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Natalie Assmann als Josefine in Schnitzlers Stück Die kleine Komödie. Eines der vielen süßen Mädels, die der Wiener Autor geschaffen hatte.
 
Leben 17. August 2010

Der Dichter des süßen Mädels

Arzt und Autor: Arthur Schnitzler (1862-1931).

Er war ein Kind der feinen Wiener Gesellschaft, der Arzt und Autor Arthur Schnitzler. Und diese Gesellschaft porträtierte er auch in seinen zahlreichen Stücken – was den einen oder anderen Skandal zur Folge hatte.

 

Er sollte wie sein Großvater und Vater Arzt werden, das war von den Eltern so bestimmt. Also studierte Arthur Schnitzler (1862-1931) Medizin in Wien und schloss erfolgreich ab.

Zunächst arbeitete er am Allgemeinen Krankenhaus, später übernahm er nach dem Tod seines Vaters dessen Praxis. So weit, so vorhersehbar. Aber da war noch die „Künstlernatur“ in ihm, die er bereits als Medizinstudent verspürte. Und diese Künstlernatur gewann mit der Zeit Oberhand.

Schnitzler reüssierte als Autor, seine Stücke wurden am Burgtheater aufgeführt, und so gab er schließlich seine ärztliche Tätigkeit auf. Heute ist Schnitzler nach Grillparzer und Nestroy der meistgespielte österreichische Autor.

Als Mediziner hatte sich Schnitzler viel mit Geisteskrankheiten und der Hypnose beschäftigt. Als Autor griff er das wieder auf. Die Hypnose spielt in der ersten Anatol-Szene eine zentrale Rolle. Und in der Novelle Leutnant Gustl gebrauchte Schnitzler zum ersten Mal in der Literaturgeschichte die Technik des inneren Monologs – die dem psychoanalytischen Gespräch sehr verwandt ist.

Schnitzler wurde vor allem als „Dichter des süßen Mädels“ bekannt. Seine Theaterstücke sind sich insofern sehr ähnlich, als der Schauplatz immer Wien (bzw. der Winter- oder Sommerkurort der städtischen Gesellschaft) ist und das Geschehen jeweils in der Fin-de-siècle-Zeit spielt. Und stets suchen Schnitzlers Protagonisten das Abenteuer, die nächste Liebesaffäre. Ihr Credo: Den Moment genießen und die Abwechslung. Nur keinen Stillstand, keine Langeweile aufkommen lassen! Erlaubt ist, was die Sinne erfreut. Der Ehebund fürs Leben ist dazu da, gebrochen zu werden. Die Personen lassen sich von ihren Wünschen und Trieben leiten.

„Ich stelle die Liebe und den Tod dar und kann nicht einsehen, dass diese Erscheinungen weniger allgemeingültig oder zeitgemäß sind als eine Matrosenrevolte“, so Schnitzler zu dem Vorwurf, er verschließe sich gegenüber politischen Ereignissen und halte beharrlich am Thema „Wiener decadence“ fest.

Die leichtsinnigen Lebemänner und treulosen Ehefrauen, sie empören die sogenannte gesunde Volksseele, sie führen zu Theaterskandalen. In Schnitzlers Stück Reigen sehen aufgebrachte Bürger eine „Schandtat“, ein „Schmutzstück aus der Feder eines jüdischen Dichters“ – und strengen nach der Erstaufführung in Berlin einen Prozess gegen die Schauspieler an.

In Wien folgte die Premiere 1921, sie führte zum größten Theaterskandal der Ersten Republik, mit der Folge, dass weitere Aufführungen für Jahrzehnte verboten wurden. Die geballte Empörung der gesunden Volksseele hatte gesiegt.

Schnitzler hatte in der Wiener Gesellschaft aber nicht nur Gegner, er hatte auch Bewunderer. Einer der bekanntesten war Sigmund Freud, der bei Schnitzler die feine psychologische Zeichnung der Figuren bewunderte. Zu dessen 60. Geburtstag schrieb der Vater der Psychoanalyse: „Seit vielen Jahren bin ich mir der weitreichenden Übereinstimmung bewusst, die zwischen Ihren und meinen Auffassungen mancher psychologischer und erotischer Probleme besteht. Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Kenntnis nehmen konnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben habe, und endlich kam ich dazu, den Dichter zu beneiden, den ich sonst bewundere.“

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 29 /2010

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