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Leben 24. April 2010

George darf leben

Vergangenes Wochenende war Welt-Versuchstiertag. Da wurde uns wieder einmal unser Unbehagen vor Augen geführt, wie wir mit Tieren umgehen. Die ambivalenten Ansätze unserer Gesellschaft bei Tieren, die sich zwischen fundamentalem Tierschutz und Versuchen mit Menschenaffen bewegen, spiegeln sich auch in der EU-Gesetzgebung wider: Einerseits soll bis 2018 die biologische Wirkung sämtlicher Industriechemiekalien erfasst werden (REACH-Verordnung), was die Zahl der Opfer unter den Versuchstieren drastisch erhöhen wird, und andererseits dürfen für Kosmetikprodukte ab dem Jahr 2013 keine Tierexperimente mehr durchgeführt werden.

In der Praxis kann es schon einmal zu überraschenden Wendungen zugunsten der Versuchstiere kommen: Ein guter Freund verdiente sich einst als Kardiologe in einem großen österreichischen Krankenhaus die ersten Impact-Punkte, indem er Atherosklerose in Mäusearterien erfasste. Dabei wurden die Nager auseinandergenommen, die Plaques millimetergenau vermessen und die Tiere wieder zusammengenäht. Dies funktionierte ein bis drei Mal, danach trat naturgemäß eine letale Infektion oder Thrombose auf und das Versuchstier musste ersetzt werden.

Wir Europäer haben ein ambivalentes Verhältnis zu unseren Tieren.

Die Versuchsreihe war aus wissenschaftlicher Sicht durchaus ein Erfolg. Zumindest bis eine einfühlsame Mitarbeiterin anfing, den Tieren Namen zu geben. Danach hieß es nicht mehr: „Bei Objekt 364 konnten wir bis zum Exitus ein mäßiges Plaquewachstum verzeichnen", sondern stattdessen „George hat schlecht geschlafen" oder „Izzie hat wieder nicht aufgegessen" (bemerkenswerterweise wurden Namen aus Ärzteserien bevorzugt).

Plötzlich wurde man im Labor mit dem Aufschneiden der Tiere zögerlicher, und wenig Erfolg versprechende Versuchsreihen wurden kurzerhand ausgesetzt.

Vielleicht ist das ein Rezept und wir brauchen statt ausschweifender Gesetze gegen Tierversuche (die ohnehin kaum kontrollierbar sind) nur ein einziges Gebot: Gebt den Labormäusen Namen!

Raoul Mazhar

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