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Dr. Alois Alzheimer, dessen anatomische Studien richtungsweisend waren.

Auguste Deter war 51, als sie an der „Krankheit des Vergessens“ litt.

Über eigenartige Krankheitsfälle des späteren Alters. Zeitschrift für die Gesamte Neurologie und Psychiatrie, 1911, Springer Verlag

 
Leben 14. September 2010

Auguste D. und die „Krankheit des Vergessens“

Der „Irrenarzt mit dem Mikroskop“ entdeckt die Seuche des 21. Jahrhunderts: Am 21.September ist Weltalzheimertag

Ende des Jahres 1901 kam in die „Städtische Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main eine relativ junge Patientin. Ihre Symptome glichen jenen der senilen Demenz. Dagegen sprach allerdings ihr geringes Alter. Sie war gerade einmal 51 Jahre alt. Auch den Aufnahmearzt interessierte die Patientin, die „klinisch ein so abweichendes Bild“ bot. Akribisch notierte der damals 37 Jahre alte deutsche Psychiater seine Gespräche mit der Patientin und seine Beobachtungen, es war Dr. Alois Alzheimer (1864–1915).

 

„Wie heißen Sie?“ fragte Dr. Alois Alzheimer Auguste Deter beim Aufnahmegespräch. – „Auguste.“ – „Familienname?“ – „Auguste.“ – „Wie heißt Ihr Mann?“ – „Ich glaube Auguste.“ – „Ihr Mann?“ – „Ach so“. Etwas später: „Schreiben Sie eine Fünf.“ Sie schrieb: „Eine Frau.“ – „Schreiben Sie eine Acht.“ Deter schrieb: „Auguste.“ Dazwischen bemerkte sie mehrfach: „Ich habe mich sozusagen selbst verloren.“ Alzheimer nannte das Krankheitsbild, das Auguste Deter bot, „die Krankheit des Vergessens“. Das Verhalten seiner Patientin beschrieb Alzheimer als völlig ratlos, zeitlich und örtlich desorientiert. „Ihre Merkfähigkeit ist aufs Schwerste gestört“, notierte Alzheimer in der Krankengeschichte, die überraschenderweise 1996 in einem Archiv der psychiatrischen Klinik in Frankfurt gefunden wurde. Weiterer Eintrag: „Oft schreit sie viele Stunden lang mit grässlicher Stimme“.

Alzheimer hatte Frankfurt schon längst verlassen, als Auguste Deter 1906 – „völlig verblödet“ – in Frankfurt starb. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Heidelberg war Alzheimer mit Emil Kraepelin (1856–1926) – damals der Papst der deutschen Psychiatrie – nach München gegangen. Hier leitete Alzheimer seit 1903 das anatomische Labor der Königlichen Psychiatrischen Klinik. Vergessen hatte Alzheimer die „eigenartige“ Patientin im „Irrenschloss“ in Frankfurt jedoch nicht. Regelmäßig hatte er sich nach ihrem Gesundheitszustand und dem weiteren Verlauf ihrer Krankheit erkundigt. Jetzt nach ihrem Tod ließ er sich die Krankengeschichte und ihr Gehirn nach München schicken. Alzheimer suchte damals mit dem Mikroskop – wie viele Psychiater seiner Zeit – im Gehirn nach organischen Ursachen psychiatrischer Krankheiten. Ziel war es, Geisteskrankheiten nach hirnanatomischen Grundlagen einzuteilen. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Franz Nissl (1860–1919) – bekannt durch die von ihm entwickelte histologische Färbetechnik für Nervengewebe – gelang ihm das auch für einige Gruppen von Erkrankungen. In seinem Münchner Labor lernten damals Ärzte aus der ganzen Welt. Unter ihnen heute weltbekannte Namen wie Alfons Maria Jakob und Hans-Gerhard Creutzfeldt.

Spuren der Erkrankung im Hirn

Das Auffälligste in den mikroskopischen Präparaten von Auguste Deters Gehirn waren Milliarden zugrunde gegangener Nervenzellen. Seine Beobachtungen beschrieb Alzheimer so: „Über die ganze Rinde zerstreut, besonders zahlreich in den oberen Schichten, findet man miliare Herdchen, welche durch Einlagerung eines eigenartigen Stoffes in die Hirnrinde bedingt sind.“ Und weiters: „Im Innern einer im Übrigen noch normal erscheinenden Zelle treten zunächst eine oder einige Fibrillen hervor. Dann legen sie sich zu dichten Bündeln zusammen und nur ein aufgeknäueltes Bündel von Fibrillen zeigt den Ort, an dem früher eine Ganglienzelle gelegen hat.“ Zweifellos lagen für Alzheimer hier die anatomischen Ursachen für den „eigenartigen Krankheitsprozeß“ der Auguste Deter. Ein halbes Jahr später berichtete Alzheimer über den „Fall Auguste D.“ bei der „37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen. In seinem Vortrag mit dem Titel „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“ bemerkte er auch, dass sich „solche Krankheitsprozesse in den letzten Jahren in größerer Anzahl haben feststellen lassen“. Für Alzheimer war die Reaktion auf sein Referat vermutlich eine Enttäuschung. Kaum ein Kollege interessierte sich für seine Erkenntnisse. „Offenbar kein Diskussionsbedarf“, vermerkte lakonisch das Protokoll des Kongresses nach Alzheimers Präsentation.

Bis heute rätselhafte Krankheit

Dennoch widmete Alzheimers Chef Kraepelin in der 1910 erschienen achten Auflage seines Lehrbuchs der Psychiatrie – lange Jahre hindurch die „Bibel“ der Psychiater – dieser Krankheit ein eigenes Kapitel. Hier benannte Kraepelin auch erstmals die Krankheit: Alzheimersche Krankheit. Weltbekannt wurde die Krankheit aber erst viele Jahre nach dem Tod Alzheimers. Seine wissenschaftlichen und ärztlichen Leistungen wurden aber schon zu seinen Lebzeiten anerkannt. Im Jahr 1912 erhielt er einen Lehrstuhl in Breslau. Hier starb Alois Alzheimer – erst 51 Jahre alt – am 19. Dezember 1915.

Wie die nach ihm benannte Krankheit entsteht und was ihr Auslöser ist, wusste Alzheimer nicht. Trotz aller neuen Erkenntnisse weiß man das auch heute noch nicht so genau. Auch über hundert Jahre nach seiner Entdeckung ist die Krankheit unheilbar. Für Alzheimer war es noch eine Form der präsenilen Demenz. Eine Krankheit, die Menschen im mittleren Lebensalter trifft. Heute weiß man, dass das einzig gesicherte Risiko, an Alzheimer zu erkranken, das Alter ist. Rein statistisch gesehen wird sich bis 2040 jeder fünfte über Achtzigjährige wie Auguste D. „sozusagen selbst verlieren“. So gesehen fahnden Alzheimer-Forscher auch im eigenen Interesse. Das lässt hoffen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 37 /2010

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