zur Navigation zum Inhalt
Außen ein Totenkopf, innen eine Wellness-Anlage mit Whirlpool und Sauna. Jeden ersten Samstag im Monat steht sie um 14 Uhr Besuchern offen. Allerdings nur zum Betrachten, nicht zum Benutzen.
 
Leben 9. Jänner 2009

Mahnmal Totenkopf

Kunst im öffentlichen Raum: „Wellness Skull“ am Wiener Karlsplatz.

Ein überdimensionaler Totenkopf, viereinhalb Meter hoch, sechs Meter breit, mitten in Wien: Mit dieser Skulptur möchte der niederländische Künstler Joep van Lieshout ein Zeichen gegen den „Fitnesswahn“ setzen.

 

Der Wiener, heißt es, hat ein recht unbelastetes, wenn nicht sogar inniges Verhältnis zum Tod. Das mag stimmen, und trotzdem dürfte mancher in diesen Tagen irritiert bis erschreckt sein über einen überdimensionalen Totenkopf, der am Karlsplatz aufgestellt ist.

Und was der Verwunderung zusätzlich Vorschub leistet: Dieser Totenkopf ist über eine Leiter zu besteigen. Manchmal entweicht aus ihm auch weißer Rauch. Der Grund: Im Inneren dieses Totenkopfs befindet sich eine Wellness-Anlage mit Whirlpool und Sauna. Wird sie eingeschaltet, steigt Dampf auf. Wieso außen am Totenkopf eine Dusche angebracht ist, das versteht man nun auch.

Diese Wellness-Anlage ist allerdings nicht zu benutzen, bloß zu betrachten. Es handelt sich hier um ein Kunstobjekt, um die Skulptur „Wellness Skull“ des niederländischen Bildhauers Joep van Lieshout. Sie wird im Rahmen von „Kunst im öffentlichen Raum“ gezeigt wird.

Das Credo unserer Zeit

Was möchte uns dieses Werk sagen? Diese Frage stellen wir uns bei jedem Kunstobjekt, sei es bewusst oder unbewusst. Denn Unsicherheit ist schwer zu ertragen, der Mensch sucht nach Erklärungen.

Bei dieser Skulptur wird die Antwort gleich mitgeliefert, auf einem in der Nähe affichierten Plakat: „Lieshout spielt in seinem ironischen Mahnmal für die Vergänglichkeit auf einen Fitnesswahn der heutigen Gesellschaft an, der als Ersatz für spirituelle Erfahrung jenseits aller körperlichen und materiellen Belange dienen muss … Der Künstler betrachtet den Totenkopf als Hülle des Geistigen.“

Ist es schon seltsam, dass eine Kunstinterpretation gleich mit präsentiert wird – große Kunst zeichnet sich ja gerade durch ihre Vieldeutigkeit aus und dadurch, dass sie sich nicht auf eine einzelne Interpretation reduzieren lässt –, fällt in diesem Fall die Antwort auch noch recht kryptisch aus. Aber wir ahnen, was gemeint ist: Der Künstler wendet sich dagegen, dass das „Immer mehr“-Prinzip, das schon unser Wirtschaftsleben kennzeichnet, nun sukzessive auch auf den Gesundheitsbereich übertragen wird. Es geht mir gut – selbst das reicht nicht mehr, denn verbessern lässt sich immer etwas. So das Credo unserer Zeit.

Das Paradoxe: Wir tun alles für unsere Fitness, werden damit aber nicht unbedingt gesünder. Denn der gesundheitsbewusste Bürger ist keineswegs automatisch auch der gesunde, folgt man jedenfalls den Ausführungen des Philosophen Hans Georg Gadamer, der Gesundheit als „selbstvergessenes Weggegebensein an die privaten, beruflichen und sozialen Lebensvollzüge“ definiert.

Boomende Branche

Alle fünf Tage wird im deutschsprachigen Raum ein Wellness-Zentrum eröffnet. Wellness, Anti-Aging und wie derlei Gesundheits-Bewegungen sonst noch neudeutsch heißen, boomen. Sie sind zu einer sanften Großindustrie geworden, mit (nicht immer so sanften) Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Bereiche.

Gefährlich wird es, wenn Gesundheit zum sozialen Zwang wird.

Manfred Lütz, Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln, schreibt in seinem Buch „Lebenslust. Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult“, dass die große Gefahr besteht, dass das Ringen um simples Wohlbefinden umschlägt in einen sozialen Zwang zur Gesundheit. Behinderung, Alter, Hinfälligkeit, Gebrechen – das alles hätte dann in einer fitten Gesellschaft mit mehr oder minder großen Akzeptanzproblemen zu kämpfen.

Wie ist der Wellness-Boom überhaupt zu erklären? Lütz wittert hinter all den Tugendgeboten der Gesundheitsreligion die Abwehr des einzig verbliebenen Tabus in der heutigen Gesellschaft: des Todes. Um ihn zu vermeiden, nehmen wir uns das Leben. „Wir nehmen uns Lebenszeit, die wir in zahllosen Gesundheitseinrichtungen wie Fitness- und Wellnessstudios vertun. Das ist nicht grundsätzlich ein Problem, aber das Übermaß ist es.“ Die Paradoxa sind laut dem Psychiater sprachlich schön erkennbar: „Wir klagen ständig, dass wir keine Zeit haben – haben wir sie dann, vertreiben wir sie oder wir schlagen sie tot!“

Nicht nur in der Hingabe an die Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Lebensmomentes sieht Lütz eine fruchtbare Gegenbewegung zum maßlosen Wellness-Zeitvertreib, sondern auch in den so genannten Altreligionen (Christentum, Judentum, Islam), die der studierte Theologe für buchstäblich gesünder hält als die neuheidnischen, neoplatonischen Fitness-Kulte. So könne man im Religiösen das Gesunde sehen, statt im Gesunden das Religiöse.

Fotos (2): Stephan Wyckoff

Außen ein Totenkopf, innen eine Wellness-Anlage mit Whirlpool und Sauna. Jeden ersten Samstag im Monat steht sie um 14 Uhr Besuchern offen. Allerdings nur zum Betrachten, nicht zum Benutzen.

Noch bis zum 15. März 2009 am Wiener Karlsplatz: die Skulptur „Wellness Skull“ von Joep van Lieshout.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben