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Foto: Luca Campigotto

My Wild Places Luca Campigotto 144 Seiten, € 58.- Hatje Cantz Verlag, 2010 ISBN 9783775727198

 
Leben 12. Oktober 2010

Die Erhabenheit der Natur

Grandiose Arbeiten des Fotografen Luca Campigotto.

Über ein Wochenende nach Venedig zu fahren, lohnt sich immer, besonders in diesen Tagen, nicht nur wegen der gerade stattfindenden Architektur-Biennale, sondern auch wegen der Ausstellung „My Wild Places“, die das Museo Fortuny zeigt.

 

Dieses Foto kann uns im wahrsten Sinne frösteln machen. Es zeigt, wie ein Schiff im Eis festliegt. Mit seinem hoch aufragenden Vorderteil und den darin befindlichen Öffnungen erinnert es geradewegs an einen Hai. Auf dem Foto beginnt es bereits finster zu werden. Im Lichtschein sehen wir am Rand ein paar Menschen auf dem Eis stehen. Wir können uns gut vorstellen, wie ihnen zumute ist: Ringsum sehen sie nichts als die endlose, eisige Weite. Eine erhabene und zugleich unheimliche Umgebung.

Ein Foto ist es wohlgemerkt, das uns in diesem Fall zutiefst zu berühren vermag. Hier zeigt sich die Macht der Kunst. Auch die anderen Arbeiten des Fotografen Luca Campigotto, 1962 in Venedig geboren, die unter dem Titel „My Wild Places“ gerade in Venedig, im Museo Fortuny (bis 9. Jänner 2011), zu sehen sind, bewegen uns zutiefst, sie erzählen weniger von den latenten Schrecken als vielmehr von der Schönheit und Erhabenheit der Natur. Der Fotograf war in Marokko und auf den Osterinseln, in Patagonien und in Finnland. Die Ruhe der wilden Landstriche stellt er in geradezu heroischen Ansichten vor.

Der Maler erschafft seine eigene Welt. Für den Fotografen ist die ihn umgebende Welt jenes Material, aus der er einen bestimmten Ausschnitt wählt. Insofern handelt es sich bei der Fotografie um eine reduktionistische Kunstform. Gute Fotografen sehen Dinge, die andere übersehen. Mit der Entscheidung für einen gewissen Teil aus dem Ganzen ist es allerdings noch nicht getan. Von großer Bedeutung sind weitere Parameter, so die zu klärenden Fragen, von welchem Kamerastandpunkt aus und mit welchem Blickwinkel die Aufnahme gemacht wird. Und nicht zu vergessen: unter welchen Lichtbedingungen. Denn Licht sorgt, was der einfache Amateur gerne übersieht, nicht nur für die nötige Helligkeit, sondern schafft auch Atmosphäre und Stimmung. Wäre unser besprochenes Foto bei Sonnenschein gemacht worden, würde es sicher nicht so unheimlich wirken.

Sorgsam komponiert

Jedermann macht heutzutage Fotos. Der Unterschied zwischen den ohne viel Überlegung geschossenen und den sorgsam komponierten Aufnahmen zeigt sich in ihrer Wirkung auf den Betrachter: Die einen schaut man nur kurz an und vergisst sie sogleich wieder, die anderen ergreifen einen und beschäftigen einen noch längere Zeit –das Zweite trifft auf die Bilder von Campigotto zu.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 41 /2010

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