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Foto: G. Grabherr
Die Figuren des Westgiebels von Ägina im Archäologischen Museum Innsbruck.
 
Leben 12. Oktober 2010

Besser als jede Computersimulation

Bemerkungen zur Geschichte des „Gipsmuseums“ an der Innsbrucker Universität.

Im Rahmen der Buchvorstellung von Heinz Huber zog Prof. Dr. Elisabeth Walde, langjährige Leiterin des Instituts für Archäologie der Universität Innsbruck, Bilanz.

 

Die Lehrkanzeln für Klassische Archäologie an den Universitäten Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck verfügen jeweils über ein sogenanntes Gipsmuseum, in denen Abgüsse griechischer und römischer Plastiken den Studierenden der archäologischen Fächer einen guten und lebensnahen Einblick in die Entwicklung der antiken Bildhauerkunst liefern. Das dreidimensionale Anschauungsmaterial bietet eine wesentlich bessere Vorstellung des Originals, als jede noch so herausragende Fotografie, Videoaufnahme oder Computeranimation dies jemals könnte.

Gegründet vom Ururgroßvater

Als im Jahre 1914 der Neubau der Innsbrucker Universität am Innrain 52 geplant wurde, erhielt die damals schon bestehende Gipssammlung einen eigenen 250 m2 großen Raum im neoklassizistischen Baustil mit Kassettendecken und einer durch Lisenen belebten Wandgliederung. Damit wären wir auch bei der engen Beziehung zwischen diesem Museum und Heinz Huber, dem Autor des Buches Geschichte der Medizinischen Fakultät Innsbruck und der medizin-chirurgischen Studienanstalt (1673 – 1938)[1], denn der eigentliche Gründer und Ahnherr der Abgusssammlung antiker Plastik war Tobias Wildauer, Professor für Philosophie und Ästhetik an der Universität Innsbruck und Ururgroßvater von Heinz Huber.

Eine andere Beziehung zwischen einem antiken Abgussmuseum und einer medizinischen Universität bildet natürlich hier wie dort der Umgang mit dem nackten menschlichen Körper und auch ganz schlicht und einfach der Gips, der in beiden Bereichen reichlich verwendet wird.

Das Gefühl für Schönheit

Gipsabgüsse zu sammeln und auch in Wohnräumen aufzustellen, gehörte spätestens seit dem Klassizismus zu den Gewohnheiten des Adels und des gehobenen Bürgertums. Welchen Wert man diesen Abgüssen beimaß, begreift man am besten bei einem Besuch des Goethehauses in Weimar. Goethe hatte sich in sein eher niedriges Wohnzimmer den riesigen Abguss der sog. Juno Ludovisi (ein idealisierter römischer Porträtkopf) hineingestellt, der die Zimmerdecke zu sprengen scheint. An den Akademien gehörten Abgüsse nach antiken Werken der Bildhauerkunst zum gängigen Unterrichtsmaterial, nach dem bis zum Überdruss gezeichnet und modelliert wurde, um in den jungen Künstlern das Gefühl für die Schönheit der antiken Kunst zu stärken.

Das älteste und bis heute größte Abgussmuseum im deutschen Sprachraum besitzt die Universität Bonn, das bereits 1825 gegründet wurde, und das für viele weitere Sammlungen als Vorbild diente, bis heute in vielem maßgeblich ist, und zuletzt mit der großartigen Ausstellung „Gips nicht mehr“ von sich reden machte. Gerade diese Ausstellung zeigte deutlich, wie wichtig das Anfertigen und das Sammeln von Abgüssen antiker Plastik sind. So haben sich einerseits zahlreiche in den vergangenen Weltkriegen verlorene Originale jedenfalls im Abguss erhalten. Andererseits zeigen Abgüsse von unter freiem Himmel befindlichen Antiken noch deren im Vergleich zu heute gut erhaltene Oberfläche, während ehemalige bildhauerische Feinheiten an den Originalen jetzt durch Abgase und diverse Witterungseinflüsse unwiederbringlich zerstört sind.

Nun aber zurück zur Innsbrucker Sammlung. Die Errichtung des Museums wurde auf Antrag von Professor Wildauer mit dem Erlass des k. u. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 24. August 1869 genehmigt. Das Museum hätte ursprünglich nicht nur Antiken beherbergen sollen, sondern auch Arbeiten aus der neueren Kunst, wie etwa der italienischen Renaissance. Solche Abgüsse sind zwar noch im alten Inventar verzeichnet, heute aber nicht mehr auffindbar. Die erste museale Sammlung stand in der alten Universität in der Universitätsstraße der Innsbrucker Altstadt. Sie wurde sukzessive auf- und ausgebaut und in erster Linie durch eine lebhafte Vortragstätigkeit finanziert. 1889 wurde sozusagen auf der Keimzelle der Abgusssammlung dort die Lehrkanzel für Klassische Archäologie errichtet. 1920 konnten Museum und das Institut für Klassische Archäologie in die neue Universität an den Innrain übersiedeln, wo sie sich auch heute, wenn auch vom Institut getrennt, befindet.

Griechische Hochklassik

Der Sammlungskern hat seinen Schwerpunkt dem Geschmack der Gründungszeit entsprechend in der griechischen Hochklassik, also bei den Werken von Phidias, Myron und Polyklet, sowie Abgüssen der plastischen Werke des Parthenon. Auch die Spätklassik des 4. Jahrhunderts v. Chr. mit Werken von Praxiteles und Lysipp ist reich vertreten. Daneben wurden aber auch Werke des Hellenismus gesammelt. In den letzten Jahrzehnten bemühten wir uns, Abgüsse archaischer griechischer und auch römischer und spätantiker Plastik hinzuzufügen, die Reihe der römischen Kaiserporträts zu ergänzen und einige antike Gruppen zu erwerben, wie die Athena Marsyasgruppe des Myron, den aufgehängten Marsyas mit dem Messerschleifer, die Amor und Psychegruppe und die sog. Aufforderung zum Tanz.

Als das Institut im Jahre 2007 an seinen neuen Standort am Langen Weg 11 in Innsbruck übersiedelte, boten sich dort neue Räumlichkeiten für eine Erweiterung der Sammlung, darunter ein Atrium mit unbeschränkter Raumhöhe. So konnten Abgüsse, die bisher aus Platzmangel fast „sträflich“ nur in einem Gang aufgestellt waren und dort stets begrapscht wurden, wie der Westgiebel von Ägina, einen neuen würdigen Standplatz erhalten. Eine beachtliche, wenn auch jetzt dislozierte Erweiterung der Sammlung war in diesem neuen Museumsteil möglich.

Nicht zuletzt der Munifizenz des Rektors Prof. Karlheinz Töchterle ist es zu verdanken, dass hier sogar der Abguss des fast fünf Meter hohen großen Kouros aus Samos aufgestellt werden konnte. Auch bereicherten zahlreiche Abgüsse römischer Plastik aus Österreich – die meisten von römischen Grabbauten – die von der institutseigenen Restaurierungswerkstätte meisterhaft hergestellt wurden, die neuen Sammlungsräume.

Ehemaliges Gespensterkabinett

Das Innsbrucker Museum antiker Plastik ist ein ganz besonderes. Gewöhnlich sind die Figuren in einem Gipsmuseum eben „gipsweiß“. Auf diesem weißen Gips lagert sich aber nach und nach eine graue bis schwärzliche fette Schmutz- und Staubschicht ab, die sich kaum entfernen lässt. Als das Institut 1955 unter Alfons Wotschitzky seine eigene Restaurierungswerkstätte bekam, die von Maria Dawid geleitet wurde, war die vordinglichste Aufgabe, das damals nach dem 2. Weltkrieg herabgekommene Museum wieder zu neuem Leben zu erwecken, den Raum zu restaurieren und vor allem die schmutzigen und noch von den Gussnähten überzogenen Figuren herzurichten. Maria Dawid spricht damals über das Museum als von einem „Gespensterkabinett“. Sie schreibt selbst über ihre damalige Arbeit „… die vordringlichste Aufgabe war die Reinigung des Gipses, Abnahme der Gussnähte, Zusammenkleben gebrochener und Ergänzen verloren gegangener Teile – eine Arbeit, die mehrere Jahre in Anspruch nahm“ (B. Otto, F. Ehrl, Echo, Festschrift J. B. Trentini, Innsbruck 1990, 83). Danach wurde die Oberfläche der Figuren entweder wie Marmor oder wie Bronze bemalt, wofür Aquarelle vor den Originalen in den verschiedensten Museen der Welt als Vorbild dienten. Ein leichter Überzug mit Wachs verleiht dabei der Oberfläche den sanften Glanz der Originale. In den letzten Jahren haben wir auch einige Versuche unternommen, besonders bei den römischen Reliefs aus Österreich, die ursprüngliche Farbigkeit wiederzugewinnen, was bisweilen zu völlig neuen Bildeindrücken führte, und manches Detail, das wir bisher gar nicht bemerkt hatten, hervortreten ließ.

Unser Museum ist also im Unterschied zu den anderen Sammlungen ein buntes Museum, das vielfach den originalen Eindruck antiker Plastik wiedergeben kann.

Die Finanzierung eines solchen Museums ist immer mit großen Schwierigkeiten verbunden. Es helfen in erster Linie Spenden und bisweilen auch Sonderdotationen und diverse Veranstaltungen und Führungen, die etwas Geld hereinbringen.

Das Museum liefert heute einen Überblick über die Kunst des 3. Jahrtausends v. Chr. (Kykladenidole) bis in die Spätantike des 6. Jahrhunderts n. Chr., besitzt Großplastik, Reliefs und Kleinkunst. Auch verfügt es über Originalfunde, wie römische Bauplastik, darunter Stücke aus den Caracallathermen in Rom, eine kleine Zahl griechischer Vasen, römischer Keramik und Gläser, Bronzen, Münzen und Fibeln und einen Originalkopf aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. In den 20 Jahren meiner Tätigkeit als Institutsvorstand ist es mir gelungen, den Bestand ziemlich genau zu verdoppeln. Heute zählt die Sammlung über 1.000 Objekte. Wir alle wünschen der Innsbrucker Abgusssammlung ein weiteres Blühen und Gedeihen im Rahmen der universitären Museumslandschaft.

 

Das Archäologische Museum Innsbruck – Sammlung von Abgüssen und Originalen der Universität Innsbruck kann nach Voranmeldung besichtigt werden:
Mag. Florian Müller
Tel.: +43 / (0)512 / 507-37568
Mobil: +43 / (0)676 / 7399340
E-Mail:
www.uibk.ac.at/archaeologie- museum/

 

[1] Geschichte der Medizinischen Fakultät Innsbruck
Huber, Heinz
369 Seiten, € 49,00
Böhlau Wien, 2010
ISBN 9783205784173

Von Prof. Dr. Elisabeth Walde, Ärzte Woche 41 /2010

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