zur Navigation zum Inhalt
Foto: David Brandt
Die Dresdner Ausstellung fragt nach unserem Begriff von Arbeit. Landläufig wird darunter nur entlohnte Tätigkeit verstanden.
Foto: David Brandt

Zeige mir deinen Beruf, und ich sage dir, wer du bist. Vorbei die mittelalterlichen Zeiten, da die Geburt über den gesellschaftlichen Status entschied. Heute wird der Mensch selbst dafür verantwortlich gemacht, was er ist.

 
Leben 28. April 2010

„Arbeit ist das Gravitationszentrum alltäglicher

Lebensführung“

Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums: „Arbeit.

Sinn und Sorge“.

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden öffnete seine Pforten Anfang des vorigen Jahrhunderts mit einer Ausstellung zu den wichtigsten Krankheitserregern und wie man sich vor ihnen schützt. Die aktuelle Schau des Hauses widmet sich dem Thema Arbeit, woran man nicht zuletzt erkennen kann, wie sich der Fokus der Medizin in der Zwischenzeit verschoben hat: weg von der Bakteriologie und hin zur Soziologie. Die epidemiologische Empirie zeigt, dass 60 bis 90 Prozent unseres Gesundheitsstatus von Lebensweise, Arbeitsbedingungen, Einkommen, Ernährung und Bildung abhängen.

 

Im alten Griechenland galt Arbeit noch als etwas gleichsam Obszönes und war aus diesem Grund auch den niederen Schichten vorbehalten. Die feinen Damen und Herren machten sich nicht die Finger schmutzig, sie brachten den Tag vielmehr in Muße zu und strebten im Übrigen nach Höherem.

Zeige mir deinen Beruf

Wie grundlegend anders ist doch die Situation heute! Wer arbeitslos ist, gilt schnell als Versager. Der erfolgreiche Mensch arbeitet von früh bis spät, wenn nicht gar bis in die Nachtstunden. Zeige mir deinen Beruf, und ich sage dir, wer du bist. Vorbei die mittelalterlichen Zeiten, da sich der gesellschaftliche Status über die Geburt definierte. Heute wird der Mensch selbst dafür verantwortlich gemacht, was er ist.

Sei flexibel!

Für unsere Elterngeneration war es noch selbstverständlich, dass der einmal erlernte Beruf ein Leben lang ausgeübt wurde, und oft blieb sie auch dem Unternehmen bis zur Pensionierung treu, in das sie einst in jungen Jahren eingetreten war. Das ist mittlerweile nicht mehr üblich. Das neuzeitliche Postulat lautet: Sei flexibel! Lerne einen neuen Beruf, wenn es die wirtschaftlichen Umstände verlangen! Wechsel die Firma, wenn es deiner Karriere nutzt! Sei spontan!

Das neue Arbeitsethos propagiert die Abwechslung. Zugleich nimmt der Druck für jeden Einzelnen zu, denn wer mit dem rasanten Tempo nicht Schritt halten kann, droht schnell unter die Räder zu geraten. Und dies geschieht immer öfter. Die Zahl der unter Angststörungen und depressiven Episoden leidenden Menschen nimmt ständig zu. Nach den Leistungssportlern sind es nun Manager und andere Führungskräfte, die nach leistungssteigernden Mitteln verlangen. Ärzte finden sich in der eigenartigen Situation wieder: Wider ihre Verpflichtung sollen sie keine Krankheiten heilen, sondern die Menschen gleichsam optimieren, nämlich mittels Neuroenhancement-Doping deren Gehirntätigkeit forcieren. Die Frage stellt sich: Was ist das für eine Form der Gesellschaft, deren Wert allein auf Leistung abzielt und nach ständigen Optimierungsbemühungen ihrer Mitglieder strebt?

Unsere Arbeitswelt bietet kaum noch Geborgenheit und Sicherheit, es gilt vielmehr das Gesetz des Stärkeren. Verdränge deinen Kollegen, nur so kommst du nach oben! Dabei gilt, wie Stephan Lessenich in seinem Katalogbeitrag schreibt: „Arbeit ist das Gravitationszentrum alltäglicher Lebensführung, die treibende Kraft sozialer Interaktion, der zentrale Bezugspunkt normativer Beurteilung des Zustands des Gemeinwesens.“

Die Dresdner Ausstellung fragt nach unserem Begriff von Arbeit. Landläufig versteht man darunter die Erwerbsarbeit, die entlohnte Tätigkeit. Nun gibt es in unserer immer älter werdenden Gesellschaft auch Menschen, die ihren Beruf aufgeben (müssen, wollen), weil sie ihre altersdemente Mutter pflegen (müssen, wollen). So anstrengend Pflegearbeit ist, weil sie oft pausenlosen Einsatz erfordert, am Tag wie auch in der Nacht, ist sie gesellschaftlich nicht hoch angesehen, geschweige denn ordentlich bezahlt.

Kindererziehung plus Karriere

Ähnlich verhält es sich mit Haushaltsführung und Kindererziehung: Eine Mutter erfährt höchstens dann Respekt, wenn sie die Arbeit zu Hause mit beruflicher Karriere unter einen Hut zu bringen versteht.

Befriedigende Arbeit

Klassenunterschiede nicht zuletzt auch in der Medizin: Der Herzspezialist genießt große Reputation, der Landarzt rangiert dagegen am unteren Ende der Rangordnung. Ist dessen Arbeit tatsächlich so viel weniger wert? Bestimmt nicht. Er kann sich aber damit trösten, dass seine Arbeit, die unmittelbaren Kontakt mit den Kranken und das Eingebundensein in den normalen Alltag der Bevölkerung bedeutet, meist etwas zutiefst Befriedigendes hat. Diese Arbeit, die sich nicht in Mühsal und Frohn erschöpft, macht auch nicht krank.

 

Deutsches Hygiene-Museum: Ausstellung „Arbeit. Sinn und Sorge“ bis 11. Juli 2010, Lignerplatz 1, 01069 Dresden

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 17/2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben