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Foto: Inge Prader
Die Ausstellungsobjekte stehen zur freien Benutzung bereit.
Foto: Uwe Völkner, DASA Dortmund

Der Besucher kann und soll die wunderbare Welt der Klänge selbst erforschen.

 
Leben 20. Oktober 2010

„Musik stimuliert das körpereigene Belohnungssystem“

„Macht Musik“: Ausstellung im Technischen Museum Wien.

Durch Angreifen begreifen: In der aktuellen Sonderausstellung des Technischen Museums wird der Besucher nicht auf Distanz gehalten, sondern eingeladen, die ausgestellten Musikinstrumente selbst zu benutzen. Auf dass er den Zauber und die Wirkmacht von Klängen hautnah erlebt.

 

Das Museum lebt von der auratischen Kraft seiner Ausstellungsobjekte. Diese lagern in Vitrinen oder sind auf andere Weise gut geschützt. Der Museumsbesucher wird auf Distanz gehalten und zur Kontemplation eingeladen.

So war es früher und so ist es auch heute noch insbesondere in den Kunstmuseen, die über wertvolle Schätze verfügen. In anderen Museen, deren Objekte durch den Zugriff von Menschen weniger gefährdet sind, geht der Trend hingegen in die entgegengesetzte Richtung, in die nämlich, Barrieren abzubauen und den Besucher nach Möglichkeit aktiv einzubinden. Motto: Durch Angreifen Gegenstände und Zusammenhänge besser begreifen lernen. Getreu dieser Idee ist nun auch die aktuelle Sonderschau „Macht Musik“ im Technischen Museum Wien konzipiert worden.

Der Titel gibt bereits den Hinweis: Der Besucher wird angehalten, selbst Musik zu machen. Die Ausstellungsobjekte sind nicht hinter Glas, auch nicht auf Podesten, sondern stehen zur freien Benutzung bereit. Beispielsweise eine E-Gitarre oder ein Bass, die Instrumente können – und sollen vom Besucher in die Hand genommen werden. Wahlweise kann er sich auch an ein Schlagzeug setzen oder das Tanzbein schwingen oder ein Lied zum Besten geben. In der Ausstellung sind verschiedene Stationen, kleine Hütten, aufgebaut, die unterschiedliche Themen bedienen.

Singen in der Badewanne

Wie ein bekanntes Wort sagt, geht mit Musik alles besser. In Afrika wird dieses Wort auch tatsächlich gelebt. Dort ist Singen integraler Teil alltäglicher Verrichtungen. „Das Musikmachen und Musikerleben gehört zu den Ereignissen des Lebens, ist regelrecht mit ihnen verzahnt, ob bei der Arbeit oder bei Festen“, schreibt Kurator Gerhard Kilger im Ausstellungskatalog.

Wir in der westlichen Welt wählen zum Singen weniger den öffentlichen als den abgelegenen und einsamen Ort, klassischerweise die Badewanne. Und die gehobene Musikausübung überlassen wir den Spezialisten, den professionellen Musikern, in deren Konzerte wir gerne zum Zwecke der Erbauung gehen.

„Macht Musik“: Der Titel weist in seiner schönen Doppeldeutigkeit auf einen weiteren Aspekt hin, der auch Thema der Ausstellung ist: die Wirkmächtigkeit von Musik. Wer kennt sie nicht, die Gänsehaut auf dem Rücken, begleitet von einem Gefühl der Überraschung und sehr positiven Emotionen bei einem besonders ansprechenden Musikstück? Musik kann uns heiter, sie kann uns auch traurig stimmen. Die Klänge erreichen auf direktem Wege unser Inneres. Dieses Potenzial nutzen nicht zuletzt die Musiktherapeuten.

Der bekannte Hirnforscher Prof. DDr. Manfred Spitzer schreibt im Ausstellungskatalog: „Musik bewirkt prinzipiell das Gleiche wie andere biologisch außerordentlich wichtige Reize, wie beispielsweise Nahrung oder soziale Signale. Sie stimuliert das körpereigene Belohnungssystem, das auch durch Sex und Rauschdrogen stimuliert wird und das mit der Ausschüttung von Dopamin und endogenen Drogen einhergeht. Umgekehrt wird durch angenehm empfundene Musik die Aktivierung zentralnervöser Strukturen, die unangenehme Emotionen wie Angst und Aversionen signalisieren, gemindert.“ Musik, die der Hörer mag, wirke damit gleich auf doppelte Weise angenehm, schalte sie doch im Gehirn Strukturen der Belohnung ein und Strukturen der Angst ab. Wen wundert es bei diesen Ergebnissen noch, dass ängstliche Menschen beim Gang in den dunklen Keller pfeifen oder singen?

Nicht nur Menschen lassen sich von Musik bewegen, sondern auch Tiere. Das berichtet Brigitte Fassbaender, ausgebildete Sängerin und heute Intendantin des Tiroler Landestheaters, in ihrem Katalog-Beitrag. Während eines Spaziergangs über die Wiesen sei sie einmal auf eine Kuhherde gestoßen, der sie Vokalisen und Arienfetzen vortrug: „Die Kühe hörten tatsächlich auf zu grasen, kamen alle an den Zaun, blieben dort stehen und schauten mich an, manche hörten sogar auf wiederzukäuen. Sie haben allesamt so ganz versonnen wirklich zugehört.“

Leib-geistige Arbeit

Musik zählt zu den vergänglichsten Künsten, da sie in den Augenblicken ihrer Klänge auch stets sofort verschwindet, in Raum und Zeit verhallt. Das enge Verhältnis zwischen dieser ephemeren Kunst und Leben erklären Chronobiologen damit, dass das eine wie das andere auf Rhythmen basiere. Das erste Musikinstrument soll eine Trommel gewesen sein, was nicht verwundern darf, erinnert uns doch der Trommelschlag an den Herzschlag, den eigenen und den der Mutter. Später wurde eine Saite über das Fell der Trommel gespannt. Der Beginn einer Ausdifferenzierung, die nach wie vor andauert, wovon nicht zuletzt die elektronischen Musikinstrumente unserer Zeit künden.

Wer Musik ausübt, leistet leitbildhaft ganzheitliche Arbeit. Es werden von ihm gleichermaßen physische und psychische, geistige und soziale Kompetenzen gefordert. Oder wie es Brigitte Fassbaender ausdrückt: „Singen ist eine leib-geistige Tätigkeit, die auch alle seelischen Kräfte fordert. Man spricht nicht umsonst vom Singen als Hochleistungssport, weil es den ganzen Körper ergreift, den gesamten Atmungs- und Muskelapparat und dazu – wenn man vom interpretatorischen Singen spricht – einen hohen seelisch-geistigen Anspruch stellt.“

Heute mag sich das befremdlich anhören, doch Musik, oder besser die Musiktheorie, zählte einst zu den mathematischen Wissenschaften. Man versuchte das Geheimnis von Harmonien und Intervallen durch zahlenhafte Darstellung zu ergründen. Der Erfolg dieser Mathematisierung der Musik war so eindrucksvoll, dass daraus der Gedanke entsprang, alles in der Welt sei zahlenhaft geordnet, auch der Kosmos. Heute stehen die Zahlenverhältnisse nicht mehr im Vordergrund, aber dass Musik Ausdruck von etwas Größerem sein könnte, das ist eine nach wie vor aktuelle Vorstellung.

 

Technisches Museum: Ausstellung „Macht Musik“ bis 26. Juni 2011, Mariahilferstr. 212, 1140 Wien.

Bestens geschützt und doch störanfällig
Unser Gehör weist ontogenetisch und phylogenetisch eine einzigartige Entwicklungsgeschichte auf: Als einziger Sinn ist er bereits bei der Geburt vollkommen entwickelt. Sein Wachstum ist, mit Ausnahme des Außenohrs, abgeschlossen! Eingebettet in den härtesten Knochen des Skeletts, behalten Innen- und Mittelohr – sofern keine Störung vorliegt – ihre Größe von der Geburt bis zum Tod.
Bestens geschützt - und doch störanfällig: Aus der Arbeitsmedizin ist bekannt, dass ab 85 dB langfristiger Schalleinwirkung das Hörorgan Schaden nimmt. Die Empfindlichkeit des Hörorgans ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Langfristige Lärmeinwirkung führt aber in jedem Fall zu einem Verlust der empfindlichen Haarsinneszellen und letztlich zu einer Verkümmerung der Nervenbahnen in der Hörschnecke. Die so erzeugte Schwerhörigkeit kann weder mit einer Operation noch mit einer vorbeugenden oder dauerbehandelnden Gabe von Medikamenten beeinflusst oder gebessert werden.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 42 /2010

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