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Foto: Andreas Herzau

Istanbul Andreas Herzau 144 Seiten, € 29, 80 Hatje Cantz Verlag, 2010 ISBN 9783775726153

 
Leben 26. Mai 2010

Stadt zwischen den Kontinenten

Istanbul ist heuer Kulturhauptstadt Europas.

Wien ist reich an historischen Bauten. An jeder Ecke ist die imperiale Vergangenheit zu spüren. Istanbul bietet vielleicht noch mehr, hier kann man durch Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte spazieren. Und wie Andreas Herzau in seinem neuen Fotoband über die Stadt am Bosporus zeigt, pulsiert das Leben genauso in den Seitengassen.

 

Istanbul ist mit fast 13 Millionen Einwohnern eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Die Straßen sind voller Menschen, nur stockend kommen die Autofahrer in dem dichten Verkehr voran, was sie in einem fort auf die Hupe drücken lässt. Nein, eine ruhige Stadt ist das wahrlich nicht.

Bedeutende Zeugnisse

Wer ruhige Stunden und frische Luft sucht, wem der Sinn nach Erholung steht, ist hier an der falschen Adresse. Dafür vermag die Stadt, die in diesem Jahr neben Essen (Deutschland) und Pécs (Ungarn) zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wie kaum eine andere den Menschen leicht in seinem Innersten erschüttern, verfügt sie doch über bedeutende Zeugnisse der Menschheitsgeschichte.

Der Besucher muss nur die Haghia Sophia besichtigen, eine der weltweit majestätischsten Denkmäler der sakralen Architektur. Lange Zeit war sie die größte christliche Kathedrale der Welt, eine orthodoxe Basilika – das war zu jener Zeit, als Konstantinopel, so ihr vorherige Name, Hauptstadt des Römischen Reichs war, damit im Übrigen auch eine Wiege unserer Kultur. Später, im 16. Jahrhundert, wurde das heiligste Gotteshaus der Christenheit von Mehmet II in eine Moschee verwandelt, es kamen vier Minarette und einige Nebengebäude dazu. Christentum und Islam, Europa und Asien – hier ist einer ihrer Kulminationspunkte. Ein Ort, der auch den hartgesottensten Reisenden zu berühren vermag.

Weltgeschichte zum Greifen

Man spaziert hier oben, auf der alten byzantinischen Akropolis, mühelos durch Jahrhunderte der Weltgeschichte: Auch das Serail gehört dazu, kein Palast im herkömmlichen Sinn, eher eine merkwürdig spielerische, scheinbar planlose Aneinanderreihung von Pavillons, Küchen, Bädern, Werkstätten, Moscheen und Bibliotheken. Es ist eine Welt aus 1001 Nacht.

Istanbul hat viele Gesichter. Hier treffen Okzident und Orient zusammen. An den Ufern des Bosporus und des Marmara-Meeres stehen prächtige Villen und Bungalows, für die Mieten und Grundstückspreise verlangt werden, die selbst Bewohner von Wien-Döbling erblassen lassen. Daneben wachsen am Stadtrand unaufhaltsam die Elendsviertel, bevölkert von Menschen, die aus Anatolien in die Großstadt flüchten, in der Hoffnung auf ein besseres Leben (die oft enttäuscht wird). Man sieht Damen mit Laptop-Taschen unter dem Arm durch die Innenstadt eilen . Und daneben Männer geruhsame Stunden beim Tee vertrödeln.

Alltägliche Szenen

Eine aufregende, eine widersprüchliche Stadt. Andreas Herzau hat sie mit seiner Kamera durchstreift, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, von morgens bis abends. Ohne festen Plan machte der deutsche Fotograf sich an die Arbeit, offen dafür und gespannt darauf, was dieser Moloch Stadt heute wieder für ihn bereithalten würde.

Hier Istanbuler Einwohner bei der Bootsfahrt, dort Händler auf dem Bazar. Herzau zog es weniger zu den bekannten Touristenpunkten, ihn interessierte mehr das gewöhnliche Leben. Ganz im Stil der klassischen Straßenfotografie wollte er sich von alltäglichen Szenen und flüchtigen Momenten überraschen lassen. Er hatte nicht schon vorher ein bestimmtes Istanbul-Bild im Kopf, dieses Bild formte sich erst im Laufe seiner Arbeit (und Spaziergänge).

Herzaus Fotoband macht Lust, in Istanbul auch einmal von den ausgetretenen Touristenpfaden abzuweichen. Allerdings: Die Haghia Sophia darf auf keinen Fall aus dem Programm gestrichen werden!

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 21 /2010

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