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Fotos (3): Gebhard Fartacek
Djinn halten sich besonders gerne in Zonen des Übergangs wie beispielsweise unter Brücken auf.

Antike Stätten werden von den Djinn in Syrien beschützt – Grabraub ist ein Tabu!

Das nächtliche Aufsuchen antiker Stätten gilt unter jungen Männern als echte Mutprobe.

Unheil durch Dämonen? Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ğinn. Eine sozialanthropologische Spurensuche in Syrien Gebhard Fartacek 216 Seiten mit 32 farbigen Abbildungen, € 39.- Böhlau 2010 ISBN 9783205784852 24 Fallbeispiele – Geschichten – verdeutlichen das Wirken der Djinn und wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann. Eine kompakte schlüssige Analyse und die theoretische Einordnung eröffnen eine faszinierende Welt, in der sich manche Parallelen, aber auch viele Anknüpfungspunkte für neue Möglichkeiten finden lassen. Spannend und höchst vergnüglich zu lesende seriöse Forschung.n

 
Leben 30. Juni 2010

Djinn als Instrumente der Sicherheit

Erzählungen und Legenden verbinden Tradition und moderne Lebenswelt. Wie Unwesen und Schabernack der Dämonen Wertorientierung in einer komplexen Welt geben.

Sie bilden so etwas wie eine Parallelwelt. Einerseits eine Spiegelung, aber auch eine Ergänzung zu den im Allgemeinen sichtbaren Phänomenen. Manchmal treten sie freilich selbst in Erscheinung, und ganz bestimmt sind ihre Spuren in der sogenannten Wirklichkeit bemerkbar. Die Rede ist von Djinn, das sind Dämonen, die in vielen Kulturen ihr Unwesen, bisweilen auch ihren Schabernack treiben – und bis heute eine Form von Bewältigungsstrategien unangenehmer und nicht immer logisch nachvollziehbarer Ereignisse darstellen. Für die Region des ländlichen Syrien hat der österreichische Sozialanthropologe Dr. Gebhard Fartacek in jahrelangen umfassenden Feldstudien diese Gegenwelt untersucht, hat mit den Menschen lange Gespräche über ihre Begegnungen mit den eigenwilligen, übernatürlichen Geschöpfen geführt und diese analysiert. Kürzlich erschien der aktuelle Stand der Forschungen des an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätigen Wissenschaftlers in Buchform.

 

Im Koran ist von den Djinn die Rede, sie bilden aber unabhängig von der Religion einen Lebensbestandteil in vielen arabischen Gesellschaften und sind auch ein faszinierender Gegenstand der Forschung. Es handelt sich um eine Erzähl- und Legendenwelt des großen und vielfältigen Kulturkreises, die eine Erklärungsmöglichkeit für schlechte Erfahrungen, Unglücksfälle, Krankheiten und Ähnliches bietet. Ein personalisiertes Muster, um Komplexität zu reduzieren. Dabei können die übernatürlichen Wesen sehr unterschiedliche Formen annehmen – als menschliche Gestalt mit ganz bestimmten „verkehrten“ Merkmalen, als Tier oder auch als Pflanze – und sie können indirekt Einfluss ausüben, über den bösen Blick und die schwarze Magie beispielsweise. Interessanterweise treten Djinn, von denen es ganz unterschiedliche Arten gibt, häufig an örtlichen, zeitlichen und situativen Übergängen auf: unter Türschwellen oder Brücken, in Abflüssen und auf der Toilette, besonders gerne in der Dämmerung, aber etwa auch bei der Geburt eines Kindes oder bei der Hochzeit. Sie sorgen auch dafür, das die antiken Stätten unbehelligt bleiben – Grabraub als Tabu! In den meisten Fällen geht es letztlich um Wertfragen. „Begegnungen mit Djinn, wie sie in der heutigen Arabischen Republik Syrien stattfinden und diskutiert werden, sind auf substanzielle Weise mit den aktuellen Problemen und Bedürfnissen der Menschen verbunden“, stellt Dr. Gebhard Fartacek fest. Sie könnten als Ergebnis von Ungewissheiten interpretiert werden, die mit ethisch-moralischen Entscheidungen sowie mit der Konstruktion von Gender und Identität einhergingen.

Verschiedene Strategien gegen schlechte Einflüsse

Um also den schlechten Einfluss der Dämonen zu beseitigen oder diesem überhaupt schon vorzubeugen, stehen verschiedene Strategien zur Verfügung. Religiöse Experten können mit bestimmten Ritualen die „Besessenen“ heilen – beispielsweise mit Koranzitaten, die möglicherweise eine hypnotische oder suggestive Kraft entfalten. Ausräuchern eines von Djinn bewohnten Raums, das Nichtaussprechen bestimmter Begriffe oder das Sprechen ritualisierter Redewendungen oder auch das Tragen von Amuletten kann das Problem ebenso kontrollieren wie die Zubereitung eines guten Essens (siehe Fallbeispiel), um den Djinn zu besänftigen. Die Möglichkeit, handeln zu können, bedeutet für den Menschen im Allgemeinen größere Sicherheit.

Auseinandersetzung mit konfliktträchtigen Themen

Die gedankliche und durchaus reale Beschäftigung mit den Djinn führt die Menschen an die konfliktträchtigen Themen Ethik und Moral, Sexualität, sozialer Wandel und Identität, stellt der Sozialanthropologe in seiner Schlussfolgerung fest. Auf diesem Weg ergeben sich wirksame Strategien für ein richtiges und gutes Leben, die im Zusammenhang der lokalen Gegebenheiten ihre Gültigkeit haben und natürlich auch identitätsstiftend sind. Konfrontiert mit überregionalen Einflüssen, sieht Fartacek in diesen lokalkulturellen Konzeptionen aber ein dynamisches und zukunftsorientiertes Instrument der Wertklärung, das bei den heiklen und wichtigen Themen zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zum westlichen Denken lassen diese Instrumente eine Vielzahl an – manchmal durchaus widersprüchlich scheinenden – Möglichkeiten zu und suchen letztlich Konsens und Ausgleich.

Den Djinn ein Essen zubereiten
Fallbeispiel einer Familie, die in ein seit längerer Zeit leerstehendes Haus in Damaskus einzog. Ein Familienmitglied erzählt:

„Anfangs freuten wir uns sehr darüber. Dies währte jedoch nicht lange, denn bald passierten die seltsamsten Dinge. Jedes Mal, sobald es zu dämmern begann, hörten wir aus einer Kammer, die voll alten Gerümpels der Vorbesitzer war, ganz seltsame Geräusche. Unentwegt gab es Stromausfälle und die Kerzen, die wir anschließend entzündeten, erloschen ohne Windhauch ganz von selbst. Zuerst dachten wir uns nicht viel dabei, aber je länger diese Vorgänge andauerten, desto größer wurde unser Verdacht, dass wir in ein „bayt maskuun“ (ein von Djinn bewohntes Haus) eingezogen waren. Bevor noch schlimmere Dinge passieren konnten, beschlossen wir, einen Scheich zu Rate zu ziehen. Dieser Scheich war bekannt dafür, dass er jahrelange Erfahrung im Umgang mit Djinn besitzt. Er kam und fand bald heraus, wo sich der Djinn aufhielt. Es war tatsächlich die von uns nicht bewohnte Kammer mit dem Gerümpel. Er gab uns die Anweisung, dem Djinn ein köstliches Festmahl zuzubereiten und für die kommende Nacht Verwandte, Nachbarn und Freunde einzuladen. Am Abend war es dann soweit. Der Tisch in der Kammer war üppig gedeckt. Nachdem der Scheich den Raum begutachtet hatte, befahl er uns, diesen abzuschließen. Im Nebenraum versammelten sich die Gäste und die ganze Nach hindurch wurde getrommelt und getanzt. Es graute schon der Morgen, als uns der Scheich befahl, die Kammer des Djinn aufzuschließen. Und siehe da: Der Djinn hatte alles aufgegessen! Lediglich die Hühnerknochen hatte er übrig gelassen. Das war ein Zeichen dafür, dass der Djinn sich auf diesen Handel eingelassen hatte. Er verließ das Haus und bereitet uns seither keine Probleme mehr. Al-hamdu li-llah.“

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