zur Navigation zum Inhalt
„Mother and child“, diese antromorphe Plastik schuf der australische Künstler Ron Mueck 2001.

Damien Hirst erzielt Spitzenpreise auf dem Kunstmarkt, mit Werken, die provozieren. „E.M.I“, diesen Wandschrank mit Medikamenten, schuf er 1989.

 
Leben 6. Oktober 2010

Drastische Genauigkeit

Besuch des Museums Brandhorst in München.

Das Münchner Museum Brandhorst beherbergt zeitgenössische Kunst. Darunter Arbeiten von Ron Mueck und Damien Hirst, die sich auch des großen Themas Gesundheit und Wohlbefinden annehmen.

Die Zehen sind gekrümmt, die Hände geballt, und der Blick drückt große Bangigkeit aus. Das ist nicht das holde Mutterglück, das Ron Mueck in seiner antromorphen Plastik mit dem Titel „Mother and child“ festhält, die im Münchner Museum Brandhorst zu sehen ist. Das ist der Moment unmittelbar nach der Entbindung: Die Mutter ist noch gezeichnet von den Anstrengungen der Geburt, und zur Erschöpfung gesellt sich Unsicherheit. Eine Menge offener Fragen scheint auf einmal auf sie einzustürzen: Ist mein Kind auch gesund? Wie wird es weitergehen? Was ist nun als Nächstes zu tun?

Existenzielle Grenzsituation

Die Geburt gilt seit jeher als beliebtes künstlerisches Sujet. Doch selten wird deren im wahrsten Sinne nackte und ungeschönte Seite gezeigt. Gerade das macht Mueck, 1958 in Australien geboren: Bei ihm hält die Mutter ihr Neugeborenes nicht in den Armen. Stattdessen liegt es auf ihrem Bauch, nackt und ungeschützt, die Nabelschnur ist noch nicht durchtrennt.

Mueck zeigt eine Grenzsituation und macht den Betrachter zum (unfreiwilligen) Voyeur. Mit geradezu medizinischer Genauigkeit hat der Künstler seine Figuren gebaut, das Haupthaar ist anders als das Schamhaar. Als Arbeitsmaterialien verwendete er insbesondere Silikon und Fieberglas, damit gelang ihm, dem vormaligen Experten für Spezialeffekte in Film, Fernsehen und Werbung, eine täuschend echte Menschendarstellung. Seine Figuren sind nicht lebensgroß, sondern kleiner gebaut, das sorgt erstens für Irritation, und das unterscheidet zweitens seine Darstellung auch grundlegend von den üblichen medizinisch-anatomischen Modellen in Wachskabinetten.

Der australische Künstler schuf diese Arbeit 2001 während eines zweijährigen Stipendiums an der National Art Gallery in London. Ein lebloses Objekt, das auf recht direkte und drastische Weise von der menschlichen Verwundbarkeit erzählt. Auf manche Betrachter wirkt gerade die stark naturalistische Darstellung schockierend.

Kunst mit Medikamenten

Nicht schockierend, dafür in seiner Schlichtheit geradewegs provozierend ist die Arbeit daneben: „E.M.I.“ von Damien Hirst. Zu sehen ist ein verglaster Wandschrank mit Medikamentenverpackungen. Der britische Künstler ist für seine sorgsam inszenierten Sensationen ebenso bekannt wie für die Spitzenpreise, die er auf dem Kunstmarkt erzielt. Mit dieser Arbeit aus dem Jahr 1989 möchte er sagen: Der Apothekenschrank ist der Altar unserer Zeit! Er ist es, der uns Linderung und Heilung verheißt, welcher Art unsere Leiden auch sein mögen. Fühlen wir uns schlecht oder auch bloß nicht topfit, so brauchen wir nur zur Tablette zu greifen, und alles wird wieder gut. So eine weit verbreitete Ansicht, die der Künstler, 1965 geboren und zu den „young British artists“ gehörend, auf seine Weise kritisiert.

 

Museum Brandhorst, Kunstareal München, Theresienstraße 35 a, 80333 München

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 40 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben