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Foto: entnommen dem Bildband Erich Lessing: Budapst, 1956, Brandstätter Verlag
Der Fotoreporter unterwegs: Erich Lessing erlebte den Volksaufstand 1956 in Budapest im wahrsten Sinne hautnah.
Foto: Alexander Ginzel

Ernst Lessing Ätestes aktives Mitglied der Fotoagentur Magnum

 
Leben 28. September 2010

Nah am Geschehen

Besuch bei dem berühmten Magnum-Fotografen Erich Lessing.

Sein Vater war Arzt, seine Mutter Konzertpianistin, doch Erich Lessing entschied sich für einen anderen Weg: Er wurde Fotograf und ist heute mit 87 Jahren das älteste aktive Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum.

 

Der Rasen im Garten ist so wie in England, dicht im Wuchs und nur wenige Zentimeter hoch. Das Haus, ein lang gestreckter Flachbau, wirkt dagegen sehr amerikanisch. „Wir haben es nach einem Haus bauen lassen, in dem wir in Kalifornien wohnten“, sagt Traudl Lessing, die Hausherrin. Sie führt uns durch ihren Wohnsitz in Wien-Dornbach, da ihr Mann zum vereinbarten Interviewtermin noch nicht da ist.

Es ist Samstagnachmittag, eine Zeit, die der arbeitende Mensch gerne dazu nutzt, die Beine hoch zu lagern und sich von der Arbeitswoche zu erholen. Nicht so Ernst Lessing. Er ist in seinem Büro und arbeitet. Das ist noch nicht außergewöhnlich, denn viele freiberuflich tätige Menschen tun das genauso. Das Außergewöhnliche ist, dass dieser Mensch 87 Jahre alt ist und noch lange nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. Erich Lessing ist das älteste aktive Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum.

Tribut an das Alter

Da kommt er! Was als Erstes auffällt, ist sein großer, imposanter Kopf. Lessing entschuldigt sich für seine Verspätung und bittet uns sogleich, Platz zu nehmen. Zeit ist wertvoll. Für das Gespräch setzt er sein Hörgerät ein. Lessing geht ohne Stock und sein Erinnerungsvermögen ist, wovon wir uns gleich werden überzeugen können, völlig intakt, doch bei der Hörleistung fordert das hohe Alter offensichtlich seinen Tribut.

Einmal Fotograf, immer Fotograf? Ist es schwer, von dieser Leidenschaft wieder abzulassen? Lessing winkt ab: „Ich habe mich nie als begnadeten oder berufenen Fotografen gesehen. Ich war vielmehr immer ein politischer Mensch. Die Fotografie ist eine herrliche Möglichkeit, nah am politischen Geschehen zu sein.“ Einmal war er ganz nahe dran, das war 1956. Lessing erlebte den ungarischen Volkaufstand in Budapest im wahrsten Sinne hautnah. Oder wie man in dem Fall auch sagen kann: Der Fotoreporter war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Richtig insofern, als Lessing von den Kampfhandlungen bewegende Bilder machte. Bilder von anrückenden Panzern, von zerstörten Häusern, von Leichen in den Straßen. Hatte er damals nicht Angst um sein eigenes Leben? „Nein, daran verschwendete ich keinen Gedanken, dafür war die Situation viel zu aufregend. Wenn geschossen wurde, suchten wir Deckung in einem Hauseingang. Und wenn es uns zu viel wurde, gingen wir zurück ins Hotel, wo ein livrierter Kellner uns Gulasch servierte.“

Zu jener Zeit war Lessing bereits Mitglied der Fotoagentur Magnum, die Henri Cartier-Bresson, Robert Capa und andere bedeutende Fotografen ins Leben gerufen hatten. Zum einen war und ist das auch heute noch ein Zweckverband, der die Distribution der Fotos übernimmt. Zum anderen war das gerade in der ersten Zeit eine idealistische Vereinigung, die ihre Aufgabe darin sah, „Zeugenschaft über die Wunden und Umbrüche in der Welt abzulegen“, wie es Cartier-Bresson ausdrückte. Unterwegs, irgendwo – das war ihr Motto.

„Wenn das Foto nicht gut ist, bist du nicht nahe genug dran“, sagte Capa. Von ihm stammt das berühmte Foto, das zeigt, wie ein Milizionär im Spanischen Bürgerkrieg, von einer Gewehrkugel im Rücken getroffen, zusammenbricht. Capa drückte im entscheidenden Moment auf den Auslöser und schuf eine Ikone, ein Symbolfoto gegen den Krieg, gegen alle Kriege.

Aus Wien geflohen

Die Welt lag in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern, doch für Fotografen war es eine herrliche Zeit, denn die Menschen waren hungrig auf Bilder. Es kam ein ganz neuer Beruf auf, der des Fotoreporters, und es war auch die Blütezeit von Life, Look, Vu und anderen Magazinen, die auf lange Bildstrecken setzten. Lessing erzählt von Arbeitsbedingungen, von denen heutige Fotoreporter nur träumen können. „Einmal fragte mich der Chefredakteur von Quick, ob ich nicht eine Fotogeschichte über Spanien machen wollte. Natürlich wollte ich, das Franco-Spanien interessierte mich sehr. Gut, ich solle zur Kassa gehen und mir 3000 DM auszahlen lassen. Und nach zwei Monaten zurückkehren.“

Lessing kam in der Welt herum, er, der Jude, der 1939 aus Wien nach Palästina geflohen war. Sein Vater war schon 1933 gestorben, und seine Mutter flüchtete nicht mit ihm, da sie ihre Mutter nicht alleine zurücklassen wollte. Sie sollten beide im Konzentrationslager umkommen.

1947 kehrte Lessing nach Wien zurück, zum einen aus reiner Neugier, zum anderen erhoffte er sich, hier ein Visum für Paris zu bekommen, das er in Palästina nicht erhalten hatte. Doch mit Paris und damit dem Studium an der Filmhochschule sollte es nichts werden, stattdessen ging ihm allmählich das Geld aus. Also fragte er bei ausländischen Presseagenturen nach, ob sie nicht einen Fotografen bräuchten. „Die Agenturen befanden sich damals alle in der Wiener Lindengasse. Ich ging von einem Büro zum anderen und klopfte an die Tür.“ Einmal mit Erfolg, er fand Arbeit und auch seine spätere Ehefrau Traudl, sie war es, die ihn bei „Associated Press“ unterbrachte.

Kunst- und Kulturarchiv

Lessing erlebte die Blütezeit des Fotojournalismus und auch seinen Niedergang. Die Magazine mit den großformatigen Fotoreportagen gingen nach und nach unter. Als großer Konkurrent erwies sich das Fernsehen, das in die Wohnzimmer einzog und Bilder aus aller Welt lieferte. Gegen diese Übermacht war der Fotojournalist machtlos. „Von meinem Fotobuch Die Odyssee wurden 80.000 Exemplare verkauft, mit dem Geld habe ich dieses Haus gebaut. Heute erreicht ein Fotobuch höchstens eine Auflage von 3.000 Stück“, sagt Lessing.

Heute, da ein Foto selbst mit dem Handy geschossen werden kann, nimmt sein Wert schon aufgrund seiner massenhaften Verbreitung stetig ab. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Fotografie als Kunstwerk gerade in den letzten Jahren eine Aufwertung erfährt, die ihr lange Zeit vorenthalten wurde. Jedes bedeutende Museum verfügt inzwischen über eine eigene Fotosammlung. Auch Lessings Aufnahmen vom ungarischen Aufstand, wohlgemerkt für die Tagespresse gemacht, wurden 2006 im Wiener Leopold Museum gezeigt und erfuhren so eine späte Nobilitierung.

Einst war Lessing mit seiner handlichen Leica unterwegs, der klassischen Reportagekamera, die schnelles und unauffälliges Fotografieren ermöglicht. Heute arbeitet er viel mit der Großformatkamera, bei der der Fotografierende wie in den Anfangszeiten der Lichtbildnerei unter einem Tuch verschwindet. Er besucht Museen und lichtet deren Kunstwerke ab. Sein „Kunst- und Kulturarchiv“ umfasst bereits mehr als 40.000 Aufnahmen. Bald muss er wieder nach Paris fahren, um im Louvre weiter Aufnahmen von den Kunstwerken zu machen. Es gibt noch viel zu tun.

Von Dr. MMag. Alexander Ginzel und Mag. Wenzel Müller , Ärzte Woche 39 /2010

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