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Schönheit aus dem Schaufenster
Foto: Beautycheck 2001-2009
Gemorphte Gesichter einer Studie: Prototypen für ein attraktives Gesicht.
 
Leben 1. Juni 2010

Die Sehnsucht nach dem perfekten Äußeren

Ausstellung in Dresden: „Was ist schön?“

Als wenn uns ein Blitz treffen würde. So stark kann die Empfindung sein, wenn wir einer schönen Person begegnen. Wie ist das zu erklären? Was empfinden wir überhaupt als schön? Warum erfährt die Schönheitschirurgie gerade in der westlichen Welt einen wahren Boom? Das sind Fragen, denen das Deutsche Hygiene-Museum in einer aktuellen Ausstellung nachgeht.

 

Die Nase zu groß? Kein Problem, sie kann verkleinert werden. Wie sich genauso abstehende Ohren leicht korrigieren lassen. Oder Brüste, die einen lassen sie sich verkleinern, die anderen vergrößern. Die plastische Chirurgie hat für (fast) jedes Problem eine Lösung. Auf dass sich frau – tatsächlich wird dieser Medizinbereich hauptsächlich von Frauen in Anspruch genommen – im wahrsten Sinne des Wortes wieder wohl in ihrer Haut fühlt.

In Asien ist es (schlechte) Mode unter jungen Mädchen, seine Beine brechen und durch Metallgestelle auseinanderziehen zu lassen. Die Asiatinnen möchten gerne auch so lange Beine wie Europäerinnen haben. Dafür nehmen sie Schmerzen in Kauf und opfern mehrere Monate ihres Lebens. Schönheit muss eben leiden, das erfuhr schon die kleine Meerjungfrau im Märchen von Hans Christian Andersen.

Schönheit muss leiden

Die Praktiken in Asien erscheinen uns recht brachial. Doch haben wir ein Recht, uns zu entrüsten? Tun nicht auch wir unserem Körper täglich Leid an, damit er so wird, wie wir ihn uns wünschen? Wir steigen aufs Laufband, wir kasteien uns, wir befolgen rigide Diätprogramme. „Unter dem westlichen Terrorregime des Schönen ist der Körper – weitgehend befreit von mühevoller körperlicher Arbeit, von Krankheiten, Schmerzen, Krieg, Fortpflanzung, frühem Tod und leidvollem Sterben – sich selber und einer Schönheits-, Wellness- und Anästhesierungsindustrie gewaltigen Ausmaßes überlassen, um dabei bloßes Material und produktiver Konstrukteur zugleich zu sein“, schreibt Iris Därmann, Professorin für Geschichte der Kulturtheorien an der Humboldt Universität Berlin, in ihrem Katalogbeitrag zu der aktuellen Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum „Was ist schön?“

Fragt man Menschen, warum sie die mal größeren, mal kleineren Strapazen fürs Schönsein auf sich nehmen, so lautet in der Mehrzahl die Antwort: „Ich mache das für mich.“ Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Die Menschen machen das letztlich zu dem Zweck, angenehm aufzufallen. Und das ist, entgegen dem harten Verdikt von Därmann, zunächst eine völlig legitime Sache. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und als solcher genießt er es nicht nur, sondern ist auch existenziell darauf angewiesen, Anerkennung von seinen Mitmenschen zu erhalten. Doch heiligt der Zweck alle Mittel?

Schönheit als Option

Der Hype um die Schönheit wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere gesellschaftliche Verfasstheit. Wir verfügen heute, zumindest in der westlichen Welt, über ausreichende zeitliche und finanzielle Ressourcen, um so intensiv wie keine Generation vorher an unserer Selbstoptimierung zu arbeiten. Unsere Großeltern hatten noch ganz andere Sorgen, sie waren mit Krieg und Überleben beschäftigt. Die Grazer Soziologin Waltraud Posch schreibt in ihrem Katalogbeitrag: „Aus dem Körper als Schicksal wurde ein Körper der Möglichkeiten, aus den ,guten‘ oder ,schlechten‘ Genen die Schönheit als Option. Egal, ob sich jemand für oder gegen Verschönerungen entscheidet: Körperhandeln wird interpretiert und der handelnden Person zugeschrieben.“

Ausdruck des Guten und Wahren

Was ist Schönheit überhaupt? Was macht ihr Wesen aus? Eine Frage, die schon die frühen Philosophen bewegt hat. Nach Platon ist etwas schön, weil etwas Höheres, eine Idee, hindurchscheint, sie ist damit quasi Ausdruck des Guten und Wahren. Was der griechische Philosoph vor 2500 Jahren gesagt hat, meinen nicht wenige Menschen, das treffe auch heute noch zu. Wahre Schönheit komme von innen, sei Ausstrahlung und damit mehr als äußerer Schein. Andere begründen Schönheit mit formalen Gesetzmäßigkeiten, mit Proportionen und Symmetrien, also dem rechten Verhältnis der Einzelteile zueinander und zum Ganzen. So konnte der Heilige Thomas auch zu seinem Urteil kommen, dass ein Krüppel per se hässlich sei.

Nicht nur Philosophen und Künstler äußern sich zum Wesen des Schönen. Auch Evolutionsbiologen tun das. So stellte Devendrah Singh 1992 die These auf, dass Männer bevorzugt Frauen als Partner auswählten, die ein bestimmtes Taille-zu-Hüfte-Verhältnis aufzeigten, nämlich das von 0,7 – die Sanduhr-Form. Die Männer täten dies gemäß einem inneren Algorithmus, der nach Indikatoren für Gesundheit suche – Frauen der Sanduhr-Form seien fruchtbar und gesund. Mit anderen Worten: Der Mann begehre unwillkürlich jene Frau, die kraft ihrer Gesundheit das Überleben der Menschheit garantiere.

Ein zentraler Wert

Vielleicht sind die individuellen Vorlieben so verschieden, wie auch die Menschen verschieden sind. In jedem Fall gilt, dass die Erfahrung des Schönen, sei es beim Anblick eines Kunstwerks oder einer Person, in einem selbst etwas zum Schwingen bringt. Es handelt sich somit um eine Form der Interaktion. „Alle Menschen haben ästhetische Empfindungen und fällen ästhetische Urteile, aber beide variieren von Person zu Person, von Zeit zu Zeit, von Kultur zu Kultur. Sie schwanken selbst bei derselben Person von Gelegenheit zu Gelegenheit. Was mir heute gefällt, ja mich zutiefst bewegt, missfällt mir morgen vielleicht – und umgekehrt“, schreibt Wolfgang Klein, Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Niejmgen. Schönheit ist für uns ein zentraler Wert, er ist aber auch zugleich ein sehr wankelmütiger Geselle.

 

Deutsches Hygiene-Museum: Ausstellung „Was ist schön?“, bis 2. Jänner 2010, Lingnerplatz 1, D-01069 Dresden

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 22 /2010

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