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Das Rote Kreuz 2010 nach dem Erdbeben in Haiti.

 Fotos (3):  Nanut/Regal

„Komitee der Fünf“: Ihnen lag an der Verbesserung der Situation von verletzten Soldaten.

Auch der Wiener Narrenturm erinnert mit Ausstellungsstücken an die Geschichte des Roten Kreuz.

 
Leben 5. Mai 2010

Weltrotkreuztag: „Tutti fratelli“

Am 8.Mai ist Weltrotkreuztag. Das von Henry Dunant gegründete „Rote Kreuz“ ist die größte humanitäre Organisation der Welt.

Am 17. Februar 1863 gründeten fünf ehrenwerte Herren in Genf einen humanitären Verein zur freiwilligen Verwundetenpflege. Heute hat dieser Verein – bekannt als „Rotes Kreuz“ oder „Roter Halbmond“ – weltweit mehr als 125 Millionen Mitglieder. Der „Erfinder“ dieser weltumspannenden Hilfsorganisation ist der Schweizer Humanist, Geschäftsmann, Schriftsteller, Bankrotteur und spätere Nobelpreisträger Henry Dunant (1828–1910). Seine Visionen, die er 1862 in seinem Buch Un souvenir de Solférino (Eine Erinnerung an Solferino) beschrieb, wurden Wirklichkeit.

 

Auslöser für Henry Dunants erschütternden Erlebnisbericht waren die Folgen des schrecklichen Gemetzels, mit denen er am 25. Juni 1859 auf der damals zwar von Gott, aber nicht von der Menschlichkeit verlassenen Ebene einige Kilometer südlich vom Gardasee in Italien konfrontiert wurde.

Die entsetzlichen Zustände am Tag nach der Schlacht – treffender spricht man hier wohl von Schlachttag – beschrieb er in seinen Erinnerungen an Solferino so: „Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich denken läßt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahrsten Sinne des Wortes mit Leichen übersät.“

Dunant war eigentlich ganz zufällig auf diesem Kriegsschauplatz gelandet, am Schauplatz einer der grauenhaftesten und blutigsten Schlachten der Geschichte. Der Geschäftsmann, der mit seinen Unternehmungen in Algerien – damals von Frankreich besetzt – ins Schleudern gekommen war, wollte eigentlich Kaiser Napoleon III. um Hilfe für seine geschäftlichen Probleme in der französischen Kolonie bitten. Der französische Kaiser war aber gerade dabei, mit seinen Truppen und denen Piemont-Sardiniens bei Solferino die Armee Österreichs aus Italien zu vertreiben.

Österreich verlor diese Schlacht, für die gesamte Menschheit – einmal abgesehen von den Tausenden Opfern am Schlachttag und an den Tagen danach – war sie letztlich aber ein Gewinn. Der zufällige Zeuge Dunant war so entsetzt von den verheerenden Zuständen unter den hilflos, ohne die geringste medizinische Versorgung zurückgelassenen Opfern der Schlacht, dass er seine geschäftliche Mission vergaß und spontan gemeinsam mit der Bevölkerung der umliegenden Dörfer medizinische oder auch nur menschliche Hilfe für alle Verwundeten ohne „Unterschied der Nationalität“ organisierte.

„Tutti fratelli“ – „Alle sind Brüder“ –, die Parole der „mitleidigen Frauen und jungen Mädchen von Castiglioni“ wurde zum geflügelten Wort.

Zurück in Genf, begann er, angeblich „wie ein Besessener“, an seinem Buch über seine Erlebnisse in Solferino zu schreiben. Schonungslos berichtete er von zerfetzten Körpern, von sich in Blut und Dreck wälzenden Leibern, von abgeschlagenen Köpfen, Händen und Füßen, vom Stöhnen und Schreien der verwundeten Soldaten und vom atemraubenden Gestank nach Blut und Kot in den zu Hilfslazaretten umgewandelten Kirchen.

Erst zum Schluss seines Berichts über die wahrscheinlich grausamste Schlacht des 19. Jahrhunderts kam er auf seine Vision zu sprechen, „schon in Friedenszeiten eine freiwillige Organisation zu gründen, deren Zweck es sein müsste, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte und aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen.“ Das Buch ließ er in einer Auflage von 1.600 Stück im Selbstverlag drucken und schickte es 1862 mit einer persönlichen Widmung an einflussreiche Persönlichkeiten in ganz Europa, an Generäle, Fürsten, Herrscher und Regierungschefs. Mit diesem Bericht rüttelte er nicht nur die Militärs und Regierungen, sondern ganz Europa auf. Schon die zweite Auflage seiner Erinnerungen an Solferino wurde zum Bestseller, seine Ideen zur Verwundetenhilfe stießen auf Beifall und Zustimmung, Dunant wurde berühmt.

„Komitee der Fünf“

Bereits im Jahr 1863 gründete das „Komitee der Fünf“, dem neben Dunant auch General G.H. Dufour, Gustave Moynier und die Ärzte Louis Appia und Théodore Mauroir angehörten, das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ – seit 1876 „Internationales Komitee vom Roten Kreuz“.

Im Oktober 1863 gab es bereits eine erste internationale Konferenz mit Vertretern von 14 Ländern, und am 22. August 1864 unterzeichneten zwölf Staaten das „Abkommen zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde“, zur „Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“, die erste Genfer Konvention, damals eine Revolution im Völkerrecht. Hier einigten sich die Länder auch auf ein einheitliches Symbol, das den Schutz der Verwundeten und des Hilfspersonals sichern sollte: das „Rote Kreuz“ auf weißem Grund.

Fast ebenso rasant, wie der weltweite Aufstieg des Roten Kreuzes darauf erfolgte, kam es zum sozialen Abstieg seines Gründers. Verurteilt wegen betrügerischen Konkurses – Dunant hatte sich mit seinem Algerienabenteuer gewaltig verspekuliert –, wirtschaftlich ruiniert und damit gesellschaftlich geächtet und ausgestoßen, wurde Dunant aus dem Komitee ausgeschlossen. Er verließ Genf im Jahr 1868 für immer.

Zwanzig Jahre lang geisterte er verarmt und seelisch zerstört durch Europa, als gläubiger Calvinist musste sich der Nichtshabende ja als von Gott verlassen vorgekommen sein. „Den Untüchtigen lässt Gott fallen“, war schließlich das calvinistische Glaubensbekenntnis in Genf. Dunant hing verschiedenen, heute durchaus als vernünftig einzustufenden, damals aber utopischen Projekten, Plänen und Wunschträumen nach. Kurze Zeit später war der nunmehr auch menschenscheue Sonderling fast völlig vergessen und nur die finanzielle Unterstützung durch seine Familie bewahrte ihn vor dem völligen Verfall.

Im Jahr 1887 kam er in die Schweiz zurück und ließ sich im kleinen Örtchen Heiden, in der Nähe des Bodensees, nieder. Der Journalist Georg Baumgartner entriss den in seiner Heimatstadt Genf schon als tot geltenden Gründer des Roten Kreuzes im Jahr 1895 durch einen Zeitungsartikel aus der Vergessenheit. Plötzlich war Dunant wieder in aller Munde und erhielt Sympathiekundgebungen und Ehrungen aus der ganzen Welt.

Als Krönung erhielt er im Jahr 1901 auf Vorschlag von Berta von Suttner den Friedensnobelpreis. Neun Jahre später, am 30. Oktober 1910 – was das Jahr 2010 voraussichtlich zu einem „Dunant-Jahr“ machen wird – starb Henry Dunant in Heiden.

Sein Geburtstag am 8. Mai gilt seit 1922 als Tag des Friedens. Er wird seit 1934, unterbrochen allerdings durch den 2. Weltkrieg und mehrfach umbenannt, heute als „Weltrotkreuz- und Rothalbmondtag“ gefeiert.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 18 /2010

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