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Fotos (3): Technisches Museum Wien
Kaffeemaschine mit E-Anschluss: Dieses frühe Modell suggerierte nicht nur besten Kaffeegenuss, sondern erfüllte auch bestimmte Lifestyle-Versprechungen.
 
Leben 16. Jänner 2009

Erlaubte und verbotene Speisen

Ausstellung „Geschmacksache“ im Technischen Museum Wien.

Der Mensch ist, was er isst. In unseren Breiten kann er sich über ein reichhaltiges Nahrungsmittelangebot freuen, doch viele üben freiwillig Verzicht, sei es gesundheitlichen oder religiösen Gründen.

 

Physiologen und Gourmets haben es schon immer gewusst: Wir genießen unser Essen nicht allein mit den Geschmacksnerven. Sondern auch mit den Augen – schon der Anblick eines leckeren Bratens lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und mit der Nase – sie nimmt nicht nur eingeatmete Duftstoffe wahr, sondern auch jene, die beim Verzehr einer Speise im Mund entstehen und zur Nasenschleimhaut aufsteigen. Und schließlich auch mit den Ohren – die Semmel schmeckt gleich besser, wenn sie schon beim ersten Bissen herzhaft knackt.

Kurzum: Bei der Nahrungsaufnahme sind alle Sinne mit beteiligt. Ein Aspekt, auf den die aktuelle Ausstellung „Geschmacksache“ im Wiener Technischen Museum aufmerksam macht. Das Haus fühlt sich insbesondere der Vermittlung von Technikgeschichte verpflichtet, daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass es in dieser Sonderausstellung den Schwerpunkt auf die Essensherstellung legt. Bietet sich doch so die Gelegenheit, Geräte und Maschinen aus alten Zeiten zu präsentieren.

Der erste Raum widmet sich den Grundnahrungsmitteln, dem Getreide und der Milch. Der interessierte Besucher erfährt, dass sich der Prozess des Bierbrauens nicht wesentlich von dem des Brotbackens unterscheidet. Hier wie dort werden Hopfen und Gerste verarbeitet.

Dann geht es durch einen Metallcontainer, Fleischverarbeitung ist hier das Thema. Ein Videofilm, freigegeben ab 16 Jahren, zeigt, wie es in einem Schlachthaus zugeht. Nämlich gerade so wie in einer Fabrikhalle, nur dass es keine Autos sind, die weiterbefördert werden, sondern Tierkadaver. Ein Film, der einem durchaus die Lust auf Fleisch nehmen kann.

Der letzte Raum befasst sich schließlich mit Genussmitteln, mit Kaffee und Schokolade. Betrachtet man heute das breite Angebot an Schokolade- und Kaffeeprodukten in unseren Geschäften, so mag man kaum glauben, dass diese beiden Genussmittel einst einer privilegierten Schicht vorbehalten waren. Sie entwickelten sich vom Luxusgut zur Massenware.

Bei unserer Nahrungsaufnahme lassen wir uns aber nicht nur von unseren Geschmacksvorlieben leiten. Sondern auch von unseren Überzeugung. Die einen essen kein Fleisch, weil sie nicht an der Tötung von Tieren schuld sein wollen. Andere achten auf die Trennung von Milchigem und Fleischigem, weil das die koscheren Speisegesetze vorschreiben. Und wieder andere verzichten auf Nudeln, weil die angeblich ihrer Fitness abträglich sind.

Essen schafft Identität

Immer mehr Menschen essen immer mehr Sachen nicht, das ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Bei vielen ist der Grund, dass sie sich „gesund“ ernähren wollen. Was allerdings nun wirklich „gesund“ ist und warum, darüber gibt es mindestens so viele Meinungen wie über die Frage, was Glück ist und wie man es erreicht. Im Dickicht von Lebensmittelpyramiden, Diät-Empfehlungen, Nährwerttabellen und Ernährungsrichtungen fühlt man sich mittlerweile wie zwischen rivalisierenden Religionsgemeinschaften. Alle sind auf dem Kreuzzug für die irgendwie gesündere Ernährung, doch welcher der richtige Weg dahin ist, darüber scheiden sich die Geister. Die einen schwören auf anthroposophische Sonnenkost, andere auf buddhistisch angehauchte Makrobiotik.

Wer vorschriftsgemäß bestimmte Speisen isst und andere meidet, gibt sich damit als Angehöriger einer bestimmten Gemeinschaft zu erkennen, für die diese Regeln gelten. Mehr noch, mit dem Verzehr der Speise verleibt er sich buchstäblich eine bestimmte Identität ein. Umgekehrt gilt, dass er sich durch die falsche Nahrung von dieser Gemeinschaft ausschließt. Sein Körper, der die verbotenen Speise aufnimmt, sondert ihn damit von anderen ab, und er verliert seine Identität als (guter) Jude, Veganer oder Makrobiotiker. Mit der Nahrungsaufnahme geht also eine spezifische Form der Identifizierung einher.

Essen als Gesamtkunstwerk

Was ihren gesundheitlichen Wert betrifft, so fixierte sich die Wissenschaft lange auf Bestandteile von Nahrungsmitteln, wie Fettsäuren, Vitamine oder Mineralstoffe, anstatt Essen als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Möglicherweise aber, so wird langsam klar, wirken Inhaltsstoffe nur im Zusammenspiel mit anderen gesundheitsförderlich. Auf der molekularen Ebene wissen wir inzwischen sehr viel über bestimmte Nährstoffe. Aber die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Lebensmitteln sind noch kaum erforscht.

 

Ausstellung „Geschmacksache“ im Technischen Museum Wien, Mariahilfer Straße 212, 1140 Wien. Bis 21.6.2009

Fotos (3): Technisches Museum Wien

Kaffeemaschine mit E-Anschluss: Dieses frühe Modell suggerierte nicht nur besten Kaffeegenuss, sondern erfüllte auch bestimmte Lifestyle-Versprechungen.

Kaffeekanne von 1837.

Kaffeemühle mit Löwenkopfverzierung: Kaffee war lange Zeit als Genussmittel einer privilegierten Schicht vorbehalten.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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