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 Fotos (2): Bircher-Benner-Archiv, Universität Zürich.

Das Sanatorium „Lebendige Kraft“ am noch unverbauten Zürichberg im Eröffnungsjahr 1904.

Dr. Max Bircher-Benner, Birchermüsli essend.

 
Leben 5. Mai 2010

Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium

Die einen assoziieren mit der Schweiz Sauberkeit, die anderen Schwarzgeldkonten und die dritten pünktliche Züge. Nur wenige allerdings Gesundheitszentren. Auf diesen eher unterbelichteten Aspekt macht das Schweizerische Nationalmuseum mit der aktuellen Ausstellung „Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium“ aufmerksam.

„Ein einfacher junger Mann reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.“ So beginnt Thomas Manns Roman Der Zauberberg. Hans Castorp, so der Name unseres Helden, möchte eigentlich nur kurz seinen Vetter besuchen, doch daraus wird ein Aufenthalt über mehrere Monate. Schön für den Leser, der auf diese Weise das Leben in dem Sanatorium Berghof nahe Davos genau kennen lernt, jene abgeschiedene Welt, in die sich Tuberkulose-Kranke Anfang des vorigen Jahrhunderts gerne zurückzogen. Das Zürcher Sanatorium kann stolz sein: Welche Gesundheitseinrichtung kann sich schon rühmen, von einem Literaturnobelpreisträger verewigt worden zu sein?

Die Patienten in Liegestühlen

„Zauberberg“, das Wort hat auch schon einmal gehört, wer den fast tausendseitigen Roman nicht gelesen hat. Gegen die Ende des 19. Jahrhunderts in Europa wütende Tuberkulose galten insbesondere die in den Schweizer Bergen gelegenen Sanatorien als geeignetes (und einziges) Mittel. Wer es sich leisten konnte, nahm Abschied von seinem normalen Leben, von Familie und Erwerbsleben, und zog sich in die Höhe zurück. Um sich bei Sonne, frischer Luft und angenehmem Blick auf die umliegenden Berge zu kurieren.

Auf historischen Fotos sehen wir, wie die Patienten wie die sprichwörtlichen Sardinen, einer neben dem anderen, auf der Terrasse in Liegestühlen ruhten, eingewickelt in dicke Decken. Das geschäftige Leben hatten sie in der Stadt zurückgelassen, hier oben in den Bergen durften sie dem Nichtstun frönen. Wie wir in dem Roman von Thomas Mann erfahren, war der Sanatoriumsaufenthalt freilich auch durch einen strikten Tagesablauf geregelt.

Die Sanatorien hatten eine kurze Blütezeit. Als 1944 Streptomycin entdeckt wurde, das Medikament gegen den „weißen Tod“, war es bald wieder mit den Liegekuren vorbei. Dabei lag es noch gar nicht so lange zurück, dass die dünne Luft als Heilfaktor entdeckt wurde. Bis ins 17. Jahrhundert galten die Berge als eine für zivilisierte Menschen unwirtliche, ja bedrohliche Gegend. In hoher Lage, so befürchteten die Menschen, platzen die Adern. Es war mit ein Verdienst des Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), der ein Loblied auf das Gebirge sang, dass sich allmählich das Bild der Alpen änderte: von einer unheimlichen zu einer dem Menschen zuträglichen Landschaft.

Eine größere Tradition als die Höhenkurorte haben in der Schweiz die Heilbäder. Mit ihnen ist sie reichlich gesegnet, dazu kommt, dass in dem Land durchschnittlich doppelt so viel Wasser wie im übrigen Europa fällt. Thermen wie Leuk oder Pfäfers waren schon früheren Zeiten bekannt und sind es auch noch heute. Geändert hat sich bloß die empfohlene Aufenthaltsdauer im Heilwasser. War früher die Devise: Je länger, umso besser, und eine sich vom Körper schälende Haut galt als hoffnungsvolles Zeichen, so setzt man heute eher auf maßvolle Anwendung.

Man fuhr in die Bäder, wie man heute im Sommer ans Meer fährt. Man tat etwas für sein Wohlergehen, und daneben sollten auch der Spaß und die Zerstreuung und das gute Essen nicht zu kurz kommen. Als ideale Reisezeit galt der Frühling, jene Zeit, da die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht.

Die Schweiz ist für uns der Inbegriff von Sauberkeit und Anstand. Umso mehr verwundert es, dass es Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Zentrum für lebensreformerische Bewegungen war. Da gab es beispielsweise den Monte verità in Ascona, eine Siedlung von Aussteigern, wie wir heute die Menschen bezeichnen würden, die ein Leben in Luft und Sonne und jenseits zivilisatorischer Zwänge suchten. Dazu kam eine Vielzahl anderer Kolonien – die einen schwörten auf vegane Kost, die anderen auf Kaltwasseranwendungen –, so unterschiedlich sie jeweils waren, sie alle waren eine Antwort auf die zu jener Zeit im wahrsten Sinne mit Volldampf einsetzende Industrialisierung. Die Städte wuchsen, das Lebenstempo nahm zu, die Luft wurde schlechter – und, kaum verwunderlich, die zeittypische Krankheit war die Neurasthenie. Dagegen propagierten die Lebensreformer ein Zurück zu den Wurzeln, zu einem naturnahen Leben.

Ein typisches Kind jener Zeit war das Birchermüsli: Ein einfacher Brei aus Haferflocken, den Dr. Max Bircher-Benner kreiert hatte. Eine Kost, in der, so der Schweizer Arzt, Sonnenenergie gespeichert sei und daher auch Heilkräfte besitze.

Auch Thomas Mann kam

Obwohl Bircher-Benner von seinen Arzt-Kollegen verspottet und mit dem Stigma der „Unwissenschaftlichkeit eines Rohkostapostels“ behaftet wurde, tat das seinem Ruhm keinen Abbruch, vielleicht verstärkte das ihn sogar noch.

Bircher-Benner hatte auch eine eigene Klinik in Zürich, die er ganz im Stil der vitalistischen Lebensreformbewegung „Lebendige Kraft“ nannte. Hier wurde das einfache Leben propagiert, wovon sich vor allem die Reichen und Berühmten angesprochen fühlten. Unter anderem kam auch Thomas Mann, im Mai 1909. „Mit mir steht es nicht zum Besten, und darum habe ich mich entschlossen, auf 3 bis 4 Wochen der Welt und allem Wohlleben Valet zu sagen und zu Bircher-Benner nach Zürich zu gehen“, schrieb er seinem Bruder. Man werde hier „ausschließlich mit Gemüsen, Nüssen und Früchten bewirtet“, daher saß er gerade in den ersten Tagen auf den Koffern, drauf und dran, die Flucht zu ergreifen. Doch er hielt durch – und seine Magenbeschwerden verschwanden.

Die Klinik ist heute im Besitz einer Versicherung, doch das Müsli besteht weiter. Es konnte gar zum Schweizer Nationalgericht aufsteigen – und gilt inzwischen weltweit als Inbegriff gesunder Nahrung.

 

Schweizerisches Nationalmuseum: „Zauber Berge. Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium“, Ausstellung bis 15.8.2010, Museumsstr. 2, Ch-8001 Zürich

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 18 /2010

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