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Foto: Anita Affentranger, Zürich
 
Leben 14. September 2010

In der Gegenwart ankommen

Die Schweizer Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg über „Nonstop. Die Geschwindigkeit des Lebens“.

Noch nie verfügten wir über so viel Wissen wie heute. Das ist eine hervorragende Sache. Einerseits. Andererseits ist das auch eine große Last, denn wie, fragt sich etwa der Arzt, soll er nur die schier unermessliche Fülle an Informationen bewältigen? Und wie soll er überhaupt mit dem schnellen Tempo unserer Zeit Schritt halten? Zeitmangel und Zeitdruck prägen das heutige Lebensgefühl.

Wie schwer hatten es doch frühere Generationen! Wollten sie sich über größere Distanzen etwas mitteilen, mussten sie zu Papier und Stift greifen. Und dann war der Brief möglicherweise noch mehrere Tage unterwegs. Heute haben wir es leichter. Wir greifen einfach zum Handy oder schreiben eine E-Mail.

Doch ist unser Leben tatsächlich leichter geworden? Viele bezweifeln das, sie empfinden die technischen Errungenschaften auch als große Last, bedeuten die doch, dass sie jederzeit erreichbar sein und Tag für Tag einen riesigen Berg von E-mails abtragen müssen. Im Stillen oder auch offen denken sie: Wie wunderbar muss doch es doch früher gewesen sein, als die Post oder die Brieftauben oder die Telegraphenticker noch den Zeitrhythmus vorgab!

„Nonstop. Über die Geschwindigkeit des Lebens“, so hieß eine Ausstellung der Schweizer Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg. Die Schau ist leider schon vorbei, doch es bleibt der höchst interessante Ausstellungskatalog.

Jede Pause nutzen

Immer schneller, immer mehr – so lautet ein neuzeitliches Postulat. Den Laptop oder den Blackberry nehmen wir mit in den Zug, um auch die Zeit auf der Fahrt von A nach B sinnvoll zu nutzen. Früher legte man währenddessen vielleicht ein Nickerchen ein, heute bleibt keine Zeit für Pausen. In den Augen des amerikanischen Soziologen Richard Sennett eine gefährliche Entwicklung. Er sagt, der Prototyp unserer Zeit sei der „flexible Mensch“, jener Mensch, der sich stets anpassungs- und wandlungsfähig zeige und darüber ganz das verliere, was seinen Wert ausmache: seinen Charakter.

Der Zusammenbruch als Signal

Mediziner diagnostizieren den Anstieg einer Krankheit, für die erst in neuerer Zeit der Fachbegriff aufgekommen ist: Burn-out-Syndrom. Die Menschen arbeiten ohne Unterlass, so lange, bis sie im wahrsten Sinne völlig ausgebrannt sind und nicht weiter können. Das passiert vor allem dann, wenn sie für die von ihnen erbrachte Leistung keine Anerkennung erhalten. Stress ist per se noch nicht ungesund, er ist für viele sogar ein wertvoller Stimulans, es ist der Stress ohne Sinn und Ziel und Belohnung, der Distress, der krank macht.

Der Zusammenbruch kann für den Betroffenen ein heilsame Warnung sein, das Signal, nicht im gleichen Trott wie bisher weiter zu machen, sondern seinem Leben eine entscheidende Wende zu geben. Das ist freilich leichter gesagt als getan. Der Mensch gerät schnell unter die Räder und wird aussortiert, wenn er im Beruf nicht die nötige Leistung bringt. Es wird von ihm erwartet, topfit zu sein und ständig an sich zu arbeiten. „Die Optimierung ist zur sozialen Norm avanciert“, schreibt Christian Schüle in seinem Katalogbeitrag.

Man kann sich noch so sehr anstrengen, und doch stellt sich häufig das Gefühl ein, das Tempo unserer Zeit nicht mithalten zu können und nur hoffnungslos hinterherzuhinken. Das gilt gerade für Ärzte und Wissenschaftler. Stetig nimmt das Wissen in der Medizin zu, doch woher soll er, fragt sich der gemeine Arzt, die Zeit nehmen, um all die tatsächlich oder vermeintlich wichtigen Studien zu lesen und sich auf dem Laufenden zu halten? Schließlich sollen auch seine Patienten nicht zu kurz kommen.

In geradezu schwindelerregendem Tempo wächst von Jahr zu Jahr das verfügbare Wissen. Ralf Grötker schreibt dazu: „Auf fünf Exabyte schätzten Wissenschaftler der Universität Berkeley das Gesamtvolumen aller verfügbaren Informationen für das Jahr 2002. Vier Jahre später waren es, nach einer neulich publizierten Berechnung des International Data Center IDC, bereits mehr als 30 Mal so viel: 161 Exabyte. Auf Papier ausgedruckt, ergäbe das eine Strecke von zwölf Stapeln Büchern, die von der Erde bis zur Sonne reichen.“ So viel Wissen: eine hervorragende Sache.

Allerdings: der Einzelne hat reichlich wenig davon. Zu unermesslich ist dieses sich exponentiell ausweitende Wissen, als dass es noch bewältigt werden könnte. Braucht der Mensch doch etwa eine Minute, um 200 bis 250 Wörter zu lesen. Und dann muss er den Stoff erst noch verarbeiten… Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Ab 1850 wurde es üblich, dass Wissenschaftler einander zitieren. Hier liegt ein Grund, warum die wissenschaftlichen Arbeiten immer voluminöser werden. Kommt hinzu, dass sich die wissenschaftlichen Fächer fortwährend in Subdisziplinen auffächern, verantwortlich sind dafür, wie Grötker mit Verweis auf den Forscher Derek de Solla Price schreibt, wissenschaftliche Pionieren, denen es in ihrem ursprünglichen Arbeitsgebiet zu eng wird: „Das passiert immer dann, wenn ein Gebiet mehr Mitglieder zählt als ein paar hundert Leute. So groß nämlich ist das Limit an Kollegen und Rivalen, die ein einzelner Forscher noch im Blick behalten kann. Dadurch nun, dass das Netzwerk der Wissenschaft durch die Gründung neuer Spin-offs ständig neue Verästelungen erzeugt, kann sich die Forschung immer weiter ausbreiten, ohne dass zugleich die Menge an Informationen und Kontakten, die der Einzelne handhaben muss, ansteigt.“ Mit just diesem Phänomen haben wir es auch in der Medizin zu tun: Ständig nehmen die Subdisziplinen zu, das Spezialwissen wächst – der Mensch in seiner Ganzheit gerät damit immer mehr aus dem Blick.

Der Mensch von heute ist überfordert, das ist nicht zuletzt daran zu erkennen ist, dass er dazu neigt, mehrere Dinge auf einmal zu tun. Während der telefoniert, beantwortet er nebenbei E-mails. Während er fernsieht, surft er im Netz. Eine Art Verzweiflungsakt, um seinem begrenzten Zeitbudget ein Schnippchen zu schlagen. Die Folge ist allerdings nur ein „Zustand der mentalen Zersplitterung“, wie Anja Ardine schreibt.

Keine Zeit mehr für sich. Auch nicht zum Nachdenken. Dieser Missstand äußert sich auch darin, dass der gehetzte Mensch von heute geradezu verzweifelt nach Momenten der Ruhe sucht. Zwischen zwei Terminen geht er zur Massage, denn er lechzt nach menschlichem Kontakt, nicht nach sexueller Erfüllung, sondern einfach nach Berührung. Oder er belegt einen Yoga-Kurs, weil ihm schmerzlich dämmert, dass sein Leben viel zu sehr an der Oberfläche verläuft. Er spürt einen Mangel, der durch alles Geld der Welt nicht aufzuwiegen ist. Einen Mangel an Tiefe. Was hilft dagegen? Was sagen die Philosophen? Schon Demokrit empfahl: „Wenn du willst, dass du dich wohl befindest, darf sich deine Tätigkeit nur auf wenige Dinge erstrecken.“

Damit das gelingen kann, schlägt der Philosoph Rüdiger Safranski vor, mitten im Dschungel der globalen Welt einen kleinen Platz zu roden, den der Einzelne für sich überblicken kann. Und das heißt vor allem: langsam werden und verzichten. Und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nichts anderes propagieren auch alle Religionen der Welt: In der Gegenwart ankommen und dabei eins werden mit der Welt und sich.

 Information: www.stapferhaus.ch

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 37 /2010

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