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Foto: Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) war ein Pionier im besten Sinne. Er kämpfte zeitlebens für die Rechte von Homosexuellen und Transvestiten und setzte sich für den Gebrauch von Verhütungsmitteln und die Legalisierung ärztlicher Schwangerschaftsabbrüche ein.
 
Leben 11. Mai 2010

Ein Kampf gegen Vorurteile und Engstirnigkeit

Magnus Hirschfeld: Gefeierter Pionier und „sittenverderbendes“ Feindbild.

Er war homosexuell, er war Sexualwissenschafter, und er stammte aus einer jüdischen Familie. Durchwegs Eigenschaften, die im Deutschland der 1930er Jahre lebensgefährlich waren. Die Rede ist von dem Arzt und Forscher Magnus Hirschfeld (1868–1935). Von Freunden gewarnt, kehrte er nach einer Vortrags- und sexualethnologischen Forschungsreise, die ihn um die halbe Welt geführt hatte, nicht nach Deutschland zurück. Die Zerstörung und Plünderung seines damals weltbekannten Berliner Instituts für Sexualwissenschaften und die öffentliche Verbrennung seiner Bücher sah er in der Wochenschau in einem Pariser Kino. Vor 75 Jahren, am 14. Mai 1935, starb der Sexualforscher und unermüdliche Kämpfer gegen die Verfolgung und Kriminalisierung der Homosexualität.

 

Der am 14. Mai 1868 in Kolberg in Pommern geborene Sohn eines jüdischen Landarztes wollte eigentlich Schriftsteller werden. Nach der Matura studierte er daher zunächst einmal Literatur. Aber bereits nach kurzer Zeit verließ Magnus Hirschfeld „seine erste Geliebte“, wie er selbst sagte, und wandte sich der Medizin zu. Im Jahr 1892 promovierte er beim „Irrenarzt“ Emanuel Mendel in Berlin mit einer Arbeit Über Erkrankungen des Nervensystems im Gefolge der Influenza. Nach einer Amerikareise, die er sich als Zeitungskorrespondent finanziert hatte, eröffnete Hirschfeld 1894 in Magdeburg eine Praxis für ärztliche Naturheilkunde. Nach Berlin kam er 1896, wo er sich als Hydrotherapeut niederließ. Aus dieser Zeit existieren von ihm zahlreiche Publikationen über Naturheilkunde und gesunde Lebensweise. Mit der Organisation von Krankenkassen als Selbsthilfeorganisationen der Arbeiter machte er sich auch einen Namen als engagierter Sozialpolitiker.

Zur politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Homosexualität kam er nach eigenen Angaben durch die Verurteilung des Dichters Oskar Wilde. Ein Londoner Gericht verhängte im Jahr 1895 eine zweijährige Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit über ihn. Das erboste Hirschfeld so sehr, dass er von nun an vehement und unermüdlich in aller Öffentlichkeit für die Entkriminalisierung der Homosexualität eintrat. Da auch im Deutschen Kaiserreich, abgesegnet durch den berüchtigten Paragrafen 175, homosexuelle Handlungen unter Männern mit Gefängnis bestraft wurden, begann Hirschfeld seinen Kampf für die Abschaffung dieser Diskriminierung und wurde damit zum Begründer der weltweit ersten Homosexuellenorganisation.

Aufbruchsstimmung

Am 15. Mai 1897 gründete er in seiner Charlottenburger Wohnung das „Wissenschaftlich humanitäre Komitee“ (WhK). Obwohl die vom Komitee initiierte und von zahlreichen Prominenten unterzeichnete „Petition an die gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Reiches zur Streichung des § 175“ zwar im Reichstag diskutiert wurde, aber keinen unmittelbaren Erfolg nach sich zog, sorgte diese Aktion dennoch für eine Art Aufbruchstimmung in der bisher untergetauchten Szene. Das Komitee half Betroffenen, verbreitete Aufklärungsschriften und versuchte mit wissenschaftlichen Argumenten auch auf Richter, Staatsanwälte und Sachverständige günstig einzuwirken. Hirschfelds medizinisch-wissenschaftlichen Argumente gingen damals nicht über den Standpunkt fortschrittlicher Psychiater hinaus. Wie der Psychiater Richard von Krafft-Ebbing hielt Hirschfeld die Homosexualität zwar nicht für eine Krankheit oder gar ein Verbrechen, aber – letztlich dem Zeitgeist entsprechend – noch immer für einen angeborenen Makel, eine Anomalie. Seine Broschüren und sexologische Abhandlungen wurden zu Manifesten der ersten Homosexuellenbewegung.

Pionierarbeit auf Institutsebene

Im Jahr 1919 gründete Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft. Neben Ambulanzen für Psychotherapie, Gynäkologie und Eheberatung beherbergte die Villa in Berlin-Tiergarten auch eine Bibliothek, einen Vortragssaal, das Büro der Weltliga für Sexualreform und ein sexualethnologisches Archiv. Das weltweit erste Institut „zur wissenschaftlichen Erforschung des gesamten menschlichen Geschlechts- und Liebeslebens“ sah sich als beratende, gutachtende, forschende, aber auch politisch aktive Einrichtung. Von Anfang an bot das Institut Menschen mit sexuellen Problemen Hilfe, Beratung und Behandlung an. Vorträge, Kurse und die Aus- und Weiterbildung von Ärzten machten das Institut bald zu einer weltweit bekannten und anerkannten Einrichtung.

Durch sein öffentliches Eintreten für Homosexuelle – er selbst outete sich aber öffentlich nie – war er zunehmend der Hetze (auch antisemitischer) sowohl von kirchlichen als auch politisch konservativen Kreisen ausgesetzt. Bereits 1920 verletzten „völkische Rowdies“ Hirschfeld nach einem Vortrag derart schwer, dass er fälschlicherweise sogar für tot erklärt wurde. Auf Einladung einer deutsch-amerikanischen Ärztegesellschaft begab er sich schließlich 1930 auf eine Vortragsreise um die Welt, von der er nie mehr nach Berlin zurückkehren sollte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Wien ging er 1932 ins Exil in die Schweiz. Die SA-Männer, die bereits in seinem Institut auf ihn lauerten, warteten vergeblich. Bereits am 6. Mai 1933 – kaum drei Monate nach Hitlers Machtübernahme – plünderten und zerstörten Nazis sein Institut. Mit ein Grund für die eilige Zerstörung dürfte die Tatsache gewesen sein, dass auch viele Nazis im Institut verkehrten und gefährliche Aufzeichnungen daher rasch verschwinden mussten. Die Bücher aus der Bibliothek brannten vier Tage später neben denen Sigmund Freuds wegen ihrer „seelenzersetzenden Überschätzung des Trieblebens“. Das gesamte schriftstellerische Werk Hirschfelds, immerhin fünfundzwanzig Bücher, darunter sein fünfbändiges Hauptwerk Die Geschlechtskunde und das eintausendseitige Buch Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, unzählige wissenschaftliche Beiträge, Broschüren und Zeitungsartikel erklärte die Reichsschrifttumskammer im Jahr 1935 als „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“.

Steine statt Brot

„Statt Hilfe Verbot, heißt Steine statt Brot“. Dieser von Hirschfeld oft verwendete Spruch zeigt besser als seine Publikationen die Einstellung zu den Menschen und zur Gesellschaft. So kämpfte er nicht nur für die Rechte von Homosexuellen und Transvestiten, sondern setzte sich auch für den Gebrauch von Verhütungsmitteln und die Legalisierung ärztlicher Schwangerschaftsabbrüche ein. Obwohl seine Theorien über Homosexualität und Eugenik heute durchwegs überholt, falsch und aus heutiger Sicht oft sogar höchst befremdlich wirken, ist er als Humanist und Menschenrechtskämpfer über jeden Zweifel erhaben. Er starb am 14. Mai 1935, an seinem 67. Geburtstag, in Nizza.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 19 /2010

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