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Foto: wienholding
 
Leben 21. April 2010

Ein Muster an Großzügigkeit und Transparenz

Das Wiener Stadthallenbad wird umgebaut und öffnet sich auch für Rollstuhlfahrer.

Schwimmbäder dienen der Gesunderhaltung. Das hatte schon Julius Tandler erkannt. Der Arzt und sozialdemokratische Stadtrat für Wohlfahrtswesen ließ Anfang des vorigen Jahrhunderts in den Wiener Bezirken Kinderfreibäder bauen – als ein Mittel zur Vorbeugung gegen Lungenkrankheiten und Rachitis. Wien hat von allen Hauptstädten der Welt die meisten Badeanstalten. Das größte Hallenbad der Stadt, das Stadthallenbad, schließt nun ab 1. Mai wegen Renovierungsarbeiten für eineinhalb Jahre. Wir haben dem schönen Bau von Roland Rainer noch einmal besucht, denn er wird zum Teil geändert werden.

 

Das Wiener Stadthallenbad wurde 1974 feierlich mit der Austragung der Schwimmeuropameisterschaft eröffnet. Bei der Planung des Bads wurde an den Sportler gedacht, auch an den Freizeitschwimmer, doch an einen Badegast überhaupt nicht: den Rollstuhlfahrer. Nirgends gibt es einen Lift. Dafür umso mehr Stufen, denn Roland Rainer (1910 – 2004) hat das Bad in mehreren Geschossen angelegt. So war das Bad bisher tabu für gehbehinderte Menschen. Doch das wird sich mit dem Umbau ändern. Der beauftragte Architekt Georg Driendl wird den Eingang des Bads vom Vogelweidplatz an die Hütteldorfer Straße verlegen und ihn auch mit einem Lift ausstatten. So wird sich das Bad auch für Rollstuhlfahrer öffnen. Oder anders ausgedrückt: Ein Missstand wird endlich korrigiert.

Der Umkleidebereich ist jetzt noch nach Geschlechtern getrennt. Er wird einem einheitlichen Raum mit Kabinen weichen müssen. Dieser Bereich befindet sich im Bauch des Bads, und das heißt, unmittelbar darüber ist das Schwimmbecken. Das mag dem Statiker einige Bewunderung entlocken ob der gewaltigen Kräfte, die die Unterkonstruktion auszuhalten hat. Wer zu klaustrophobischen Ängsten neigt, sollte besser gar nicht wissen, dass sich direkt über seinem Kopf die gewaltige Wassermenge von immerhin 3.800 Kubikmetern befindet.

Roland Rainer hat das Stadthallenbad quasi in die Tiefe gebaut. Oben befinden sich Schwimm- und Kinderbecken, darunter das Trainingsbecken und der Saunabereich und ganz unten die Garderobe und die Haustechnik. Zu dieser Bauweise war der Architekt gezwungen, weil ihm nur wenig Platz zur Verfügung stand.

Das Ausweichen nach unten, ins Bodeninnere, ist nicht frei von einer gewissen Pikanterie. Hat doch Rainer, als Architekt, Hochschulprofessor und Wiener Stadtplaner (1958-63), sich stets leidenschaftlich gegen Hochhäuser ausgesprochen. Für ihn der Inbegriff einer lebensfeindlichen Wohnform.

Ein Wellness-Bereich kommt

In der zweiten Ebene befindet sich der Saunabereich. Wer ihn betritt, begibt sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Hier erinnert die Sauna noch ganz an eine Holzhütte. Und ein Aufguss wird wie ehedem mit Saunabottich und Holzkelle gemacht. Vom Liegestuhl schaut der Saunagast auf eine leere Wand, wenn nicht auf einen Betonpfeiler. Ein Vergessen des Alltags, ein Hinübergleiten in andere Sphären ist hier nur möglich, wenn man die Augen schließt. Das Ambiente ist, freundlich ausgedrückt, nicht mehr zeitgemäß, Welten trennen es von den Anlagen moderner Wellnesshotels. Um Anschluss an die Moderne zu finden, soll hier denn auch ein Wellness-Bereich einziehen. Wie der aussehen wird, das kann auch die Bademeisterin nicht sagen, die hier Dienst tut.

Die Erneuerung der Hautechnik wird den Hauptteil der Generalsanierung ausmachen, für die die Stadt Wien als Eigentümer immerhin 17 Millionen Euro bereitstellt. Die Substanz des Bads soll dagegen unangetastet bleiben. Und mit Substanz ist in erster Linie der Schwimmbereich gemeint, mit einem 50 Meter langen Becken (diese Länge hat kein anderes Hallenbad in Wien zu bieten) und einer bis weit nach oben offenen Halle, deren auffälligstes Merkmal ist, dass die Stahlträger und Lüftungskanäle nicht etwa versteckt, sondern offen ausgestellt werden. Ganz ähnlich wie beim Centre Pompidou in Paris. In Architekturkreisen wird das Wiener Schwimmbad denn auch gerne mit dem zur etwa gleichen Zeit fertiggestellten Pariser Kunst- und Kulturzentrum verglichen.

400.000 Besucher im Jahr

Der Badegast genießt die wunderbare Großzügigkeit und Transparenz der Schwimmhalle. 400.000 Besucher kommen jährlich ins Stadthallenbad, Schulklassen und Seniorengruppen, Schwimmschüler und Sportschwimmer. Wien ist die Hauptstadt mit den weltweit meisten Badeanstalten. Das Stadthallenbad wird nach den Umbauarbeiten Österreichs modernstes Hallenbad sein – das dann auch Behinderten offen steht.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 16 /2010

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