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Foto: Peter Schibli, Basel
„Steingutkrug“: Dieses Werk schuf Paul Cézanne 1893/94. Der französische Maler (1839–1906) gilt als Wegbereiter der klassischen Moderne.
 
Leben 2. März 2010

Als Cholesterin noch ein Fremdwort war

Augenschmaus: Ausstellung im Bank Austria Kunstforum, Wien.

Das Stillleben galt über Jahrhunderte als eine eher niedere Kunstgattung. Geht es hier doch um Alltägliches, nicht um ernste Dinge wie historische oder sakrale Darstellungen. Wie die aktuelle Ausstellung Augenschmaus zeigt, erzählen uns diese Werke mit dem Thema Essen viel über frühere Ernährungsgewohnheiten.

 

Früchte sind es, das ist klar. Aber welche? Form und Farbe deuten auf Äpfel hin. Aber es könnte sich auch die eine oder andere Nektarine darunter befinden. Von Weitem ist das nicht auszumachen, genauso wenig aber auch aus unmittelbarer Nähe. Ein Rest von Unsicherheit bleibt, was den Betrachter allerdings nicht weiter stört. Er freut sich an der Komposition. Dieses Bild „Steingutkrug“ hat Paul Cézanne 1893/94 geschaffen, der französische Maler (1839–1906) gilt als einer der Wegbereiter der klassischen Moderne: Deren Vertreter sahen die Bestimmung der Malerei nicht länger in einer möglichst genauen Reproduktion der Wirklichkeit, sondern betonten deren Eigengesetzlichkeit, das freie Spiel von Farbe und Form, die Bildrealität „parallel zur Natur“.

Fettleibigkeit war kein Thema

Cézannes Werk markiert auch in der aktuellen Ausstellung Augenschmaus eine Art Wendepunkt, die „vom Essen im Stillleben“ handelt, so der Untertitel. Bis zu diesem Werk war die im ausgehenden 16. Jahrhundert aufkommende Kunstgattung mehr oder weniger ein Schwelgen in kulinarischen Köstlichkeiten. Noch niemand sprach von gefährlichem Cholesterin, noch niemand warnte vor Fettleibigkeit, und eine im Bild dargestellte üppige Tafel galt als Ausdruck von Wohlstand und Lebensfreude. Einige Künstler versuchten sich in einer illusionistischen Reproduktion: Der Fisch und die exotische Zitrone wurden so wirklichkeitsgetreu wiedergegeben, dass dem Betrachter geradewegs das Wasser im Mund zusammenlief.

So beliebt das Stillleben in der breiten Bevölkerung war, es rangierte lange Zeit im akademischen Gattungskanon auf der untersten Stufe. Denn hier ging es um Alltägliches, nicht um ernste Themen, nicht um historische oder sakrale Darstellungen, und entsprechend wurde sie gering geschätzt. Stillleben – das hatte was mit Küche zu tun und fiel damit nach damaliger Ansicht in den Zuständigkeitsbereich der Frau, daher galt diese Kunstform über Jahrhunderte als typisches Betätigungsfeld von Malerinnen.

Wir heutigen Betrachter erfahren über die Werke, welche Lebensmittel in vergangenen Zeiten üblich waren und welche Esskultur herrschte. Dass man nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen isst, wussten offensichtlich schon unsere Vorfahren. Andernfalls hätten sie sich nicht solche Mühe für das geschmackvolle Arrangement gegeben.

Beliebtes Experimentierfeld

Weil das Stillleben lange Zeit, wie gesagt, nicht sehr geschätzt wurde, eignete es sich als paradigmatisches Experimentierfeld für Maler. Hier konnten sie neue Ausdrucksformen ausprobieren. Der Bildgegenstand war gleich-gültig, also entfaltete sich hier die autonome Malerei. Cézanne malte seine Äpfel nicht detailgenau, sondern deutete sie lediglich an. Er verschob das Interesse vom Dargestellten auf die Darstellungsweise. Die Kubisten gingen dann noch einen Schritt weiter: Sie beschränkten sich ganz auf die Wiedergabe von Formen und verzichteten somit weitgehend darauf, ihren Werken räumliche Tiefe zu geben.

Anhand der ausgestellten Werke, die eine Zeitspanne von mehr als vier Jahrhunderten umfassen, können wir nachvollziehen, wie sich die Wiedergabe der Wirklichkeit im Laufe der Zeit und Kunstgeschichte gewandelt hat. Und auch die politischen Verhältnisse sehen wir in ihnen gespiegelt: Die calvinistische Epoche propagierte Mäßigung – und auch die Stillleben fielen in dieser Zeit etwas weniger prunkvoll aus, jedenfalls in den Niederlanden.

Esstisch als Kunst

Und was Daniel Spoerri machte, das ist im Rückblick typisch für die Aufbruchstimmung der 1960er Jahren: Der Schweizer Künstler kippte den Tisch, an dem er eben noch mit Freunden gegessen hatte, um, aus der alltäglichen horizontalen Lage in die Vertikale – und erklärte ihn, Flaschen und Teller fest montiert, kurzerhand zum Kunstwerk. Die Grenze zwischen Kunst und Leben wurde kurzerhand aufgehoben. Dieses Werk ist in der Ausstellung auch zu sehen.

 

Ausstellung Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben. Im Bank Austria Kunstforum, Freyung 8, 1010 Wien, bis 30.5.2010

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 9 /2010

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