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Foto: Nokolaus Heiss
Sieht aus wie die Wiener Secession, ist aber das Eingangsportal des Ernst-Ludwig-Hauses in Darmstadt. Der Architekt ist gleichwohl derselbe: Joseph Maria Olbrich (1867–1908).
 
Leben 8. September 2010

Das Leben mit Schönheit durchdringen

Leopold Museum: Ausstellung über den Universalkünstler Joseph Maria Olbrich.

Er ist auf der österreichischen 50-Cent-Münze verewigt. Eine späte Wiedergutmachung, denn Joseph Maria Olbrich (1867–1908) wurde zeitlebens mehr im Ausland als in seiner Heimat geschätzt. Dem Architekten und Erbauer der Wiener Secession widmet das Leopold Museum im Augenblick eine Ausstellung.

Die Geburt seiner Tochter Marianne erlebte er noch, doch da war er bereits schwer krank und drei Wochen später ist er dann auch gestorben. Joseph Maria Olbrich wurde nur 41 Jahre alt. Für den aus dem kleinen Troppau (damals zum österreichischen Herzogtum Schlesien gehörend, heute Opava, Tschechien) stammenden Architekten Zeit genug, um ein imposantes Werk zu hinterlassen. Das Leopold Museum würdigt den Künstler der Wiener Moderne in einer aktuellen Ausstellung.

Egon Schiele und Gustav Klimt, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr, es sind vor allem diese Persönlichkeiten, mit denen wir heute den künstlerischen Aufbruch am Ende des 19. Jahrhunderts in Wien in Verbindung bringen. Weg von dem historisierenden Stil und hin zu einer zeitgemäßen Formensprache, so lautete ihr Credo. Weg von den prunkvollen Palästen, wie sie zu jener Zeit gerade entlang der Ringstraße errichtet worden waren, und hin zu Bauten, deren Schönheit sich auf einfachen geometrischen Formen gründet.

Heute Touristenattraktion

Die Secessionisten, wie sie sich riefen, machten sich stark für einen Neuanfang, für eine Abkehr von den traditionellen Ausdrucksformen. Zu diesem Kreis gehörte auch Joseph Maria Olbrich. Noch war er nicht weiter in Erscheinung getreten, der junge Mann, der zum Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste nach Wien gekommen war und nun im Büro von Otto Wagner arbeitete. Doch schon bald sollte er von sich reden machen, denn Olbrich war es, der das Ausstellungsgebäude der Wiener Secessionisten baute.

Was heute eine Touristenattraktion ist, dieses Haus in der Nähe des Wiener Naschmarkts, war vor hundert Jahren ein höchst umstrittener und heftig diskutierter Bau. Ein Ausstellungsgebäude, das auf die obligatorischen Säulen verzichtete und stattdessen auf klare und einfache Grundformen setzte – es war für die einen reine Provokation, für die anderen eine Art Offenbarung.

Nichts als kahle, weiße Wände als Ausstellungsfläche, damit nahm Olbrich bereits 1898 vorweg, was heute in Museumsbauten selbstverständlich ist. Klar und kubisch streng ist der Bau, aber auch mit einer Menge floraler Elemente verziert – auf dem Dach thront eine Kugel aus gold glänzenden Lorbeerblättern –, weswegen er sich nicht zuletzt auch Kritik aus den eigenen Reihen einhandelte. Die Kritiker sahen darin eine ungebührliche Verhübschung, und es war Adolf Loos, der zehn Jahre später kategorisch feststellte: „Ornament ist Verbrechen.“

Der Künstler zählt im eigenen Lande nichts. Diese Klage hört man häufig in Österreich. Und tatsächlich erhalten viele Künstler, man denke nur an Thomas Bernhard, hierzulande erst die gebührende Anerkennung, nachdem sie Erfolg im Ausland hatten (oder nachdem sie gestorben sind). Bei Olbrich war der Fall nicht ganz anders. In Wien bekam er, obwohl sich Otto Wagner für ihn stark machte, keine Professorenstelle an der Akademie. Also folgte er dem Ruf des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein und übersiedelte 1899 nach Darmstadt.

Der Großherzog baute in der hessischen Residenzstadt eine Künstlerkolonie auf und wies dabei Olbrich eine führende Rolle zu, in der Hoffnung, mit „österreichischer Fröhlichkeit und Leichtigkeit“ das deutsche Handwerk zu beleben. Der junge Herrscher war nicht nur ein kunstsinniger, sondern auch ein geschäftstüchtiger Mensch. Er wusste, dass die darniederliegenden Betriebe nur wieder auf die Beine kommen würden, wenn sie Impulse von außen erhielten. Die Rechnung ging auf, das Experiment, Künstler und Handwerker zusammenzubringen, erwies sich als volkswirtschaftlich profitabel: Das hessische Kunsthandwerk erstarkte und konnte sich sogar gegen die englische Konkurrenz behaupten.

Kleinliche Intrigen

Olbrich arbeitete nicht nur als Architekt, sondern auch als Stadtplaner und Designer. Er lieferte Gestaltungsentwürfe für Gläser und Teppiche, für Besteck und Möbel. Sein Totaldesign reichte vom Garten bis zum Schneebesen. Das Ziel dieses Universalisten war kein geringeres, als alle Bereiche des Lebens mit Schönheit zu durchdringen. Dass das nicht immer im besten Einvernehmen mit den Kollegen in der Künstlerkolonie geschah, sondern oft genug in erbittertem Wettstreit und offener Feindschaft, kann man sich denken. Wo Individualisten am Werk sind, sind Grabenkämpfe wohl unausweichlich. Olbrich klagte einmal: „Hier bin ich der Ausländer, ich bin der Wiener, der von irgendwoher gekommen ist, um die Spießbürger aufzuschrecken. Und wenn schon. Im Großherzog habe ich einen Beschützer gefunden, der selbst Künstler ist.“

Der Großherzog erinnerte sich rückblickend an eine „herrliche Zeit, denn sie bestand immer aus Kampf, um unsere Zukunftsideale durchzusetzen. Wir stießen ja oft mit dem Alten und Rückständigen zusammen und man hatte oft gegen kleinliche Intrigen anzukämpfen.“

„Beispielloses Talent“

Dieser Kampf fand mit Olbrichs Tod ein jähes Ende. Dem Architekten kommt das Verdienst zu, die Ideen des Wiener Jugendstils in deutsche Lande getragen zu haben. Und was hätte Olbrich, dieses „beispiellose Talent“ und „kaum zu fassende Genie“ (Otto Wagner), nicht alles noch schaffen können, wäre er nicht so früh gestorben? Darüber kann man nur Spekulationen anstellen. Dafür gibt es eine Erklärung für Olbrichs Gestaltungsfreude, nämlich die, dass die elterliche Konditorei ihm eine wichtige Schule gewesen sei. Sein Vater war Lebkuchenbäcker und Wachszieher, und das Kind fand schon früh Gefallen daran, die Torten zu verzieren.

 

Leopold Museum: Ausstellung Joseph Maria Olbrich. Museumsquartier, 1070 Wien, bis 27.9.2010

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 36 /2010

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