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Illustration: wikipedia.de / Tobias Falberg
Gottfried Benn (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Dichter und Essayist.
 
Leben 25. August 2010

Melancholischer Zyniker

Arzt und Autor: Gottfried Benn (1886 – 1956).

Arzt und Autor, das heißt: strenge Naturwissenschaft und freie Kunst, tätige Hilfe und einsames Arbeiten. Wie kaum ein anderer hat Gottfried Benn diese beiden Leben in sich vereint, ja kultiviert. Seine Autobiografie heißt nicht zufällig „Doppelleben“.

 

„Als ich Morgue schrieb, hatte ich im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskurs gehabt. Es war ein Zyklus von sechs Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, da waren, vorher war nichts von ihnen da, als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg hervor aus dem großen Verfall.“

Den Gedichtband „Morgue“ veröffentlichte Gottfried Benn als 26-Jähriger. Thematisiert wird eine Sektion. Benns Bilder referieren nicht den exakten medizinischen Eingriff, es sind ganz eigene Bilder des Grauens und Schreckens. Die Obduktion als erschütterndes Erlebnis.

Harte Worte für harte Wirklichkeitsausschnitte, nichts verschönern, das ist neu und kennzeichnet die Lyrik des 1886 in Brandenburg und später nach Berlin übersiedelten Benn. Manche Zeitgenossen nennen sie denn auch „unästhetisch“. Bald darauf, während der Nazi-Zeit, werden sie deutlicher: „Gib es auf, Dichter Benn, die Zeiten für derartige Ferkeleien sind endgültig vorbei.“

Der Pastorensohn Benn studierte von 1905 bis 1919 in Berlin Medizin, die naturwissenschaftliche Disziplinierung gab ihm, wonach er verlangte: „Härte des Gedankens, Verantwortung im Urteil, Sicherheit im Unterscheiden von Zufälligem und Gesetzlichem.“ Das sollte ihm auch später beim Verfassen von Gedichten helfen.

Zugleich bleibt ein großes Unbehagen in die Wissenschaft, als umfassendes System ist es seiner Ansicht nicht imstande, alle Geheimnisse, Rätsel und Mythen dieser Welt zu erklären – und hier findet er den Stoff für seine Dichtung.

Den Medizinerkreisen ist Benns dichterisches Schaffen suspekt, den Künstlerkreisen sein bürgerlicher Beruf – und seine stets korrekte Kleidung. Außerdem lassen Regelmäßigkeiten wie sein täglicher Spaziergang um den Häuserblock ihn nicht gerade als einen Ihresgleichen erscheinen.

Berühmt-berüchtigt ist Benns zweideutige Haltung gegenüber dem Nazi-Regime. Er wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und mit Schreibverbot belegt – spätestens da gehen ihm die Augen auf. Aber am Anfang schwärmte er wie so viele andere von den neuen Machthabern, redete gar von „Schicksalsstunde“.

1950 gesteht er in seiner Autobiographie Doppelleben (erschienen bei Klett-Cotta, ISBN 9783608936209) die begangenen Fehler ein. Es ist ein aufrichtiger Bericht, keine umständliche Rechtfertigung und keine schnelle Anbiederung. Trotzdem wird er noch lange Zeit „brauner Barde“ geschimpft. Dazu Benn: „Dieser Hass, den ich ein Leben lang erzeugte, ist mir ein Rätsel. Aber macht nichts. Ich mag nur einen makabren, anrüchigen Ruhm, keinen lauteren, idealistischen.“ Der späte, große Ruhm kommt in den Nachkriegsjahren. Dann wird Benn vom mächtigen Aufschwung der politisch engagierten Literatur wieder etwas ins Abseits gedrängt. Heute, in Zeiten schwindender Zuversicht, entdecken wir neu den melancholischen Zyniker, den stoischen Apokalyptiker.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 34 /2010

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