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Foto: Alexander Ginzel
 
Leben 30. März 2010

„Der Mensch ist ja letztlich das Interessanteste“

Gespräch mit Kurt Kaindl, dem „Chronisten des europäischen Alltags“.

Er ist promovierter Germanist, doch das Hauptbetätigungsfeld von Kurt Kaindl ist heute die Fotografie. Er leitet die Salzburger Galerie Fotohof und arbeitet selbst als „künstlerischer Dokumentarfotograf“. Mit seinem Freund, dem Schriftsteller Karl-Markus Gauß, besuchte er über acht Jahre zwölf verschiedene Völker – Die unbekannten Europäer gehört zu seinen namhaften Projekten.

 

Kurt Kaindl wurde 1954 in Gmunden geboren. Heute lebt er als Fotograf, Fotokurator und freier Medienwissenschaftler in Salzburg.

 

Herr Kaindl, Sie sind in den letzten Jahren mit Karl-Markus Gauß in ganz Europa herumgereist, um die Aromunen, Sepharden, Gottscheern, Arbereshe und andere vergessene Völker zu besuchen. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller?

Kaindl: Zu zweit unterwegs sein und gemeinsam arbeiten heißt: sich viel austauschen zu können. Kamen wir neu in ein Dorf, zog es mich vielleicht als Erstes auf den Marktplatz, wo viele Menschen waren. Und Karl-Markus Gauß vielleicht auf einen Hügel, damit er sich einen ersten Überblick verschaffen oder einfach seine Gedanken ordnen konnte.

Wir kamen in ganz entlegene Gegenden. Ich fiel mit meiner großen Kamera viel weniger auf als Gauß mit seinem kleinen Notizbuch. Dass ein Fremder Fotos macht, das finden die Leute nicht außergewöhnlich. Aber dass einer an der Straße steht und dauernd etwas in sein Büchlein einträgt, das fanden sie höchst suspekt.

 

Sie haben mehrere und dafür jeweils eher kurze Reisen gemacht. Warum nicht stattdessen eine große und lange?

Kaindl: Ich teile nicht die Ansicht vieler Fotografen, die meinen, man müsste mit den Menschen, die man fotografieren möchte, besonders eng zusammenleben und gewissermaßen Teil ihrer Gesellschaft werden. Ich sehe die Gefahr, dass man in diesem Fall blind wird für die Besonderheiten dieser Menschen. Als Fotograf möchte ich gerne draußen bleiben. Dinge fallen mir eher auf, wenn sie in großem Kontrast zu meinem normalen Leben stehen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Je länger ich in der Fremde bin, desto weniger erkenne ich mit der Zeit den Kontrast. Deshalb bin ich eher für kleine Zeiteinheiten, sie halten den Blick frisch. Wir kennen das ja alle vom Urlaub: Die ersten zwei Tage in dem fremden Land sind unheimlich aufregend, allmählich kehrt dann der Alltag ein.

 

Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Menschen? Wie gehen Sie vor, wenn Sie sie fotografieren?

Kaindl: Ich arbeite mit relativ großen Kameras und mit Weitwinkelobjektiven. Das bedeutet zweierlei. Erstens: Die Leute bekommen mit, dass ich sie fotografiere. Und zweitens: ich fotografiere sie aus nächster Nähe, aus einer Gesprächsdistanz. Beides ist mir sehr wichtig.

Meine Mittelformatkameras sind Sucherkameras, das heißt, ich blicke beim Fotografieren durch ein kleines Fenster. Und das heißt wiederum: Ich bin als Fotograf komplett sichtbar – und verstecke mich nicht hinter der Kamera, wie das bei Spiegelreflexkameras unweigerlich der Fall ist.

Ich dirigiere die Leute nicht. Ich sage nur, dass ich sie gerne in einer Umgebung fotografieren möchte, die aussagekräftig ist. Sehr oft frage ich auch, ob sie einen Ort vorschlagen möchten.

Ich halte wenig von unbemerkten Schnappschüssen und schon gar nichts von Aufnahmen wie ein Paparazzi. In den Zufällen, die man da aufschnappt, ist nicht viel Wahrheit. Viel mehr Wahrheit ist in dem, wie sich die Leute darstellen – ob sie vor der Kamera posieren und sich sozusagen „in Schale werfen“ oder betont lässig wirken wollen. Gerade das finde ich spannend.

 

Wissen Sie bereits im Moment der Aufnahme, ob das Foto gelungen ist?

Kaindl: Nein, das weiß ich nicht. Ich habe nicht wie bei der Digitalkamera die Kontrolle durch den Monitor. Aber gerade das schätze ich. Ich habe den Eindruck, das macht mich als Fotograf wacher und aufmerksamer. Ich bin darauf angewiesen, genau zu schauen. Dieser leichte Adrenalinstoß, den man hat, wenn man erkennt, das ist gerade ein seltener Augenblick und wenn ich den jetzt verpasse, ist die Gelegenheit vorbei und nicht wieder herzustellen – diese Aufregung ist durchaus Teil des Vergnügens.

 

Haben Sie grundsätzliche Vorbehalte gegen die digitale Fotografie?

Kaindl: Nein, gar nicht. Ich habe selbst digitale Kameras und verwende sie auch, insbesondere dann, wenn ich Fotos für Zeitungen mache. In meiner künstlerischen Arbeit bevorzuge ich allerdings Schwarz-Weiß-Bilder. Ich habe ein eigenes Labor mit guten Geräten. Von der Negativentwicklung bis zur Vergrößerung mache ich alles selbst. Der vielstufige Prozess ist mir sehr wichtig. Ich kann stundenlang über den Kontaktkopien sitzen und auf ihnen anzeichnen, welche Negative ich entwickeln möchte, mit welchem Ausschnitt und ob weich oder eher hart. Diese Einflussmöglichkeit schätze ich sehr, aber sie ist nicht mit irgendwelchen Bildmanipulationen zu verwechseln. Gerade Fotoamateure finden es toll, wenn sie Gesichter wegretuschieren können, doch das interessiert mich nicht. Mir geht es vor allem darum, die Stimmung im Bild wiederzugeben, die ich selbst erlebt habe.

 

Für Sie muss es also ein sehr aufregender Moment sein, wenn Sie Ihre Negative zum ersten Mal in den Händen halten.

Kaindl: Ja, das ist sehr aufregend. Ich fotografiere ja nun schon seit meiner Mittelschulzeit, doch ich muss sagen, die Dunkelkammer hat für mich nichts von ihrem Zauber verloren. Ein kleiner Raum, in dem meist etwas Wasser plätschert und wo es rot leuchtet. Das hat für mich – vielleicht klingt das kitschig – fast etwas von einem Mutterleib. Und in dieser Kammer arbeitet man und fühlt sich ein bisschen wie ein Alchemist.

 

Sie fotografieren gerne Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Würde es Sie auch reizen, einmal die Reichen und Schönen zu porträtieren?

Kaindl: Zunächst: Menschen waren nicht immer mein Thema. Eines meiner ersten Bücher, Wurzmühle (1994), handelt von einer alten Papiermühle im Waldviertel. In diesem Buch ist nur eine Person abgebildet, der Besitzer der Papiermühle. Ansonsten zeige ich „schöne“ Bilder, Stillleben von alten, aus Holz gebauten Maschinen. Mein Interesse am Menschen ist erst später erwacht. Und heute denke ich: Der Mensch ist ja letztlich das Interessanteste. Man kann wunderbare Landschaftaufnahmen machen und herrliche Stillleben, aber was uns wirklich interessiert, das sind Menschen. Jetzt versuche ich, in jeder Arbeit, die ich mache, den Menschen drinnen zu haben.

Es stimmt: Mich interessieren die einfachen Leute mehr als die berühmten und reichen. Warum das so ist, weiß ich jetzt gar nicht zu sagen. Ich könnte mir im Augenblick jedenfalls nicht vorstellen, eine kritische Arbeit über Reiche zu machen. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, eine affirmative über sie zu machen.

 

 

Das Gespräch führten Dr. MMag. Alexander Ginzel und Mag. Wenzel Müller

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