unordnung in der anderen, der Wohnung ihres für kurze Zeit verreisten Freundes, zuwider sei. Daraufhin bietet ihr die andere junge Frau ein Zimmer in ihrer Wohnung an, die sie zusammen mit ihrem Vater bewohnt, der ebenfalls gerade auf Reisen sei.

So beginnt Eric Rohmers Film „Frühlingserzählung“. Ein bisschen verworren und ein bisschen umständlich. Gerade so, wie auch das Leben üblicherweise spielt, wo oft genug der Zufall Regie führt. Ein typischer Film für den französischen Filmregisseur, den die Viennale und das Österreichische Filmmuseum heuer mit einer Retrospektive ehren.

Allergrößte Natürlichkeit

„Frühlingserzählung“ stammt aus dem Jahr 1990, der Streifen hätte aber genauso gut zwanzig Jahre früher oder später herauskommen können. Denn im Unterschied zu vielen seiner Kollegen, mit denen er in der Nachkriegszeit nach neuen Wegen im Kino suchte und die sogenannte Nouvelle Vague begründete, blieb Rohmer (1920-2010) über all die Jahre seinem Stil treu: Er machte leises und intensives Kino. Ihm ging es nicht um die großen Tragödien, er erzählte vielmehr kleine Alltagsgeschichten.

Anhängern des Hollywood-Kinos mögen die Arbeiten von Rohmer geradewegs unfilmisch vorkommen. Da gibt es keine aufregenden Kamerafahrten und keine hastigen Sprünge von Schauplatz zu Schauplatz. Bei Rohmer erfasst die Kamera das Geschehen eher in der ruhigen Totale. Und was für seine Filme insbesondere typisch ist: In ihnen wird viel, ja unendlich viel gesprochen. Was sonst ein Garant für quälende Längen ist, sorgt hier für die angenehmste Kurzweil. Mit größtem Interesse verfolgen wir Zuschauer (und einmal mehr Zuhörer) die Gespräche, weil Rohmers Figuren auch wirklich etwas zu sagen haben. Und sie tun das zudem mit so großer Natürlichkeit, dass man meinen könnte, hier äußerten sich Privatpersonen. Dabei wissen wir nur zu genau: Was so leicht und ungekünstelt daherkommt, ist das Ergebnis härtester Arbeit bzw. der Ausweis größter Regieleistung. Rohmer verstand es, seinen Schauspielern alle Scheu zu nehmen und sie so agieren zu lassen, als wäre überhaupt keine Kamera auf sie gerichtet. Seine Heldinnen sind niemals offensiv verführerisch, eher unschuldige Schönheiten. Eine von Rohmers Schauspielerinnen, Arielle Dombasle, erinnert sich: „Rohmer suchte nach Leuten, die ihn neugierig machten. Er mochte sie für das, was sie sind, nur das interessierte ihn. Er lehnte es immer ab, sich für Schauspieler unter der Vorgabe des Castings und Marketings zu interessieren. Rohmer blieb immer seiner Überzeugung treu, dass man sich für die Menschen interessieren muss, die immer schon komplexe Wesen in sich sind.“

Wie Musik aufgebaut

Rohmer, mit eigentlichem Namen Maurice Schérer, kam von der Theorie, der Filmkritik – im stolzen Alter von 52 Jahren verfasste er noch eine Doktorarbeit, über Murnaus „Faust“-Film. Von 1958 bis 1963 war er Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Cahiers du cinéma“. Die Analyse vieler Filme verhalf ihm zu seiner eigenen unverwechselbaren Handschrift als Regisseur. Er machte Filme, die fast zur Gänze ohne Filmmusik auskommen, weil sie selber wie Musik aufgebaut sind.

Rohmer kam gewöhnlich mit einem Minimalbudget aus. Er zog sich für die Aufnahmen nicht ins Studio zurück, sondern machte sie auf der Straße, dort, wo sich bekanntlich das wirkliche Leben abspielt. Seiner Ansicht nach ging es nicht darum, eine geniale Idee zu haben und alles Geld, das zu ihrer Realisierung nötig ist, auszugeben – ganz im Gegenteil: Zuerst schaut man, wie viel Geld man hat, und überlegt danach, was man damit machen kann.

„Moralische Geschichten“, „Komödien und Sprichwörter“ und „Geschichten der vier Jahreszeiten“: So lauten die Zyklen, nach denen Rohmer seine Filme ordnete. Allein schon dieses System zeigt, dass es ihm nie um den einzigen und einmaligen Wurf ging. Mit jeder Geschichte sagte er auch: Die hätte durchaus einen anderen Verlauf nehmen können, abhängig von den Zufällen und unvorhergesehenen Ereignisse, die hineinspielen. In „Frühlingserwachen“ kehrt im Übrigen der Vater der „Wohnungsvermittlerin“ noch einmal in seine Wohnung zurück, weil er etwas vergessen hat. Dort begegnet er einer Frau, die er nicht kennt. Sie stürzt aus dem Bad und rennt an ihm vorbei, nur ein Handtuch um den Körper gewickelt. Einen Augenblick lang schauen sich die beiden verwirrt an, dann nimmt er einen frischen Anzug aus dem Schrank, packt ihn in seinen Koffer und geht. So viel sei hier verraten: Die beiden werden sich wieder sehen.

 

Das Österreichische Filmmuseum zeigt Filme von Eric Rohmer in einer Retrospektive noch bis 7. November 2010.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 43 /2010

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