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Justus von Liebig lernte sein Handwerk in der „Hexenküche“ seines Vaters. Später wurde er als Chemie-Professor nach München berufen.

▲ Der Chemiker gebar auch eine „Fleischbrühe für Kranke“.

 Diese Sondermarke brachte die Deutsche Bundespost heraus.

Chloroform: Das Anästhetikum wurde 1831 entdeckt.

 
Leben 26. Mai 2010

Chloroform, Chloral und Fertigsuppe

Justus von Liebig: Vom „Schafskopf“ zum erfolgreichen Chemiker.

Mit 15 flog er wegen „Unfleiß“ vom Gymnasium. Seine Apothekerlehre endete abrupt nach ein paar Monaten, als er beim heimlichen Experimentieren das Fenster einer Dachkammer im Haus seines Lehrherren heraussprengte. Zwei Jahre später begann er auch ohne Matura und abgeschlossener Lehre in Bonn Chemie zu studieren. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war er der populärste und berühmteste deutsche Chemiker: Justus von Liebig (1803 – 1873).

 

Justus von Liebig wollte schon Chemiker werden, als es diesen Beruf noch gar nicht gab. In Darmstadt bei seinem Vater, einem Materialisten – heute etwa so etwas wie ein Drogist oder Chemikaliengroßhändler – kam er sehr früh mit der geheimnisvollen Welt der Chemikalien, der Experimente und Rezepturen in Berührung. Sein Vater verkaufte aber nicht nur Chemiewaren, Seifen, Firnisse und Lacke, sondern stellte in seinem Labor auch selbst Wagenschmiere, Schuhcreme, Fleckputzmittel und Läusepulver her. Vermutlich an Jahrmarktshändler verkaufte er ein von ihm hergestelltes „Wundermittel“, das „Blut des Heiligen Januarius“. Eine Glasphiole, in der sich das „Blut“ des Heiligen beim Schütteln oder Erwärmen auf wundersame Weise verflüssigte. Neben der „Hexenküche“ seines Vaters waren es die Jahrmärkte, auf denen Händler, Wunderdoktoren und Quacksalber den Knaben Justus mit ihren verkaufsfördernden Kunststücken und Experimenten faszinierten. Nach eigenen Angaben beobachtete er ihre Tricks genau und machte die abgeschauten Versuche zu Hause nach. In der Darmstädter Hofbibliothek, in die ihn sein Vater manchmal wegen eines Rezeptbuches schickte, schmökerte er sich kreuz und quer durch die chemische, aber auch alchemistische Literatur. Diese Wissbegier hatte er in der Schule nicht. Prompt flog „die Plage seiner Lehrer und der Kummer seiner Eltern“ aus dem Gymnasium. Geradezu prophetisch merkte damals einer seiner Lehrer an: „Du bist ein Schafskopf! Bei Dir reicht es nicht mal zum Apothekenlehrling.“ Recht sollte er behalten. Nachdem Liebig bei verbotenen privaten Experimenten beinahe das Haus seines Lehrherren – nach dem Rausschmiss aus dem Gymnasium hatte ihn sein Vater zu einem Apotheker in die Lehre gegeben – beinahe in die Luft gejagt und abgefackelt hatte, schickte ihn der Apotheker postwendend zu seinem Vater zurück. Aber dem Jüngling war das gar nicht so unrecht. Das Pillendrehen und Verkaufen von Pülverchen und Salben hatte ihm ohnehin keinen Spaß gemacht. Nicht Apotheker, sondern Chemiker wollte er ja werden. So half er wieder bei seinem Vater im Labor aus und bildete sich nebenbei in der großherzoglichen Bibliothek selbst weiter.

Studium ohne Matura

Überraschenderweise durfte er im Herbst 1819 auch ohne Matura oder abgeschlossene Lehre bei Carl W.G. Kastner, einem Bekannten und Kunden seines Vaters, in Bonn ein Chemiestudium beginnen. Kastner erkannte rasch Liebigs Talent und machte ihn zuerst zu seinem Gehilfen und später zu seinem Assistenten. Bereits ein Jahr später gab Liebig Medizinstudenten Nachhilfe in Chemie. Kastner begriff auch bald, dass er seinem Assistenten nicht mehr viel beibringen konnte, und verschaffte ihm ein Stipendium beim damals berühmtesten Chemiker seiner Zeit, bei Joseph Louis Gay-Lussac in Paris. Liebig blieb anderthalb Jahre an der Sorbonne in Paris. Mit seinen Entdeckungen über Knallsäuren erregte er nicht nur die Aufmerksamkeit Gay-Lussacs, sondern auch die des gerade in Paris weilenden Alexander von Humboldts.

Professor mit 21 Jahren

Durch seine Protektion wurde Liebig kurze Zeit später mit nicht einmal 21 Jahren zum außerordentlichen Professor für Chemie und Pharmazie an der Universität Gießen ernannt. Trotz widrigster Umstände – die ehrwürdigen älteren Kollegen lehnten den jungen Emporkömmling ab und die räumlichen Verhältnisse waren katastrophal – kamen seine Vorlesungen und praktischen Übungen bei den Studenten gut an. Liebigs Engagement in Gießen machte die Chemie in Deutschland erst zu einer lebenden Naturwissenschaft. Die Entdeckungen und Arbeiten, die aus seinem Labor kamen, machten Liebig bald in ganz Europa bekannt. Das Labor in Gießen wurde zum Mekka für Chemiestudenten aller Länder. Hier entdeckte er im Jahr 1831 das Chloroform und 1832 stellte er erstmals Chloralhydrat her. Unabhängig von Liebig entdeckten das Chloroform auch der französische Chemiker Eugene Souberain und der amerikanische Chemiker und Mediziner Samuel Guthrie. 1847 verwendete es Sir James Simpson erstmals als Anästhetikum bei Operationen und in der Geburtshilfe. Das 1869 von Oskar Liebreich in die Heilkunde eingeführte Chloralhydrat war das erste synthetische Schlafmittel.

Berufung nach München

Die von ihm erfundenen analytischen und quantitativen Analysemethoden führten in den 1840er-Jahren, zur Herstellung eines Kunstdüngers, der nach anfänglichen Misserfolgen die landwirtschaftlichen Erträge gewaltig steigerte und letztendlich die Lebensbedingungen der gesamten Menschheit dramatisch verbesserte. Im Jahr 1852 nahm Liebig eine Berufung in die „schönste und größte chemische Anstalt der Welt“ an, nach München. Hier beschäftigte er sich vor allem mit der Chemie des menschlichen Körpers, stellte Fragen zur optimalen Ernährung und untersuchte menschliche Ausscheidungsprodukte, Eiweiß und Fette. Auslöser dafür war möglicherweise das Jahr 1853. In diesem Jahr erkrankte die Tochter seines Freundes, des englischen Sodafabrikanten James Muspratt, in Liebigs Haus an Cholera. Da sie kaum mehr Nahrung aufnehmen konnte und sich ihr Zustand dadurch unaufhaltsam verschlechterte, hatten die Ärzte sie bereits mehr oder weniger aufgegeben.

Mit einem nahrhaften „Fleischinfusum“, gewonnenen durch kaltes Auslaugen von Fleisch mit etwas Salzsäure, konnte er das Mädchen retten. Diesen Erfolg publizierte er in den Annalen für Chemie unter dem Titel Eine neue Fleischbrühe für Kranke. Mit der Weiterentwicklung dieses Fleischextraktes ist Liebig nicht nur in die Annalen der Chemie und Medizin, sondern auch in die der Küche eingegangen. Anfänglich wurde das Fleischinfusum nur in Münchener Apotheken hergestellt. Schließlich produzierte der deutsche Ingenieur Georg Christian Giebert den Fleischextrakt mit Liebigs Namen großtechnisch in Uruguay. Mit „Liebigs Fleischextrakt“ und mit den werbetechnisch genialen Sammelbildchen, die jeder Dose beigefügt waren, wurde Liebig weltweit bekannter als durch alle seine bahnbrechenden chemischen Entdeckungen und Erfindungen.

Von 1873 bis 1975 erschienen 7.000 Serien dieser Bildgeschichten, die auch heute noch gesammelt werden. Nach Liebigs Vorstellung sollte der Fleischextrakt – „Nur ächt, wenn jeder Topf den Namenszug J. v. Liebig in blauer Farbe quer über der Etikette trägt“ – ein Nahrungsmittel für ärmere Bevölkerungsschichten sein. Aber trotz reißendem Absatz war das weder damals noch heute der Fall. Heute ist der Fleischextrakt des Herrn von Liebig von anderen weitverbreiteten und billigeren Speisewürzen verdrängt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass der aus Rindfleisch hergestellte Fleischextrakt auch heute noch „sauteuer“ ist.

Auf seinem Denkmal in München steht zu Recht neben „Chemie“ und „Agrikultur“ noch ein drittes Wort: „Physiologie“. Seine Forschungen und Entdeckungen über Nahrung, Ernährung und den Stoffwechsel des menschlichen Körpers waren auch für die Entwicklung der Medizin im 19. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 21 /2010

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