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Foto: aboutpixel.de / Es weihnachtet sehr... © pfirsichmelba / PhotoDisc / Ärzte-Woche-Montage
Nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über werden auf den Stationen von Ordensspitälern Kerzen angezündet, um eine Atmosphäre zu schaffen, die Geborgenheit und Religiosität vermittelt.
 
Leben 18. Dezember 2008

Zeit menschlicher Standortbestimmung

Warum die katholische Kirche gerne mal Gandhi zitiert.

„Oh du fröhliche...“ – Weihnachten ist wie kaum eine andere Zeit des Jahres eine emotionalisierende Zeit. Am härtesten trifft es Menschen, die krank und einsam sind. Konfessionelle Krankenhäuser sind bemüht, ihren Patienten die Fortführung gewohnter Traditionen zu bieten.

 

Wer nur auf sich gestellt ist, fühlt sich zu Weihnachten noch einsamer. Die „stillste Zeit des Jahres“ ist im Dienste der Wirtschaft zur Karika- tur ihrer selbst mutiert, und – in Abwandlung – wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. In dieser Zeit gewinnt auch das Bewusstsein über Gesundheit und Krankheit, Spiritualität und Glaube eine besondere, oft intensive Dimension. Viele Menschen leiden, weil sie Krankheit nicht in ihr Leben integrieren können, weil ihnen Verständnis und Einsicht fehlen.

Im Ärzte-Woche-Gespräch (siehe Ausgabe 49) hatte Prof. DDr. Matthias Beck, Institut für Moraltheologie der Universität Wien, sowohl für Mediziner als auch die Kirche eine umfassendere Ausbildung und damit ein besseres Verständnis für die Standpunkte des Gegenübers angeregt: „Ich versuche, den Medizinern zu sagen: Ihr braucht ein größeres Weltbild, das Mensch-Maschinen-Bild ist etwas zu klein.“ Der Kirche legt Beck eine intensivere naturwissenschaftliche Ausbildung nahe, zumindest für jene Priester, die in den Dialog mit Naturwissenschaften treten.

Arzt und Priester in einer Person

Oberarzt Dr. Ignaz Hochholzer vereint in seiner Person Priester und Naturwissenschaftler und arbeitet bei den „Barmherzigen Brüdern“.

„Diesen absoluten Atheisten oder Agnostiker gibt es – glaube ich – nicht: Im tiefsten Wesen hat jeder Mensch etwas, wo er merkt, wir gehen über diesen Körper, das Somatische, über unsere Natur hinaus.“

Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder im zweiten Wiener Gemeindebezirk besteht seit fast 400 Jahren, exakt seit 1614, und wurde von dem aus Mailand stammenden Arzt und Barmherzigen Bruder Gabriel Ferrara gegründet. Die Barmherzigen Brüder sind somit das älteste Krankenhaus Wiens. Ignaz Hochholzer ist in der internen chirurgischen Ambulanz tätig.

Wie kam es zu dieser Vereinigung zweier Berufe? Ist der Lebensweg das, was man Berufung nennt? „Es ist ein persönlicher Weg. Ich stamme aus einer Landgemeinde von einer gläubigen Familie, in der ich sehr traditionell katholisch aufgewach-sen bin. Dadurch habe ich den Weg in ein sogenanntes ‚Spätberufenen-Seminar’ im Canisiusheim in Horn (NÖ) gefunden, in dem ich die Oberstufe absolviert habe und wo die Prägung vorherrschte, den Priesterbe-ruf zu fördern oder zumindest ein katholischer Familienvater zu werden. Ich konnte mich aber damals für den Priesterberuf noch nicht entscheiden, weil ich unsicher war, vor allem auch, weil mir diese eine Richtung alleine zu theoretisch vorgekommen ist. Ich wollte etwas Fassbares machen und habe dann im Zivildienst das Glück gehabt, in dieses Krankenhaus zu kommen. Die Tätigkeit als Stationsgehilfe und das Umfeld haben mir sehr gefallen, haben mich irgendwie erfüllt, und so habe ich angefragt, ob ich ein Zimmer haben und weiterhin bleiben kann, wenn ich Medizin studiere. So habe ich Medizin studiert und bin sehr gut in die Thematik hineingewachsen. Der Krankenhausalltag prägte mich, ich wurde Arzt und spezialisierte mich nach dem Turnus zum Allgemeinmediziner auf Interne Medizin. Im Laufe der Jahre ist der Wunsch oder der konkrete Gedanke an das Priestertum gekommen – wobei ich immer ein Interesse an Theologie hatte. Prinzipiell ist es ja nicht üb-lich, dass jemand einen anderen Beruf neben dem Priestertum ausübt, aber das ist immer eine Entschei-dung des zuständigen Bischofs. So kam es, dass ich neben meiner ärztlichen Tätigkeit auch noch den Priesterberuf erlernt habe und ausübe – hier im Haus und in der Dompfarre St. Stefan.“

„Ein Christ sollte wie der Duft einer Rose sein“

Im medizinischen Alltag beschreibt sich Hochholzer „in erster Linie“ als Arzt. Vor der täglichen ärztlichen Arbeit zelebriert er um sechs Uhr morgens eine Messe und am Abend ist er wieder als Priester tätig. Wie andere Ärzte, die neben ihrem Spitalsdienst eine Ordination haben, in ein Privatspital gehen oder Vorträge halten, verbringt Hochholzer „diesen Einsatz als Priester“.

Er mache keinen großen Wirbel darum, dass er auch Priester sei: „Es gehört auch zum Wesen der Kirche, dass sie nicht mit Plakaten und Anschriften arbeiten soll, sondern es sollte aus ihrem Wesen heraus spürbar werden. Gandhi hat gesagt, der Christ sollte wie eine Rose sein, sollte nicht herumgehen und predigen und groß Wasser machen, sollte wie der Duft der Rose sein: Anmut und Wohlgefallen sollen die Menschen anziehen.“ Darum fühle sich Hochholzer auch nicht verpflichtet, „dass ich mir ein Karterl umhänge, auf dem steht: Priester und Arzt – oder unbedingt den Priesterkragen trage.“

Gesinnung versus Rechenstift

Ein konfessionelles Kranken-haus sei einerseits ein normales Krankenhaus wie jedes andere auch, das den Rechenstift ansetzen müsse. Andererseits sei man eine Einrichtung der katholischen Kirche: Dadurch wird eine christliche Gesinnung und Haltung in das Spitalswesen eingebracht, wonach „der Rechenstift nicht absolut zu neh- men ist und Medizin auch ange-wandt werden muss für diejenigen, die kein Geld dafür einsetzen können“, so Hochholzer.

„Wir wollen den Patienten im Wesentlichen immer so sehen, wie ihn Jesu gesehen hat – zugegeben ein hoher Anspruch.“

Krankenhäuser als Einrichtun-gen der Kirche sind zu einer Zeit entstanden, als der Sozialstaat nicht so ausgeprägt war, wie es heute in Österreich der Fall ist. Die Kirche böte aber immer soziale Tätigkeiten an, weil es zu ihrem Wesen gehöre, meint Hochholzer. Die katholische Kirche verwirkliche sich in drei wesentlichen Bereichen, der Verkündigung des Wort Gottes, die Liturgie und drittens dadurch, was in Krankenhäusern, Schulen oder anderen sozialen Einrichtungen erlebt werden kann, „wo die katholische Kirche, angetrieben von der Liebe Gottes, den Menschen begegnet“. Damit sei auch das Motiv gegeben, warum die katholische Kirche Krankenhäuser betrei-be. Wenn der Staat es beispielsweise aus humanistischen Gründen genauso gut mache, weil dem Staat das Sozialwesen so wichtig sei, dann könne sich die Kirche um andere Bereiche kümmern.

Gesunde Konkurrenz

Wie wird spürbar, dass man sich in einem von einem konfessionellen Träger geführten Spital befindet? „Das ist eine sehr gute Frage, weil es hier in Wien Spitalsbetreiber gibt (z. B. die Gemeinde Wien, Anmerkung), die exzellente Medizin betreiben, eine sehr humane Medizin. Man kümmert sich auch um spirituelle und religiöse Aspekte durch Seelsorgeteams – das ist gleichsam eine gesunde Konkurrenz, der sich die Betreiber katholischer Krankenhäuser stellen können. Es gibt in Wien acht Ordenskrankenhäuser. Hier einen Unterschied herauszuarbeiten, das wollen wir in einer gesunden Konkurrenz tun: Wir wollen diese (Gemeindespitäler) nicht übertreffen, weil die Standards in den Gemeindespitälern sehr gut sind. Natürlich haben wir diese alte Tradition, dass wir den Patienten im Wesentlichen schon immer sehen wollen wie Christus – der Fremde, der Arme –, weil Christus hat gesagt: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder oder Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Das ist einmal dieser hohe Anspruch, wie wir den Menschen sehen, was natürlich für alle gilt, ganz gleich welcher Religion, Herkunft etc. Das ist unser Ziel. Natürlich ist das im konkreten Alltag nicht immer leicht“, sagt Hochholzer.

Weihnachten verdeutlicht Tradition

Weihnachten macht viele christliche Werte, die Tradition deutlich: Man bemühe sich, weihnachtliches Flair aufkommen zu lassen, Adventkränze werden auf allen Stationen verteilt. Das ganze Jahr über werden auf den Stationen am Freitag um 15.00 Uhr zur Sterbestunde Jesu Kerzen angezündet, am Sonntagvormittag zur Zeit der Messe, aber auch immer, wenn ein Patient stirbt. Das, so Hochholzer, sei der Unterschied zu Gemeindekrankenhäusern: Durch viele kleine Momente auch äußer-lich eine Stimmung aufkommen zu lassen, durch Geborgenheit, Atmosphäre und auch durch Hinweise auf das Religiöse, auf „unseren Glauben, ohne jetzt Anders- oder Nichtgläubige vor den Kopf zu stoßen“. Zu Weihnachten wolle man diese kleinen Momente ganz besonders durch vermehrten Besuchsdienst von Bett zu Bett, durch Chöre oder eine kleine Bescherung betonen.

In Österreich gibt es 31 Ordensspitäler. Die männlichen und weiblichen Ordensgemeinschaften als Träger von Gesundheitseinrichtungen sind seit 1978 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, deren Mitglieder die Rechtsträger der österreichischen Ordensspitäler sind. Seit vielen Jahren wurde und wird – aufgrund einer finanziellen Schlechterstellung gegenüber öffentlichen Spitälern – eine Gleichbehandlung mit öffentlichen Spitälern gefordert. Schlagwort: „Beweis für den Effizienzvorsprung der Ordensspitäler – leistungsgerechte Finanzierung dringend nötig“, so Provinzial HR P. Leonhard Gregotsch, Leiter der Arbeitsgemeinschaft der Ordensspitäler Österreichs. Das wird nicht zuletzt untermauert durch eine IHS-Studie über die Spitalsfinanzierung in Österreich aus 6/2008. Zitat IHS: „Die Ordensspitäler müssen das öffentliche Gesundheitssystem mitfinanzieren und dafür zahlen, um Menschen helfen zu dürfen.“

 Linktipps: www.vinzenzgruppe.at www.ordensspitaeler-austria.at

Effizienzvorsprung der Ordensspitäler
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Nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über werden auf den Stationen von Ordensspitälern Kerzen angezündet, um eine Atmosphäre zu schaffen, die Geborgenheit und Religiosität vermittelt.

Foto: Privat

Oberarzt Dr. Ignaz Hochholzer Arzt im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, und Priester

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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