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Foto: Mag. Wenzel Müller
Wir lieben unsere Autos, so sehr, dass wir schon gar nicht mehr die Gefahren sehen, die von ihnen ausgehen.
Foto: aus dem besprochenen Buch

Virus Auto: Die Geschichte einer Zerstörung Knoflacher, Hermann 200 Seiten, € 19,95 Verlag Carl Ueberreuter, 2009 ISBN 9783800074389

 
Leben 13. April 2010

„Aus einer Welt für Menschen wird eine Welt für Autofahrer“

Die Kehrseite des Faszinosums Auto.

Die Schweinegrippe ist kein Thema mehr. Das „Virus Auto“ sollte es aber sein, betont Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien, in seinem neuen Buch mit dem gleichnamigen Titel.

Stellen Sie sich eine Fabrik vor, die jeden Tag 2 Millionen Tonnen Erdöl verbrennt. Hätte sie Chancen, sich in der Nähe einer Gemeinde niederzulassen? Natürlich nicht, und aus guten Gründen nicht. Schließlich würde diese Fabrik eine ernsthafte Gesundheitsgefährdung darstellen.

Eine neue Spezies

Doch just diese Gefährdung geschieht Tag für Tag, nur ist der Übeltäter nicht eine Fabrik, sondern der normale Autoverkehr. „Auf einer Autobahn mit 20.000 Fahrzeugen täglich werden pro Kilometer rund zwei Millionen Tonnen Erdöl verbrannt und die Verbrennungsabgase in die Umgebung freigesetzt“, schreibt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien, in seinem neuen Buch „Virus Auto“. Warum wird dieses Übel mehr oder weniger klaglos hingenommen, sieht man einmal von den notorischen Protesten der Anwohner entlang der Brennerautobahn ab?

Ein wesentlicher Grund ist sicherlich, dass die Opfer zugleich die Täter sind. Fast jeder Haushalt verfügt heute über ein Auto, und der Autofahrer lässt sich nicht gerne in seinen Freiheiten einschränken. Knoflacher sieht hier ein grundlegendes Problem: Nach Ansicht des Hochschulprofessors sind wir vom Virus Auto bereits so sehr infiziert, dass wir die Gefahren, die von ihm ausgehen, gar nicht mehr wahrnehmen. Der Mensch fühle und handle nicht mehr als Mensch, der sich am Gemeinwohl orientiere, sondern nur noch als Autofahrer, dem es allein um seine Partikularinteressen gehe.

Das ist ein radikaler Befund. Der Wiener Verkehrsexperte diagnostiziert so etwas wie eine Wesensveränderung, das Aufkommen einer neuen Spezies. Der Mensch sei zum Autofahrer mutiert. Das konnte freilich nur geschehen, weil das Auto etwas ungemein Verführerisches hat. Erfüllt es doch eine Art Menschheitstraum: Bei minimalem Körpereinsatz erreichen wir mit unserem fahrbaren Untersatz ein Vielfaches der Geschwindigkeit, und dabei kann sich leicht ein Gefühl des Dahinschwebens und der Schwerelosigkeit einstellen. Außerdem verleiht uns das mit fossiler Energie angetriebene Automobil Stärke und Ansehen, davon sind wir zumindest überzeugt.

Diese schönen Momente machen uns blind für die Kehrseite des Autos, dafür, dass von Dahinschweben gerade im Stadtverkehr häufig nicht die Rede sein kann, da kriechen wir vielmehr von einer roten Ampel zur nächsten, wenn wir nicht ohnehin im Stau stecken. Und auch dafür, dass der Autoverkehr jährlich Tausende von Verletzten und Toten fordert.

Die Innenstädte veröden

Knoflacher schreibt, dass das Auto nicht nur Menschenleben auf dem Gewissen habe. Seiner Ansicht nach ist es auch dafür verantwortlich, dass unsere Innenstädte immer mehr veröden und gleichzeitig die Gebiete am Stadtrand unsäglich hässlich werden, mit gleichförmigen Supermärkten und großen Parkplätzen davor. Der Mensch gehe nicht mehr zu Fuß zum Einkaufen, in den Laden um die Ecke, sondern er lege die vielleicht 1, 5 km zum nächsten Supermarkt mit seinem 1,5 Tonnen schweren Fahrzeug zurück (Der erste VW Golf, schreibt Knoflacher, wog noch 750 kg, der heutige wiegt schon 1,6 Tonnen, und er fragt, ob das wirklich ein Fortschritt ist). Um den Preis freilich, dass dabei die bekanntlich gesundheitsförderliche Bewegung etwas zu kurz kommt. Doch zum Ausgleich gibt es ja die Fitnessstudios – zu denen er selbstredend wieder mit dem Auto fährt.

Unser Sinnesapparat ist evolutionär auf Fußgängergeschwindigkeit ausgelegt. Daher stellen schon wenige Stundenkilometer für den Menschen eine latente Überforderung dar, das erkennt sofort, wer in die angespannten und nervösen Gesichter der Autofahrer gerade im Stadtverkehr blickt.

Doch alle Bemühungen um Geschwindigkeitsbegrenzung schlagen bei uns fehl, obwohl sie eine wirksame Maßnahme zur Reduktion des Schadstoffausstoßes und des Lärms wäre, eine viel wirksamere als jede technische Innovation. Denn, so schreibt der Verkehrsexperte: „Der Energieaufwand eines bewegten Objekts steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit“. Und: „Schall steigt vor allem mit der Geschwindigkeit, während er mit der Menge nur logarithmisch zunimmt.“

Vernunft und nüchterne Betrachtung haben, wie es scheint, keine Chance gegen die Verführungskraft des Autos. Ungehemmtes Autofahren ist in unserer Welt wichtiger als der Schutz des Lebens und der Gesundheit. Aus einer Welt für Menschen wird, wie Knoflacher schreibt, eine Welt für Autofahrer: „Es wird überholt, wo es riskant ist, aufgefahren, so nahe es geht, mit der Lichthupe die Vorausfahrenden zur Seite gescheucht, gehupt, andere Lenker geschnitten, all das gemacht, was beim Menschen, machte er Vergleichbares, zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen würde. Asoziales Verhalten ist durch das Auto zur Norm geworden.“ Seine Diagnose mit anderen Worten: „Der Autobenutzer ist daher eine Art Krebszelle für den größeren Organismus der Gemeinschaft und zerstört im Eigeninteresse das Größere, Gemeinsame, ohne sich dessen bewusst zu werden.“

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 15 /2010

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