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Fotos (3):  Nanut/Regal
Unter mysteriösen Umständen fertigten die Ivaro Indianer ihre Curare-Blasrohr-Pfeile an. ##### Köcher mit Curarapfeilen ##########.

Curare: das Gift und Heilmittel, das aus dem Amazonas-Gebiet kommt.

 
Leben 16. März 2010

„Ein Saft, der leise tötet“

Todbringendes Gift und segensreiches Medikament.

Der 23. Januar 1942 ist ein Meilenstein und Wendepunkt in der Geschichte der Anästhesie. An diesem Tag revolutionierten die kanadischen Anästhesisten Harold Randall Griffith (1896–1985) und Enid Johnson (1909–1972) die bis dahin gängige Praxis, mit einem einzigen Inhalationsnarkotikum – meist Äther – zu anästhesieren. Sie verabreichten zusätzlich das indianische Pfeilgift Curare zur Muskelerschlaffung. Ein bereits seit Jahrhunderten bekanntes Gift, das schon in geringen Mengen durch Atemlähmung tötet. Mit diesem Gift konnten die beiden Anästhesisten die bisher notwendige und oft gefährliche Narkosetiefe verringern und überdies dem Chirurgen durch Erschlaffung der Muskulatur hervorragende Operationsbedingungen schaffen. Voraussetzung dafür war allerdings die – damals noch nicht weit verbreitete – sichere Beherrschung der künstlichen Beatmung während der Operation.

 

Mit dem geheimnisumwitterten Gift Curare hatten die Europäer bereits auf der ersten Reise des Christoph Kolumbus im Jahr 1492 recht unerfreulichen Kontakt. Einige Mitglieder der Mannschaft starben nach Scharmützeln mit den Eingeborenen an scheinbar harmlosen Verletzungen durch deren Pfeile. Das erweckte bei den nachfolgenden Forschungsreisenden in das Amazonasgebiet natürlich großes Interesse. Da aber die Eingeborenen die Zusammensetzung und Zubereitung ihres zur Jagd verwendeten Pfeilgiftes sorgsam hüteten und den Konquistadoren auch unter Folter das Geheimnis ihrer tödlichen Giftpfeile und auch das eines Gegenmittels – das sie allerdings selbst nicht kannten – nicht preisgaben, erschienen Jahrhunderte lang phantastische und meist irreführende Berichte über Herstellung und Zusammensetzung des Giftes.

Neben einer Reihe „todbringender“ Pflanzen enthielt es angeblich auch „Blut aus der Schlange Aspis“, „Köpfe bestimmter Ameisen, die voller Gift sind“, und viele andere schauerliche Ingredienzien. Für die Bereitung des gefährlichen Giftes sperrten die Indianer angeblich alte Frauen in Hütten ein, wo sie die geheimen Zutaten so lange kochen mussten, bis die Flüssigkeit so weit eingedickt war, dass die braune Masse auf die Pfeilspitzen gestrichen werden konnte und dort haften blieb. Wenn nach einigen Tagen dann die Hütte geöffnet wurde und die Frauen halb oder ganz tot auf dem Boden lagen, galt das Gift als sehr gut. Waren die Frauen frisch und munter, wurden sie bestraft, weil sie schlecht gearbeitet hatten. Das gilt freilich als eine von den Jesuiten erfundene Legende, da Curare nur wirkt, wenn es direkt in die Blutbahn eingebracht wird. Die mit den Giftpfeilen getöteten Tiere konnten ja, wie schon die ersten Forschungsreisenden wussten, gefahrlos gegessen werden, da das Gift über den Verdauungstrakt nicht oder nur minimal aufgenommen wird. Ob durch das Einatmen sehr hoher Konzentrationen, wie sie beim tagelangen Kochen vermutlich entstehen, Gift über die Lunge ins Blut gelangt und ebenfalls Vergiftungserscheinungen, das heißt eine Lähmung der Muskulatur, verursachen kann, gilt als unwahrscheinlich, wurde aber bisher nicht untersucht.

Der englische Seefahrer und Schriftsteller Sir Walther Raleigh war einer der Ersten, die am Ende des 16. Jahrhunderts Pflanzen und Behälter mit Pfeilgiften nach Europa brachten. Da aber damals chemische Nachweismethoden noch fehlten, mussten sich die Botaniker damit begnügen, die Pflanzen zu sammeln, zu bestimmen und zu katalogisieren. Durch einen Gefährten Raleighs kennt man heute auch die verschiedenen Namen für das Pfeilgift, von „Ourare“ und „Urari“ bis zum heute gültigen Curare. Auch der französische Forscher und Mathematiker Charles Marie de la Condamine (1701–1774) brachte von seiner 1735 gestarteten Expedition zur Meridianmessung aus Ecuador Pflanzen des Pfeilgiftes nach Europa, mit denen an der Universität Leiden Hermann Boerhaave und Gerard van Swieten an Hühnern experimentierten. Das von ihnen gesuchte Gegengift fanden sie aber nicht.

Genaue Zusammensetzung

Obwohl Curare in Europa schon lange bekannt war, wusste trotzdem noch niemand Genaues über die Zusammensetzung und Zubereitung des Giftsaftes. Der erste Europäer, der tatsächlich bei der Herstellung von Curare in der Urwaldmission Esmeralda am Orinoko dabei sein durfte, war Alexander von Humboldt (1769–1859). Im Jahr 1800 weihte ihn ein alter „Giftmeister“ in seiner als „Laboratorium“ eingerichteten Hütte in die Zubereitung des „Saftes, der ganz leise tötet“, ein. Die Extrakte aus Rinden der Art Chondodendron tomentosum, dem noch verschiedene Strychnos-Arten zugemischt wurden, konnten aber erst in späteren Jahren identifiziert werden. Die ersten pharmakologischen Untersuchungen des Giftes machte der französische Physiologe Claude Bernard (1813–1878), der von Humboldt Material zur Prüfung bekam. An Fröschen konnte Bernard 1844 zeigen, dass Curare auf die Übertragung der Reize zwischen motorischer Endplatte und Muskel wirkt. Er fand heraus, dass Curare „nur“ die willkürliche Muskulatur für Nervenimpulse unempfindlich macht, den Muskel paralysiert und der Tod durch eine Lähmung der Brust- und Bauchmuskulatur – letztlich nichts anderes als ein Ersticken bei vollständig erhaltenem Bewusstsein – eintritt. Andere Forscher wiederum stellten fest, dass Tiere die Vergiftung durch Curare mit künstlicher Beatmung ohne Schaden überlebten. Von da an begann die Suche nach sinnvollen Anwendungen von Curare in der Humanmedizin. Vereinzelt behandelten Chirurgen – übrigens manchmal sogar sehr erfolgreich – den Wundstarrkrampf mit Curare, Orthopäden probierten die Substanz bei spastischen Kontrakturen, Psychiater setzten sie zur Verhinderung von Knochenbrüchen bei Elektroschocks ein und der Chirurg Artur Läwin (1876–1958) verabreichte bereits 1912 erstmals Curare bei einer Operation, allerdings subkutan. „Die Wirkung auf die Bauchdeckennaht war sehr angenehm“, bemerkte er aus der Sicht des Chirurgen. Da zu dieser Zeit weder ein gesicherter Atemweg noch die künstliche Beatmung eines Patienten üblich waren, hatte Läwin – vor allem aber sein Patient – viel Glück, dass er trotz Curare-Injektion anscheinend weiterhin ausreichend spontan atmete.

Von historischem Interesse

Ziemlich genau 450 Jahre dauerte es noch, bis das tödliche Pfeilgift der südamerikanischen Indianer als Medikament in die klinische Routine eingeführt wurde, keine fünfzig Jahre, bis Curare durch weit nebenwirkungsärmere, aber mindestens ebenso gefährliche synthetische Substanzen ersetzt wurde. Die reversible medikamentöse Paralyse hat im Konzept der balancierten Anästhesie auch heute noch ihren Stellenwert, Curare selbst ist aber ist nur mehr von historischem Interesse.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 11 /2010

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