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Leben 14. Juni 2010

Teil 8: Stumme Pfeifen

Wenn es wirklich gefährlich wird, bleiben die Pfiffe der Schiedsrichter oft aus.

Das Foulspiel des de Jong Nigel im WM-Finale gegen Alonso Xabi erinnerte mich an eine anderes Vergehen: Sevilla, 8. Juli 1982, 58. Spielminute des WM-Halbfinalspiels zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland: Während Schumacher »Toni« lässig den Ball jongliert, liegt Battiston Patrick bewusstlos am Boden. Eine Minute zuvor hatte der deutsche Tormann den französischen Spieler lebensgefährlich verletzt.

TRILLERPFEIFE

Foto: Rike/ pixelio.de

Eine Gehirnerschütterung, Wirbelsäulenverletzungen und der Verlust von mehreren Zähnen waren die Folgen. Dabei kam der Franzose noch glimpflich davon. Denn aus diesem Foul hätten Schädel-, Kiefer- oder Rippenbrüche, wohl auch innere Verletzungen (Milzriss) oder eine Querschnittslähmung resultieren können. Battiston sagte später: »Bis zu diesem Moment wusste ich nicht, dass man auf dem Fußballplatz sterben kann«.

Als Battiston schon im Krankenwagen lag, ließ Schiedsrichter Corver Charles das Spiel mit Torabstoß fortsetzen. Die fällige Rote Karte blieb aus. Schumacher »Toni« hatte infolgedessen die Gelegenheit, beim anschließenden Elfmeterschießen zum Matchwinner für die DFB-Elf und zum Helden für Deutschland zu werden. Die Attacke des deutschen Tormanns zählt zu den bekanntesten Schiedsrichterfehlentscheidungen. Die gelbe Karte für de Jong reiht sich in diese Kategorie mit ein. Webb Howard findet sich jedoch in guter Gesellschaft. So zeigen mehrere Studien, dass Schiedsrichter nach einem schweren Foulspiel Schwierigkeiten haben adäquat zu entscheiden. Weniger als ein Drittel aller Vergehen mit Verletzungsfolge wird geahndet und nur jedes Zehnte dieser Fouls wird mit einer Gelben oder Roten Karte bestraft. Dies geht aus einer umfassenden Untersuchung der obersten norwegischen Spielklasse, der so genannten »Tippeligaen«, hervor.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine von der FIFA in Auftrag gegebene und im Jahr 2000 erschienene Betrachtung der tschechischen Ligen. Diese im »American Journal of Sports Medicine« erschienene Arbeit beweist die fehlende Interventionsbereitschaft der Referees nach gefährlichem Foulspiel. Die FIFA weiß demnach sehr gut über die Mängel ihrer Schiris Bescheid. Nach wie vor kann man sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass dem Fußballweltverband mehr daran liegt, Gummibänder- und Haarspangerlvergehen zu kontrollieren sowie akribisch die Grenzen der Coachingzone zu patrouillieren, als den Blutgrätschen nachzusteigen. Iniesta Andrés bekam für seinen Torjubel mit Leiberl ausziehen die gleiche Strafe wie etwa van Bommel für sein brutales Einsteigen in der ersten Halbzeit. Auch wenn die Hälfte aller Verletzungen im Fußball ganz ohne Körperkontakt zustande kommt, muss die Spielleitung endlich ernsthaftes Interesse an der Gesundheit der Fußballer zeigen. Am kommenden Wochenende bietet sich die nächste Gelegenheit dazu. Dann startet nämlich wieder die heimische Bundesliga.

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 Pennwiesersblog

Teil 7: Rauchfreier Fußball

Es war unglaublich. Ich verbrachte das WM-Halbfinale Spanien gegen Deutschland in meinem Stammlokal im siebten Wiener Bezirk. Eine kleine Bar die nur Getränke ausschenkt, das Essen holt man sich vom Asiaten nebenan.

spanien

Foto: TiM Caspary / pixelio.de

Die Gaststätte verfügt über eine alte und schlechte Lüftung, die Wirtin investiert ihr Geld lieber in Videobeamer. Diese Beamer strahlen regelmäßig Champions League Spiele, Bundesligapartien und eben auch WM-Matches aus. Normalerweise sitzt man recht alleine im „Pulse“, am Mittwoch herrschte jedoch Ausnahmezustand. Das kommt im Jahr etwa zweimal vor: Einmal wenn Stammgast Eric Geburtstag feiert und das zweite Mal bei Welt- oder sonstigen Fußballmeisterschaften. Besonders an diesem Lokal war bisher, dass man nach dem Verlassen der Bar nach Rauch stank, als wäre man soeben einer Selchkammer entstiegen.

Am Mittwoch war das erstmals anders! Die etwa siebzig Gäste rauchten nicht im Lokal und es war dennoch gemütlich. Freilich, das „Pulse“ ist kein Cafehaus. Es lebt nicht von der Cafehausatmosphäre, die nur entsteht wenn geraucht wird. Es ist auch kein Bierzelt und lebt daher nicht von der Bierzeltatmosphäre, die nur entsteht wenn geraucht wird. Es ist auch kein Heuriger und lebt daher nicht von der Heurigenatmosphäre, die nur entsteht wenn geraucht wird. Das „Pulse“ ist eine Bar und lebt von dem Geld, dass durch den Verkauf von Getränken eingenommen wird. Einige Jahre länger Leben wird statistisch gesehen die sympathische Chefin, wenn sie in rauchfreier Umgebung arbeiten kann. Das „Pulse“ ist eine Bar und bisher hat sich niemand vorstellen können, dass dort nicht geraucht wird.

Zigarette

Foto: A.Dreher / pixelio.de

Gestern war es soweit. Stammgast Eric – ein starker Raucher – meinte, er sei beinahe froh, dass er nun zum Rauchen raus gehen muss. Sein Zigarettenkonsum verkleinere sich dadurch dramatisch. Hummel Thomas kommentiert in der Süddeutschen Zeitung das Ausscheiden der Deutschen folgendermaßen: „Doch dieses aufregende, blühende Deutschland wird in Erinnerung bleiben.“ Mir wird vom Halbfinale das rauchfreie Fußballschauen in Erinnerung bleiben. Wie lange sich die Gesundheitspolitik dafür Zeit ließ, ist das eigentlich Aufregende daran.  

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Teil 6: Weißbier statt Veltliner im Innviertel

Das Viertelfinal-Wochenende verbrachte ich im oberösterreichischen Innviertel, genauer gesagt in der Grenzstadt Braunau. Wobei ich mir mitunter nicht sicher war, ob ich mich noch in Österreich oder schon in Deutschland befinde. Mit schwarz-rot-goldenen Fahnen beflaggt fuhren die Autos – egal ob mit deutschem oder österreichischem Kennzeichen – durch die Gegend. Im Wirtshaus war nicht annähernd jene Verzweiflung und jener Jammer zu spüren der vergleichsweise in Wien herrscht wenn eine deutsche Mannschaft gewinnt. An der Grenze zwischen Nationalbewusstsein und Erfolgshunger erwischte ich so manchen Innviertler sogar beim Torjubel für Deutschland.

Fans

Foto: Klaus Steves / pixelio.de

Das erklärt sich so: Wenn man im Innviertel aufwächst, mag man die Bayern. Sie sind einem - nicht nur kilometermäßig - näher als die Wiener. Den ersten Rausch hat man als Heranwachsender vom Starkbier und nicht vom Grünen Veltliner. Und bevor man die erste Sachertorte kostet, hat man schon unzählige Weißwürste mit den dazugehörigen Laugenbrezen verzehrt. Ähnlich verhält es sich beim Fußball. Besucht man einen ländlichen Fußballplatz in den Bezirken Schärding, Ried oder Braunau, so fällt einem sofort auf, dass die Kinder mit Trikots von Robben, Ribéry oder von 1860 München herumlaufen. Fanartikel von Rapid Wien oder der Wiener Austria werden von den dortigen Nachwuchskickern kaum übergestreift und wenn, dann besteht für den- oder diejenige Erklärungsbedarf.

Die Freundschaft zwischen dem Bayern und dem Innviertler kommt nicht von ungefähr, so waren sie bis vor 231 Jahren noch unter einer Herrschaft - Brüder quasi. Erst im sogenannten "Kartoffelkrieg", in dem sich die Preußen unter König Friedrich II. und die Habsburger um die Region im Herzen Europas stritten, fiel das Innviertel im anschließenden Frieden von Teschen an Österreich. Seither ziehen die Flüsse Salzach, Inn und Donau eine Grenze, die eigentlich keine ist. Die Lebensweise der Menschen diesseits und jenseits des Inns und ihre Kultur sind weitgehend identisch. Schon lange bestreiten unterklassige bayerische und österreichische Vereine in der Vorbereitungszeit Freundschaftsspiele gegeneinander, um danach beim Weißbier miteinander zu parlieren.

Bier

Günter Havlena / pixelio.de

Ich hab ein Bier getrunken am Samstag, mich nicht verbrüdert sondern geärgert. Nicht kapiert wie einem der Löw näher sein kann als der Maradona. In Wien verstehen mich die Leute nun wieder, versorgen meine Wunden. Die Aussicht auf das Halbfinale gibt mir Mut und Hoffnung. Mit Hilfe der Spanier könnte ich den Innviertlern bestimmt verzeihen. 

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Teil 5: Vuvuzela oder Allel HLA-DQB1*0602 

Es ist schwierig für mich diesen Blog weiter zu betreuen. Nicht weil ich so erbost bin über das nicht gegebene Tor der Engländer – noch dazu zu einem Zeitpunkt, der den Deutschen sehr weh und den Briten damit sehr gut getan hätte. Schon gar nicht bin ich gekränkt über das Abseitstor des Tevez Carlos. Im Gegenteil, die Argentinier noch vielmehr der Maradona Diego sollen Weltmeister werden, ich gönne es ihnen von ganzem Herzen. Nein, es hat ganz andere Gründe.

Ich schaffe es nicht mehr mir ein WM-Spiel über die vollen 90 Minuten anzusehen. Kurz nach Anpfiff verfalle ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Tiefschlaf um dann bei der "Pausenanalyse", beim "ZIB-flash" oder den Mitternachtsnachrichten wieder aufzuwachen. Das ist neu.

Fernseher
Foto: sigrid rossmann / pixelio.de

Ich habe lange überlegt woran es liegen könnte. Für die Frühjahrsmüdigkeit ist es fast schon zu spät, dennoch habe ich mehr Sport betrieben und mehr Obst zu mir genommen; das Bier für Fruchtsaft eingetauscht und den Schweinsbraten sein lassen. Ich schlafe sieben Stunden pro Nacht – ohne Unterbrechung. Ich schnarche nicht. Meine Schilddrüsenwerte waren bei der letzten Kontrolle in Ordnung. Mein Body Mass Index ist erträglich. Ich war vorerst ratlos.

Meine sechs Monate alte Tochter gab mir schließlich die Antwort. Diese schläft jedes Mal nach dem ersten Autokilometer ein. Vor der Autofahrt ist sie noch lebendig und quitschvergnügt, kaum sitzt sie im Auto – Tiefschlaf. Das schaukeln und das monotone Summen des Motors lässt sie sanft einschlummern. Das einförmige Surren der Vuvuzelas macht das gleiche mit mir: Narkolepsie.

Bett
Foto: Rolf van Melis / pixelio.de

Nachgelesen sollen 88-98 Prozent der Narkolepsie Erkrankten das Allel HLA-DQB1*0602 tragen. Bin ich vuvuzelaanfällig? Liegt bei mir eine erhöht Vulnerabilität für Narkolepsie vor und muss ich deshalb den Kontakt mit Vuvuzelas meiden?

Unter den nicht-medikamentösen Therapieempfehlungen gegen diese Erkrankung findet sich folgendes: Coppingstrategien anwenden – vermeiden sie Triggersituationen. Was heißen würde, dass ich mir gar kein WM-Match mehr ansehen dürfte. Das wiederum würde es noch schwieriger machen diesen blog bis zum Ende der Weltmeisterschaft weiter zu schreiben.

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Teil 4: Platzwunde

Wenn am Spielfeld Blut fließt merkt das der Fernsehzuschauer. Der betroffene Spieler fuchtelt hysterisch mit den Armen Hilfe herbei. Den umstehenden Spielern wird schwummrig, sie wenden sich ab, senken ihren Blick zu Boden und kämpfen dagegen an ohnmächtig zu werden. Der Schiedsrichter winkt die Betreuer schneller und energischer als sonst aufs Spielfeld und die Ersatzspieler verlassen die Bank und wärmen sich auf.

Im Falle der blutigen Knieverletzung des Slowaken Strba Zdenko hat es sich in etwa so abgespielt. Nach einem Tackling des italienischen Haudegens Gattuso Gennaro ging der slowenische Mittelfeldspieler mit blutigem Knie zu Boden. Der Stollen des italienischen Schussstiefels streifte das Bein des Slowaken. Nun kann man diskutieren ob Strba dabei eine Rißquetschwunde oder eine Schnittwunde zugefügt wurde.

Die Diskussion ist freilich akademisch denn die Konsequenz dieser Verletzung heißt in jedem Fall: Wundversorgung. Dafür stehen dem Fußballdoktor je nach Wundgröße, dem Klaffen der Wundränder, der Lokalisation des Kratzers verschiedene Methoden zur Verfügung. Im Arztkoffer befinden sich Steristrips genauso wie das konventionelle Pflasterl oder die praktische Klammerlmaschine, mit der die Wunde rasch adaptiert werden kann. Genäht wird am Spielfeldrand heutzutage nur mehr selten. Dieses Hochamt verlagert man gerne in saubere Räumlichkeiten und in eine ruhige Umgebung.

Wie die Knieverletzung Strbas versorgt wurde konnte man nicht verfolgen. Tapfer allemal lief der Slowake mit einer Kniebandage wieder aufs Spielfeld und wurde erst kurz vor Spielschluss durch Kopunek ersetzt. Sein Ersatzmann schoss prompt das dritte Tor und die Slowakei ins Achtelfinale. Strbas Platzwunde wird darum wohl noch schneller wieder gut werden und sein Einsatz im nächsten Spiel scheint gesichert.

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Teil 3: Das Ende naht

Die Fußballweltmeiserschaft hat gerade erst begonnen und schon müssen erste Spitzenteams um den weiteren Verbleib in Südafrika bangen. Den Engländer, den Franzosen und seit Freitag auch den Deutschen, droht ein frühes WM-Aus. Das macht Angst. Roche Henri-Pierre schreibt in seinem Roman "Jules et Jim": jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod, und der Tod ist nicht lustig und dem Tod geht immer das Sterben voraus. Kübler-Roß hat sich mit dem Sterben beschäftigt und Phasen beschrieben die ein Mensch dabei durchläuft.

Auf die Verneinung der schlechten Nachricht folgt Zorn, Verhandlung, Depression und wechselt  idealerweise in Zustimmung. Wobei die Phasen über Jahre hinweg oder in wenigen Minuten ablaufen können, sich wiederholen und von einem Zustand in den vorherigen zurückspringen können und meist nicht wie auf einer Linie sondern mehr in Spiralen verlaufen.

Deutschland KopieFoto: Rike / pixelio.de 

Die Deutschen haben diese Phasen beim Spiel gegen die Serben alle durchlebt. So verhandelten sie mit dem Schiedsrichter über ihr Schicksal, konnten die Rote Karte Kloses so lange nicht annehmen bis sie das 1:0 kassierten und bäumten sich mit viel Wut und Zorn gegen das drohende Schicksal, ehe der vergebene Elfmeter sie in eine tiefe Depression stürzte.

Die depressive Phase hielt bis nach dem Schlusspfiff an und zeigte sich eindrucksvoll im Interview des Schweinsteiger Sebastians: das habe alles keinen Sinn mehr, meinte der Deutsche. Sinnlosigkeit, fehlende Zukunftsperspektive, Kraft- und Energielosigkeit sind Kennzeichen der Depression. Alle Sterbephasen sind von Angst aber auch von Hoffnung begleitet. Manche Menschen suchen Zuspruch im Glauben an Gott. Die Deutschen werden wohl zum Glauben an sich selbst finden müssen um sich gemeinsam mit der Hoffnung – die bekanntlich zum Schluss stirbt – gegen das Schicksal zu stemmen.

PfeifeFoto: Rike / pixelio.de  

Kommt dann noch das fast schon sprichwörtliche Glück der Deutschen hinzu wird sich am Ende wohl wieder das Finale ausgehen. Letztlich werden die Deutschen dann wieder voll von jenem Selbstbewusstsein sein, zudem man in Österreich Arroganz sagt.

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Teil 2: Von dünnen Wuchtln und guten Vorsätzen

Nach dem sich der Enke Robert letztes Jahr auf den Bahngleisen das Leben nahm, gelobten alle Besserung: die Trainer, die Mitspieler, die Journalisten, die Zuschauer, der Fan. Von einer anderen Sprache, die man finden wolle, einem anderen Umgang, den man pflegen wolle und von einer Kultur des Respekts, die man suchen wolle, war – in deutschen wie in allen anderen Medien – die Rede. Die Torleute stünden besonders unter Druck, weil nämlich, so die Erklärung, bereits ein kleiner Fehler mitunter zum Schlimmsten – zum Gegentor – führe.

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Foto: Sonja Winzer http://www.bildbouquet.de/ / pixelio.de

Diesem Druck, der  im modernen, hoch bezahlten Profigeschäft besonders groß und ein Gegentor daher besonders schlimm sei, wolle man von nun an mit Achtung begegnen, hieß es noch im November 2009.   Sieben Monate später bieten sich bei der Fußball WM genügend Gelegenheiten dafür die guten Vorsätze umzusetzen.

Nach den Patzern der Torleute von Paraguay, Algerien und England könnte man beispielsweise anders wie der ORF Kommentator: „Villar übt sich im Fliegenfischen“, nach einer anderen, womöglich aber nicht ganz so lustigen Formulierung suchen. Man könnte eine Anschuldigungs- und Verurteilungssprache durch eine Lösungs- und Entlastungssprache ersetzen ohne dabei gleich euphemistisch oder gar undifferenziert zu sein. Es gäbe so viele andere Möglichkeiten als nur danach zu fragen, ob der Flatterball geflattert sei oder ob englische Goalies generell kein Selbstvertrauen haben.

Lautsprecher
Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Freilich hat sich niemand erwartet, dass Enkes Suizid etwas ändern würde und freilich hat der Tod des deutschen Nationaltorwarts keinen linearen Zusammenhang mit nicht gehaltenen Bällen, wohl auch nicht mit unqualifizierter Medienschelte. Umso grotesker war es, als der Boulevard sich Besserung schwor, so innig, dass er es fast selber glaubte, um bei der nächstbesten Gelegenheit umzufallen. Immer wieder dieselben ausgelutschten Formulierungen, die aufgesetzten Empörungen verwendend. Das ist das Unhaltbare.

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Teil 1: Der Zweck und die heiligen (Schmerz-)mittel 

Das ist ein Kreuz. Da freust du dich dein Kickerleben lang auf die Weltmeisterschaft und dann das: Ellbogenbruch, Knöchelverletzung, Kahnbeinbruch, Muskelfaserriss oder Knieblessur. Der Drogba, der Ballack, der Westermann, der Robben und der Ferdinand können ein Lied davon singen. Während sich der Robben Arien noch Hoffnung auf einen Einsatz machen darf, fallen der Westermann Heiko und der Ballack Michael sicher aus. 

Fasche
Foto: PhotoDisc  

"Biologische Heilungs- und Regenerationszeiten werden ignoriert. Der Sportler ohnedies."

Noch schnell vor dem Abflug des "Schweizer Nati" verstauchte sich der Frei Alexander den Knöchel. Er ist fraglich – der Knöchel und der Frei. Einem dahergelaufenen Kicker würde man in einer dahergelaufenen Unfallambulanz eine Aircast-Schiene anlegen und einige Wochen Sportpause empfehlen. Einem Kicker, mehr noch einer ganzen Nation kann man das freilich nicht antun. Und so arbeiten Physikalisten und Sportärzte fieberhaft, um "den Knöchel" so einigermaßen hinzubekommen – biologische Heilungs- und Regenerationszeiten werden dabei ignoriert. Der Sportler ohnedies. Es wird wie gesagt am Knöchel, am Muskel des Sportlers gearbeitet, der Kicker selbst stellt diesen nur zur Verfügung, hat man den Eindruck.

Die kaputte Zehe vom Herzog Andi beispielsweise war nationales Gesprächsthema. Spekulationen über die "Zehe der Nation" füllten die heimischen Zeitungen im Vorfeld zur WM 1998 in Frankreich. Herzog spielte dann auch nur in der ersten Partie gegen Kamerun von Beginn an, und das schlecht. Er selbst sagte im Nachhinein: "Bei der WM konnte ich dann nur mit Schmerzmitteln spielen. Ich war einfach nicht in absoluter Top-Form, habe leider nicht einmal 50 Prozent der Leistung gebracht, die möglich gewesen wäre."

Medikament 
Foto: PhotoDisc

"Kicker werfen Unmengen an NSRI´s ein."

Fest steht: Herzog tat sich damit nichts Gutes. Wenn man um den Schmerzmittelabusus im Fußball weiß, erst recht nicht. Denn Kicker werfen Unmengen an NSRI´s ein. Der Fußballer bewegt sich dabei ständig am Rande des Schmerzes und der Niereninsuffizienz. Wofür? Für das Größte, was es gibt: bei einer Fußballweltmeisterschaft spielen. Wer von uns würde dafür nicht auch zu allen Mitteln greifen? 

Tipp: WM-Lounge im WUK 

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 Zur Person
 

Dr. Wolfgang Pennwiesers schreibt für das österreichische Fußballmagazin Ballesterer.

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Der Arzt und Autor, Bio-Bauer und Marathon-Läufer kennt die medizinische Probleme des gemeinen Fußballers und ist während der Fußball-WM 2010 unser humoristischer WM-Experte und Blogger.

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