zur Navigation zum Inhalt
Foto: Horst Lang
Auf einer Halde am Bahnhof Essen-Bergeborbeck.
 
Leben 23. März 2010

Stadt unter Dampf

Nach Linz ist heuer Essen die Kulturhauptstadt Europas.

„Wandel durch Kultur – Kultur im Wandel“, unter diesem Motto steht das Programm der diesjährigen Kulturhauptstadt. Dazu gehört auch ein Blick zurück in jene Zeiten, als sich in und um Essen noch die größte Kohlenzeche des Kontinents befand. Die Fotos von Horst Lang halten die Erinnerung wach.

 

Im letzten Jahr Linz, in diesem Jahr Essen: Wer zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wird, hat das in gewisser Weise auch nötig. Undenkbar, dass dieser Titel an Paris, Wien oder London vergeben würde. Das sind ja bereits ausgewiesene Kulturmetropolen, sie haben es nicht nötig, mit einem Kulturprogramm auf sich aufmerksam zu machen. Sie bedürfen keiner Werbung, Essen (wie Linz) dagegen schon.

Mag auch die Schwerindustrie für die oberösterreichische Landeshauptstadt nicht mehr die Bedeutung haben, die sie einmal hatte, so ist Linz dennoch im Bewusstsein der Allgemeinheit nach wie vor die exemplarische Stahlarbeiterstadt. Dabei ist die Stadt längst ein Zentrum für moderne Technologien, auch was die Kunst betrifft (Ars electronica). Ähnliches gilt für Essen: Mit der Stadt und überhaupt dem Ruhrgebiet verbinden wir vor allem Bilder von rauchenden Schloten und Männern mit kohleverschmierten Gesichtern. Doch wo einst Zechen standen, sind heute Museen.

Beide Städte sind seit längerem in einem Umbruch. Das ist auch ein wesentlicher Grund, wieso sie zur Kulturhauptstadt ernannt wurden. Dieser Prozess der Umstrukturierung soll angestoßen und nachhaltig gefestigt werden.

Autobahn für Fußgänger

Essen ist eine graue Stadt, im Würgegriff vieler Autobahnen? Um gegen dieses Klischeebild anzutreten, wird im Rahmen des umfangreichen Kulturprogramms heuer ein wichtiges Autobahnstück einen Tag lang für den Autoverkehr gesperrt – und für Fußgänger geöffnet. Die Stadt demonstriert damit: Wir sind modern! Wir haben den Mut für unkonventionelle Lösungen!

Neue Metropole Ruhr

Das Jahresprogramm von RUHR.2010, so der offizielle Titel, steht unter dem Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel.“ Erzählt wird, wie sich das alte Ruhrgebiet zur neuen Metropole Ruhr wandelt. Dazu gehört, einen Blick zurückzuwerfen, um den „Mythos Ruhr zu begreifen“ – einer der drei zentralen Programmteile.

Wie war hier früher das Leben, in der größten Kohlenzeche des Kontinents, wo nach dem Krieg immerhin ein Viertel des deutschen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet wurde? Selbstverständlich, hier wurde in die Hände gespuckt. Die Zechen förderten, die Hüttenwerke fertigten, die Schornsteine qualmten und die Feuer brannten. Das Ruhrgebiet stand förmlich und weithin sichtbar unter Dampf. Horst Lang (1931–2001) hielt dieses Leben fest, nebenher, denn im Hauptberuf war er Polizeifotograf. Er musste Leichen und Verletzte ablichten, und in seiner Freizeit, ohne Auftrag, lichtete er die Region ab, in der er wohnte. In seinen Schwarz-Weiß-Fotos kommt der Formenreichtum der gemeinhin als funktional und schmutzig abgetanen Industriearchitektur, ihrer Schornsteine und Schienenstränge, ihrer Hallen und Hochhöfen, ihrer Türme und Turbinen schön zum Ausdruck. Jahrelang arbeitete Lang mehr oder weniger für die Schublade, bis er von dem berühmten Fotografen-Ehepaar Bernd und Hilla Becher entdeckt wurde. Heute gelten seine Fotos als bedeutende Zeugnisse einer untergegangenen Zeit. „Der Betrachter kann den Eindruck gewinnen, das Ruhrgebiet zu riechen und zu schmecken“, schreibt Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seinem Vorwort. Ein schöneres Lob gibt es kaum für einen Fotografen.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 12 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben