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Fotos (4): Regal/Nanut
Tod im Morgengrauen. Häufig starben die Verlierer eines Duells nicht an der Kugel, sondern Tage danach an einer unbeherrschbaren Infektion.

Beim Pistolenduell durchschlug die Bleikugel den Schädel nicht glatt, sondern führte zu dessen Zertrümmerung. Das Wichtigste aber war wieder hergestellt: die Mannesehre des Oberstleutnants des österreichischen Militärs.

Ein Schuss aus einer typischen Duellpistole hatte aufgrund der geringen Distanz durchschlagende Wirkung.

 
Leben 1. September 2010

Blaue Bohnen

Von Duellen und dem „feineren Ehrgefühl“ der „höheren Kreise“.

Das Geschoss, das den in die Sammlung des Narrenturms aufgenommenen Schädel so „colossal verwüstet“ hat, ist tatsächlich noch eine richtige Kugel. Eines dieser Projektile, die aus Krimis und Western unter dem malerischen Begriff „blaue Bohnen“ bekannt sind und die sich die Schützen meist selbst aus Blei gegossen haben. Dieser Schädel und die Pistolenkugel erinnern an einen – zum Glück heute nicht mehr modernen – Weg, der beleidigten Mannesehre Genugtuung zu verschaffen. Die handgegossene Bleikugel an dem für den Narrenturm eher ungewöhnlichen Präparat – man würde den Schädel eher in einer gerichtsmedizinischen Sammlung vermuten – drang bei einem Duell in den Kopf des bedauernswerten Opfers und sprengte dabei dessen Schädel auseinander.

 

In Literatur und Film übt das meist an einem einsamen Ort in den frühen Morgenstunden über die Bühne gehende „Spiel um Leib und Leben“ noch immer eine gewisse Faszination aus. Von vielen berühmten Persönlichkeiten ist bekannt, dass sie an Pistolenduellen teilnahmen: Die Schriftsteller Alexander Dumas, Alexander Puschkin und Heinrich Heine, die Politiker Ferdinand Lasalle und Otto von Bismarck und viele andere mussten ihre Mannesehre auf diese Art verteidigen. Durchaus nichts Ungewöhnliches im 19. Jahrhundert. Praktisch in ganz Europa gehörte diese lebensgefährliche Form der Verteidigung seiner Ehre in bestimmten Schichten zum guten Ton. „Satisfaktionsfähig“ waren ursprünglich zwar nur Offiziere, Adelige und Studenten, aber später eroberten sich auch wohlhabende Bürgerliche die zweifelhafte Ehre, an diesen „ritterlichen“ Zweikämpfen um die vielgepriesene Ehre teilnehmen zu dürfen.

Offiziersehre

Für viele Offiziere – im österreichischen Militär gehörten dem Offizierscorps damals fast nur Adelige an – waren bürgerliche Zivilisten nicht satisfaktionsfähig, da ihnen das „feinere Ehrgefühl“ fehle. Ihrer Ansicht war das Angehörigen elitärer Gesellschaftskreise vorbehalten, die demzufolge verpflichtet waren, sich bei „schwerer“ Beleidigung einem Zweikampf zu stellen und für die Mannesehre Verletzung oder Tod zu riskieren. Tat der Beleidiger das nicht, war er nicht gewillt, sich dem fragwürdigen Codex zu unterwerfen, und verweigerte ein Duell, galt er als ehrlos, wurde verachtet und war gesellschaftlich erledigt. Er verlor auch seine Satisfaktionsfähigkeit. Österreichische Offiziere mussten sogar mit der Entlassung aus der Armee rechnen. Trotz Verboten und zumindest angedrohter „entehrender“ hoher Strafen – Duellanten wurden aber vielfach entweder gar nicht oder nur mild bestraft, da sich auch viele Richter diesem männlichen Ehrencodex verpflichtet fühlten – blieb der „Kampf zweier Personen zur Genugthuung für Beleidigung“ bis zum Ersten Weltkrieg ein zwar verbotenes, aber in bestimmten Kreisen nach wie vor gültiges Mittel zur Wiederherstellung der verletzten Ehre. Im Österreich-ungarischen Heer verbot erst Kaiser Karl I. im November 1917 endgültig das Duell.

Die am häufigsten gewählten Waffen für ein Duell waren Säbel und Pistole. Die bei Pistolenduellen verwendeten Pistolen – die Waffen mussten für jeden Zweikämpfer gleich sein – wurden in einem speziellen Köfferchen mit allem Zubehör aufbewahrt. Es waren üblicherweise einschüssige Vorderladerpistolen, die mit Schwarzpulver und selbst hergestellten runden Bleikugeln geladen wurden. Die Durchführung eines Duells hatte festen „hergebrachten und vereinbarten“ Zeremonien und strengen Regeln zu gehorchen. In ihnen wurden die Zahl der Schusswechsel und die Entfernung der beiden Duellanten – in Schritten – festgelegt. Da die Läufe der Duellpistolen innen glatt waren – moderne Waffen haben mit spiralförmigen Rillen ausgestattete sogenannte gezogene Läufe, die das Projektil in Drehung versetzen und so Reichweite und Treffsicherheit erhöhen –, war die Treffsicherheit mit diesen Pistolen recht gering.

Vielfach bemühten sich die Zweikämpfer oder ihre Sekundanten, die Bedingungen so auszuhandeln, dass eine schwere Verletzung fast unmöglich war. Denn allein durch die Teilnahme an diesem potenziell lebensgefährlichen Kampf war die Beleidigung unabhängig von seinem Ausgang getilgt und die Ehre beider wieder hergestellt.

Obwohl beim Duell immer ein Arzt anwesend sein musste, starben viele zunächst durchaus nicht tödlich getroffene Zweikämpfer oft Tage später durch die schweren Verletzungen der großen Bleigeschosse – Kaliber zehn bis 17 Millimeter Durchmesser – oder durch nicht beherrschbare Infektionen. Grob geschätzt kam es in einem von fünf Duellen zu einer schweren Verletzung und in einem von fünfzehn zum Tod eines Zweikämpfers.

Über die Ursachen solcher Zerstörung, wie sie der Schädel im Narrenturm aufweist, gab es unter den Medizinern unterschiedliche Meinungen. Beim ersten Auftauchen solcher „Verwüstungen“, bei denen Schädel oder Röhrenknochen gleichsam auseinandergesprengt waren, beschuldigte man im deutsch-französischen Krieg zunächst die Franzosen, sie hätten mit Explosivkugeln geschossen.

Versuche ergaben jedoch, dass die modernen Hinterladergewehre mit ihrer enormen Geschossgeschwindigkeit aus kürzeren Distanzen solche Verletzungen verursachen können. Als Ursache wurden abschmelzende Teilchen vermutet, die aus der erhitzten, weichen Bleikugel nach dem Durchtritt durch den Knochen zu einer Art „Zerstreuungskegel“ führen, oder das enorm schnelle Rotieren der Kugel, die durch den plötzlich auftretenden hydraulischen Druck Knochen auseinander sprengt. Das war natürlich auch von forensischer Bedeutung, da aus massiven Verletzungen anscheinend auf Nahschuss und auch auf die Art der Tatwaffe geschlossen werden konnte.

Der Wiener Gerichtsmediziner Eduard Hofmann wies aber in seinem weltberühmten Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin bereits darauf hin, dass auch Pistolen und Gewehre „alten Systems“ auf ziemlich weite Distanzen solch ungewöhnliche Zertrümmerungen des Schädels bewirken können. Als Beweis publizierte er eine Zeichnung des gesprengten Schädels, der sich heute – rekonstruiert und gemeinsam mit der Bleikugel Kaliber 10 mm – im Narrenturm befindet. Im Text notierte Hofmann, dass die hochgradige „Zertrümmerung des Schädels bei einem Duell auf 30 Schritte“ – der Text am Schädel spricht sogar von 35 Schritten – „durch den Schuss aus einer glatten Sattelpistole alten Systems mit fast haselnussgroßer Rundkugel zustande kam.“

Die Kugel hat den Schädel des in diesem Pistolenduell gefallenen Oberstleutnant zwar auseinandergesprengt und eine „colossale Verwüstung“ hinterlassen, seine Mannesehre hat sie glücklicherweise aber wieder hergestellt.

Wolfgang Regal, Michael Nanut, Ärzte Woche 35 /2010

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