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Foto: Gerhard Roth / Franz-Nabl-Institut
Antikensammlung im Sigmund Freud Museum
Foto: Didi Sattmann / Wien Museum

Gerhard Roth, 2010

 
Leben 23. Februar 2010

Einblicke ins unsichtbare Wien

Das Wienmuseum präsentiert den Autor Gerhard Roth als Fotografen.

Sechs Semester hatte er bereits in Graz Medizin studiert. Gerhard Roth wollte genauso wie sein Vater Arzt werden. Doch dann entschied er sich anders, nämlich für den Schriftstellerberuf, was, wie wir im Rückblick und angesichts seines großen Erfolgs sagen können, nicht die schlechteste Entscheidung war. Das Wienmuseum feiert den 68-jährigen Autor in einer aktuellen Ausstellung als Fotografen.

 

Ein Schriftsteller erschafft in seinen Werken eine eigene Welt, abseits der banalen Wirklichkeit. So ist es oft, so ist es aber nicht immer. Für Gerhard Roth, 1942 in Graz als zweites Kind des Arztes Emil Roth (1912–1995) und der Krankenschwesterschülerin Erna (1917–1998) geboren, bedeutete das Schreiben auch immer Erkundung. Erkundung des eigenen Landes und dessen Geschichte. Gerade die nationalsozialistische Vergangenheit hat er in zahlreichen Büchern aufgearbeitet.

Der Blick des Fremden

Seit zwanzig Jahren erforscht Roth auch Wien, jene Stadt, in die er 1986 gezogen ist. Er bringt den neugierigen Blick des Fremden mit. Ihn zieht es vor allem an jene Stätten, die etwas abseits liegen. So besuchte er bereits den Narrenturm und das Bundes-Blindenerziehungsinstitut, das Archiv des Kunsthistorischen Museums und den Friedhof der Namenlosen. Bei seinen Recherchen hat er stets eine Kamera dabei, eine kleine Kamera, wie er im Gespräch mit der Ärzte Woche betont. Eine große Fototasche mit mehreren Wechselobjektiven, das sei nicht seine Sache! Einmal, weil ein kleiner Apparat sich für Porträtaufnahmen besser eigne als ein großer, der nur zur Distanz zwischen Fotografen und abgebildeter Person beitrage, und zum anderen, weil er seine Aufnahmen ohnehin bloß als „Fotonotizen“ verstehe, als Erinnerungsstützen, als Hilfen für das spätere Verfassen seiner Texte. Nicht viel anders hatten schon vor ihm andere Schriftsteller wie Zola, Tschechow und Arno Schmidt die Kamera als Hilfsmittel verwendet.

Eine Art begehbares Fotoalbum

Im Laufe der letzten Jahre hat Roth mehrere tausend Fotos gemacht. Eine Auswahl präsentiert nun das Wienmuseum in der aktuellen Ausstellung „Im unsichtbaren Wien“. Unsichtbar deshalb, weil auch Orte gezeigt werden, die für die Öffentlichkeit unzugänglich sind, wie beispielsweise die Depots des Naturhistorischen Museums.

Roth versteht sich nicht als künstlerischer Fotograf. Er mache seine Aufnahmen vielmehr „nebenher“ und „selbstverständlich“. Entsprechend werden seine rund 1.500 Arbeiten auch im Wienmuseum präsentiert: nicht im großen Format, nicht als auratische Werke, sondern die 10 x 15 cm großen Bilder stecken in Plastiktaschen einer mitten im Ausstellungsraum aufgebauten transparenten Membran. Eine Art begehbares Fotoalbum (Kuratorin: Susanne Winkler).

Zu fotografieren begonnen hat Roth auf seinen USA-Reisen mit Wolfgang Bauer in den frühen 1970er-Jahren. Die Fotografie sei für ihn damals eine „Notwehr gegen den Bilderstrom“ gewesen: „Ich zerlegte ihn, zerhackte ihn in einzelne Bilder.“ Die eigenen Bilder also als eine Art Hilfe, um der vielen Eindrücke Herr zu werden.

Früher sei es einfacher gewesen, in Institutionen zu fotografieren. Heute müsste oft erst ein Vertrag gemacht werden, in dem genau festgelegt wird, was abgelichtet werden darf und was nicht. Frei zugänglich sind für Roth aber nach wie vor Mauerflecken, von deren Poesie Roth begeistert ist und die er mit Leidenschaft fotografiert – er bedauert nur, dass sie im Zuge der Sanierungsarbeiten immer mehr aus dem Stadtbild verschwinden. Diese Bilder, für Roth „imaginäre Landkarten“, sind in der Ausstellung auch zu sehen.

Wienmuseum: Ausstellung „Im unsichtbaren Wien. Fotonotizen von Gerhard Roth“. Karlsplatz, 1040 Wien, bis 16. Mai 2010

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 08 /2010

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