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Leben 8. Juni 2010

Müde WM - Knochen

Brüchige Knochen werden in der Regel mit älteren Damen assoziiert, doch auch die Knochen von Männern in der Blüte ihres Lebens können scheinbar grundlos bröseln.

So eine Saisonvorbereitung ist hart. Der Kicker muss viel laufen, um die Ausdauer zu trainieren, und der Fan muss Diskussionen über Zehner-, Zwölfer- oder Sechzehnerligen ertragen. Nachvollziehbar, dass man dabei müde wird, insbesondere, wenn nach einer langen Saison auch noch eine Großveranstaltung wie die Fußballweltmeisterschaft bestritten werden muss. Ermüdungsbrüche sind daher kein Wunder.

 

Die österreichische Fußballhoffnung Arnautovic Marko fuhr nicht nach London zu Chelsea – zumindest nicht zur Arbeit. Weil es dem Engländer oder dem Russen scheinbar nicht zusagte, dass der junger Spieler, noch bevor er den ersten Ball kickte, verletzt war. Dabei war der Arnautovic ja gar nicht so wirklich verletzt – eher müde, oder besser gesagt: seine Knochen waren es. Denn der Arnautovic hatte sich durch braves Trainieren und stetes Ballspielen vor einigen Monaten einen seiner Mittelfußknochen überstrapaziert und gebrochen.

Knochenarbeit

So eine Ermüdungs- oder Stressfraktur ist bei Kickern auf Grund der Überbelastung, des Übertrainings und des übervollen Spielplans gar keine Seltenheit mehr. Es braucht dazu keinen Unfall und auch kein Foulspiel – eine leichte Anstrengung, diese dafür oft hintereinander ausgeübt, ist die Ursache. Das heißt, dem Knochen wird es unter einer normalen, sich ständig wiederholenden Belastung – wie dauerndem Kicken, Laufen oder Marschieren – zu viel. Er reagiert darauf mit einem gesteigerten Auf- und Umbau seines Gewebes, bis sich schließlich ein Riss mit folgender Fraktur bildet. Besonders häufig sind hierbei der Mittelfußknochen und das Schienbein betroffen. Bei langwierigem Husten in Folge eines chronischen Bronchialkatarrhs können im Extremfall auch die Rippen müde werden und brechen. Insgesamt ist die Hustenfraktur aber eine Komplikation, die bei Kickern eigentlich überhaupt nicht vorkommt.

Illustration: DI Niel Mazhar 
Grafik: DI Niel Mazhar

Erzwungene Pause

Da sich der Kicker gegen die Umstände einer solchen Fraktur nicht wehren kann, macht es der Körper und sagt quasi: „Jetzt machen wir mal eine Pause.“ Und diese nimmt er sich dann auch, erledigt nicht noch vorher schnell dieses oder jenes. Eigenverantwortlich und selbstfürsorglich beinahe, konsequent in jedem Fall, bricht der Mittelfuß oder das Schienbein – ganz zart. So zart, dass es der Spieler anfangs gar nicht merken muss. Ein bisserl geschwollen, ein bisserl gerötet ist das Fußerl über der fakturierten Stelle zuerst. Nichts Besonderes. Mit einem Salbenverband und einem kühlen Topfenwickel wirds schon wieder, so die stille Hoffnung. Wenn es dann doch nicht wieder gut wird, und das Fußweh einfach nicht heilen will, wird der Teamarzt stutzig werden und ein Röntgen machen. Aber auch da kann man vielmals nicht wirklich etwas erkennen. Denn die Ermüdungsfraktur springt auf dem Röntgenbild nicht so schnell ins Auge wie etwa ein Trümmerbruch oder ein eingetretener Nagel. Daher braucht es eine hochauflösende Diagnostik, um den feinen Riss zu entdecken: eine Magnetresonanztomographie und noch besser eine Knochenszintigraphie sind dabei die hilfreichen Instrumente.

Zeit für Mailand

Ermüdungsfrakturen im Fußbereich können meist konservativ behandelt werden. Frühzeitig erkannt, braucht es oft nicht einmal einen Gips. Wenn fachgerecht verarztet und physiotherapeutisch nachbehandelt wird, kann der Kicker ohne bleibenden Schaden weitersporteln. Es dauert jedoch manchmal an die sechs Monate, bis der Knochen wieder vollständig belastbar ist. Eine Zeit, in der sich der Arnautovic seinen neuen Arbeitsplatz und wohl auch Mailand gut hat anschauen können.

 

Von Dr. Wolfgang Pennwieser, Ärzte Woche 23 /2010

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