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Fotos (2): Wenzel Müller

Wie wollen wir sterben? Michael de Ridder 320 Seiten, € 20,60 Deutsche Verlags-Anstalt, 2010 ISBN 9783421044198

 
Leben 30. Juni 2010

Plädoyer für eine empathische Begleitung am Lebensende

Der Berliner Chefarzt Michael de Ridder macht sich stark für eine neue Sterbekultur.

Der Arzt hat einen Fürsorgeauftrag. Manchmal hat er aber auch aus medizinischen und ethischen Gründen einen Behandlungsabbruch vorzunehmen. Die Fortschritte in der Medizin verführen ihn leicht dazu, das gesamte Arsenal der Eingriffmöglichkeiten auszunutzen, doch die einzige Richtschnur für sein Handeln darf allein das Patientenwohl sein, das betont Michael de Ridder in seinem Buch Wie wollen wir sterben?

 

1957 kam der elektrische Defibrillator auf, 1958 der Herzschrittmacher und 1980 die PEG-Sonde: Diese Daten stehen für steten Fortschritt in der Medizin, dem wir nicht zuletzt zu verdanken haben, dass ein Herzstillstand heute nicht mehr den sicheren Tod bedeutet.

Die Intensivmedizin hilft Leben retten. Doch sie hat auch ihre Kehrseite, wie Michael de Ridder in seinem Buch Wie wollen wir sterben? schreibt. Ihre Kehrseite sei, so der seit über 30 Jahren klinisch tätige Arzt und heutige Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses, dass sie auch dort zum Einsatz käme, wo sie keinen Segen mehr stifte, sondern im Gegenteil nur den Sterbeprozess in die Länge ziehe.

Der Arzt lernt in seiner Ausbildung, Krankheiten zu behandeln, kaum jedoch, wie er Patienten am Ende ihres Lebens begleiten kann. Das scheint seinem Berufsverständnis zu widersprechen. Der Arzt ist dazu da, einen Kranken wieder gesund zu machen, gelingt ihm das nicht und stirbt der Patient gar, so hat er in seinen eigenen Augen kläglich versagt. Eine fatale Sichtweise, die erst aufgekommen ist, seit die Medizin über effiziente Interventionsmöglichkeiten verfügt und ihre Aufgabe nur mehr im Heilen sieht.

So war das nicht immer. Der Arzt in früheren Zeiten betrachtete es überhaupt nicht als seine vordringliche Aufgabe, zu heilen – dazu fehlten ihm allein schon die Mittel –, sondern Trost zu schenken und das Leid des Patienten zu mildern, kurz: ihm einen „guten Tod“ zu ermöglichen. Dieser traditionsbehaftete und nach wie vor gültige palliative Auftrag gerät heute immer mehr ins Hintertreffen. Es wird übersehen, dass der Arzt nicht nur einen Heilauftrag, sondern auch einen Behandlungsauftrag hat, der darin bestehen kann, dem todkranken Menschen seine Schmerzen und seine Todesangst zu nehmen.

Viele Ärzte verfallen hingegen im Angesicht eines sterbenskranken Patienten in reinen Aktionismus: Noch ein Röntgen, noch eine Überweisung, noch eine PEG-Sonde. Ut aliquid fiat – damit überhaupt etwas geschieht. Denn das Nichtstun ist schwer auszuhalten, und mit einer Überweisung beruhigt man sein Gewissen. Dabei könnte der Arzt Hoffnung geben, betont de Ridder, nicht unbedingt auf Heilung, aber auf Leidens-, Schmerz- und Symptomfreiheit.

Das Arsenal der unendlichen Möglichkeiten verführt Mediziner leicht dazu, sich allein nach ihnen zu richten – und nicht mehr nach dem, was die alleinige Richtschnur sein sollte: das Patientenwohl. Dieses Patientenwohl rangiert, was manche Mediziner nicht wissen (wollen), vor der Fürsorgepflicht. In diesem Punkt ist die Gesetzeslage klar und eindeutig – eine „eigenmächtige Heilbehandlung“ ist strafbar.

In der Medizinausbildung geht es um Organe, selten um den ganzen Menschen. Doch ihn, den ganzen Menschen, muss der Arzt in seiner täglichen Arbeit im Auge haben. Oft steht er vor schwierigen Entscheidungen: Verhilft der operative Eingriff dem Patienten tatsächlich zu mehr Lebensqualität? Verlängert er entscheidend sein Leben – oder nur den Sterbeprozess? Und vor allem: Was sagt der Patient dazu?

Ein Patient kann im Zustand der Einsichtsfähigkeit eine Behandlung ablehnen. Das Selbstbestimmungsrecht ist bei uns grundgesetzlich verankert. Freilich kann es auch niemanden zwingen, Angaben darüber zu machen, wie er sich sein Sterben vorstellt. Vielleicht möchte der Patient die Entscheidung allein dem Arzt überlassen, vielleicht vertraut er auch einem Schicksal, das schon alles in seinem Sinne fügen wird – beides ist zu akzeptieren.

Ist es auch zu akzeptieren, wenn ein Patient die Nahrungsaufnahme verweigert und sich gegen eine PEG-Sonde ausspricht? Natürlich!, sagt de Ridder, vor allem dann, wenn die Entscheidung in reifer, endgültiger und nachhaltiger Weise getroffen wurde. Der Berliner Internist betont, dass entgegen weit verbreiteter Ansicht – nicht zuletzt auch unter Medizinern – eine Nahrungsverweigerung nicht zwangsläufig zu einem qualvollen Tod führe: „Vieles spricht dafür, dass die Natur auf diese Weise lindernd in den Sterbeprozess eingreift. Beispielsweise gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte beim Abbau des Körperfetts anfallende Stoffe, die mit verminderter Kalorienaufnahme einhergehen, einen willkommenen schmerzmildernden Effekt haben. Flüssigkeitsverarmung dämpft zudem die Bewusstseinslage. Sie trägt vermutlich auch dazu bei, Angstzustände in der Sterbephase zu mildern.“ An die Stelle technischer Hilfe sollte in dieser finalen Lebensphase personale Zuwendung treten, sagt der Berliner Chefarzt. Um dem Patienten den Übertritt aus dem Leben so leicht wie möglich zu machen.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 26 /2010

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