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Fotos (3): Mag. Wenzel Müller
Wiener Jugendstil im slowakischen Kurort: Kein Wunder, gehörte doch Piešt´any vormals zur Donaumonarchie.

Piešt´any am frühen Morgen: Die ersten Kurgäste sind schon auf den Beinen.

Die Kolonnadenbrücke über dem Fluss Vah trennt die „Gesundheits-Halbinsel“ vom weltlichen Getriebe der Stadt.

 
Leben 22. September 2010

Wieder auf eigenen Beinen stehen

Piešťany: Ein Kurort mit großer Vergangenheit.

Es war kein Geringerer als Kaiser Karl I, der hier kurte. Während der Donaumonarchie verkehrte in Piešťany die mondäne Gesellschaft. An diese erfolgreiche Zeit möchte der damals in Ungarn, heute in der Slowakei gelegene Kurort gerne wieder anschließen.

 

Die politischen Ordnungen ändern sich, das natürliche Vorkommen bleibt. Piešt´any lebt von seinen Heilquellen. Heute liegt der Kurort in der Slowakei, nicht weit entfernt von Bratislava, einst gehörte er zur Donaumonarchie, daran erinnern heute noch insbesondere die beiden Kurhotels Thermia Palace und Balnea Esplanade Palace, die im Wiener Jugendstil erbaut sind. In früheren Zeiten verkehrte hier die feine Gesellschaft. Ludwig van Beethoven zählte zu den Kurgästen genauso wie Kaiser Karl I. Sie kamen, um ihre mal mehr, mal weniger ausgeprägten Leiden behandeln zu lassen.

Einzigartiges Peloid

In Piešt´any entspringen Quellen mit hohem Mineralgehalt und einer konstanten Temperatur von 67-69°Celsius dem Erdreich. Diese Heilquellen sind zusammen mit dem schwefelhaltigen Heilschlamm, der weltweit als einzigartiges Peloid gilt, das Kapital der Stadt. Sie werden vor allem bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und bei organischen Nervenleiden angewandt. Und das mit Erfolg, das 1898 entstandene Stadtwappen zeigt einen Mann, der seine Krücken zerbricht. Soll heißen: Nach einem Aufenthalt hier in Piešt´any kann der Kranke wieder auf eigenen Beinen stehen.

Diese Botschaft des Kurorts verbreitete sich schnell in alle Welt. In der Zwischenkriegszeit gab es sogar direkte Flugverbindungen nach Berlin und London. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Und hinterher gehörte Piešt´any zum sogenannten Ostblock. Die Heilquellen taten nach wie vor ihre Dienste, nun allerdings weniger für die mondäne Gesellschaft als vor allem für die Werktätigen aus den sozialistischen Länder. Zu den feinen Kurpalästen kamen sukzessive funktionale Betonbauten dazu. Nicht geändert hat sich allerdings über all die Jahre, dass die Medizin- und Kureinrichtungen auf einer Halbinsel zusammengefasst sind, die von dem weltlichen Getriebe der Stadt durch die sogenannte Kolonnadenbrücke getrennt ist. Eine Welt für sich. Eine Welt, die ganz der Gesundung und Erholung dient, mit Kurpark, aber im Unterschied zu anderen Kurorten ohne Kasino. Ein „Haus der Kunst“ gibt es auch, nur liegt das jenseits des Flusses Vah, und auch dieser Betonbau ist erkennbar ein Relikt aus sozialistischen Zeiten.

„Schlankheits-Programm“

Inzwischen gehört die Slowakei nicht mehr zum „Ostblock“, sondern ist Mitglied der Europäischen Union. Für den Kurort heißt das, dass er sich wieder einmal neu orientieren muss. Die Gäste kommen nun nicht mehr automatisch über Gewerkschaftsorganisationen und auch nicht mehr hauptsächlich aus den sogenannten sozialistischen Bruderstaaten. Gerne möchte Piešt´any wieder an die mondänen Zeiten von früher anschließen. Daher wirbt es um Gäste aus dem Ausland, und daher hat es auch nicht nur ein „Osteoporose-Programm“ im Angebot, sondern auch ein „Schlankheits-Programm“. Man muss eben mit der Zeit gehen. Einstweilen scheinen sich vor allem Menschen aus dem arabischen Raum angesprochen zu fühlen, auf sie trifft man jedenfalls allenthalben bei einem Spaziergang über die „Gesundheits-Halbinsel“.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 38 /2010

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