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Fotos (2): Mag. Wenzel Müller
Le Monde und Süddeutsche Zeitung: Qualitätszeitungen sind im Wiener Cafe Hawelka selbstverständlich.
 
Leben 22. Jänner 2009

Schule des Lebens

Das Kaffeehaus: Eine Wiener Institution ist gerade 325 Jahre alt geworden.

„Gemma auf an Kaffee“, so lautet in Wien gerne die Aufforderung für ein ungezwungenes, unverbindliches Treffen, der man auch nur allzu gerne nachkommt. Immer wieder. Immer noch. Hier kehren Junge wie Alte ein, Ärzte und Angestellte, vornehme Damen und schrille Gestalten.

 

Er hat Philosophie studiert, doch seine eigentliche Schule, erzählt der österreichische Schriftsteller Robert Schindel in dem neu erschienen Buch „Das Wiener Cafe“, sei das Kaffeehaus gewesen. Genauer gesagt das Cafe Hawelka in der Wiener Innenstadt, wo sich Ende der 1960er Jahre die Künstler und Intellektuellen trafen. Hier kamen sie auch wieder zusammen, nachdem sie die als „Uniferkelei“ in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangene Protestaktion im Audimax der Universität begangen hatten.

Debattierort und Brutstätte neuer Ideen: Diesen Stellenwert hatte das Wiener Kaffeehaus in seiner nun 325-jährigen Geschichte immer. Man denke nur an die legendären Zusammenkünfte des „Jungen Wien“, von Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und anderen Schriftstellern, im Cafe Griensteidl an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Doch zugleich war das Kaffeehaus auch stets ein Ort angenehmer Zerstreuung. Noch heute trifft sich regelmäßig eine Damen-Bridge-Runde im Cafe Prückel. Wie sagte es doch so treffend der Feuilletonist Alfred Polgar: Es geht ins Kaffeehaus, wer allein sein möchte und dazu Gesellschaft braucht.

Eine Touristenattraktion

Es ist nicht nur ein Klischee, sondern entspricht durchaus der Wahrheit, dass es in Wien möglich ist, Künstler im Kaffeehaus zu treffen, so beispielsweise die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek im Cafe Korb (wenn sie denn nicht gerade in München ist, ihrem zweiten Wohnsitz). Doch heute ist kein einzelnes Kaffeehaus mehr so etwas wie der zentrale intellektuelle Treffpunkt. Auch das Cafe Hawelka wird inzwischen mehr von Touristen frequentiert als von Einheimischen.

Ein Hauch von großer Welt

Der Engländer hat das Pub, der Franzose das Bistro, und der Wiener das Kaffeehaus. Worin besteht seine Besonderheit? Zunächst darin, dass es hier keine Musikberieselung gibt. In den Räumen dominieren dunkle Farben, nicht selten auch das Werk von Zigarettenrauch, dazu kommen klassischerweise mamorne Tischchen mit eleganten Thonet-Stühlen und gepolsterten Sitzecken. Diese Sitzecken dürfen durchgesessen sein, aber auf keinen Fall etwa mit hellem Stoff nachträglich überzogen werden. Wird eine Renovierung nicht mit allergrößter Behutsamkeit vorgenommen, so verzeiht das das Stammpublikum nicht und bleibt fortan fern. Eine Erfahrung, die zuletzt das Cafe Museum machen musste.

Enge, dunkle Örtlichkeiten sind die Kaffeehäuser in der Regel, sie haben etwas Höhlenartiges, zugleich verströmen sie aber den Hauch von großer, weiter Welt. Zum einen mit einem großen Angebot an internationalen Tageszeitungen, die sehr oft auf Zeitungshalter gespannt sind – eine Wiener Erfindung. Zum anderen verkörpert auch der Ober, klassischerweise Smoking und Fliege tragend, Weltläufigkeit. Der typische Wiener Ober ist nicht servil, sondern charmant-ruppig – „es ist für Kaffeehausanfänger oft nicht ganz leicht, den Grant als Attitüde zu betrachten, das Ignoriertwerden als Initiationsritual“, schreibt Christopher Wurmdobler in seinem neu aufgelegten Buch „Kaffeehäuser in Wien“. Nie würde der Ober allerdings dem Gast das leere Kaffeegeschirr vor der Nase wegräumen. Im Kaffeehaus darf man, bei einer Melange oder einem kleinen Braunen, stundenlang sitzen bleiben und die Zeit verstreichen lassen.

Der Ober akzeptiert es auch, dass nun in der kalten Jahreszeit nicht wenige kommen, die zu Hause Heizkosten sparen wollen. So hat es ja auch schon Stefan Altenberg gemacht, der Dichter. Er wohnte praktisch im Kaffeehaus und schrieb hier seine Elaborate auf Servietten und Bierdeckel. Eine lebensgroße Figur erinnert noch heute im Cafe Central an den berühmten Gast.

 

Literaturtipps: Katja Sindemann: Das Wiener Cafe. Metroverlag, Wien, 2008. Christopher Wurmdobler: Kaffeehäuser in Wien. Falter Verlag, Wien, 2008.

Fotos (2): Mag. Wenzel Müller

Le Monde und Süddeutsche Zeitung: Qualitätszeitungen sind im Wiener Cafe Hawelka selbstverständlich.

Zum Kaffee gibt es das obligate Glas Wasser.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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