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Fotos (2):  Nanut/Regal
Der Hochstrahlbrunnen am Wiener Schwarzenbergplatz, am 24. Oktober 1873 feierlich eröffnet: Wien erhielt kostbares Quellwasser.

Trinkbrunnen im 1. Hof des Allgemeinen Krankenhauses: Auch das Spital kam in den Genuss von Hochquellwasser. Der benachbarte Narrenturm musste dagegen noch lange Zeit ohne Kanalisation und Wasserleitung auskommen.

 
Leben 16. Februar 2010

„Diese Art der Wasserversorgung ist die einzig zulässige“

Von der „Brunnenvergiftung“ zum köstlichsten Element.

Das Wiener Wasser ist zwar weniger besungen, dennoch ebenso berühmt wie der Wiener Wein, das Wiener Blut und das geradezu berüchtigte Wiener Gemüt. Tatsächlich ist Wien weltweit die einzige Millionenstadt, in der frisches köstliches Hochquellwasser nicht aus der Flasche, sondern direkt aus der Wasserleitung kommt. Das war nicht immer so. Katastrophale hygienische Zustände, undichte Senkgruben und eine mangelhafte Kanalisation, die Fäkalien und andere Abwässer direkt in die offenen Bäche Wiens spülten, bestimmten in dieser rasant wachsenden Stadt über viele Jahre die Situation. Ein Großteil der Bevölkerung bezog – trotz bereits vorhandener Wasserleitungen – bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts sein Trinkwasser aus Hausbrunnen. Es kam regelmäßig zur „Brunnenvergiftung“ und damit zu Cholera- und Typhusepidemien, die jährlich Tausende Tote forderten.

Auch vielen alteingesessenen Wienern ist nicht bewusst, dass der Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz nichts, aber schon gar nichts mit dem dahinter liegenden so genannten „Russendenkmal“ zu tun hat. Er erinnert vielmehr an die Fertigstellung der I. Wiener Kaiser-Franz-Joseph-Hochquellwasserleitung – ab 1919 nur noch I. Wiener Hochquellwasserleitung genannt – im Jahr 1873. Mit der Inbetriebnahme des Hochstrahlbrunnens am 24. Oktober 1873 wurde die Wasserleitung feierlich der Wiener Bevölkerung übergeben, und „das köstliche Element quoll nun bis in die Stockwerke der Häuser“. Es dauerte aber noch bis 1888, bis über 90 Prozent der Häuser innerhalb des heutigen Gürtels – über die berühmt- berüchtigte Bassena – mit Hochquellwasser versorgt waren.

Der Ruhm für das Zustandekommen dieses damals vielfach als utopisch betrachteten und extrem teuren Jahrhundertprojekts gegen massiven Widerstand gebührt in erster Linie dem damaligen Bürgermeister Cajetan Felder und dem Geologen und Wiener Gemeinderat Eduard Suess. Suess arbeitete nicht nur den technischen Teil aus, sondern verfocht im Gemeinderat unermüdlich die „verrückte“ Idee, Wasser aus dem über 100 Kilometer entfernten Rax- und Schneeberggebiet für die Versorgung Wiens zu beziehen.

Aber auch die Gesellschaft der Ärzte in Wien schlug sich bei diesem Projekt ehrbar. Sie setzte sich für eine ordentliche Wasserversorgung Wiens bereits seit 1838 ein. Die Gemeinde Wien plante 1862 ja, für die Trinkwasserversorgung der Stadt gefiltertes Donauwasser zu verwenden. Ein Komitee der Gesellschaft der Ärzte, in das auch der bereits berühmte Internist Joseph Skoda gewählt wurde, vertrat den Standpunkt, dass weder Wasser aus der Donau noch aus der Traisen, sondern Quellwasser der Vorzug zu geben sei. Die Denkschrift, die dem Wiener Gemeinderat im November 1862 übergeben wurde, trug den Titel „Die Wasserversorgung Wiens vom ärztlichen Standpunkt gewürdigt”. Sie beginnt mit folgendem Satz: „Es ist eine durch die Ziffern der Erkrankung und der Sterblichkeit unwiderleglich festgestellte Tatsache, die als ernste Mahnung zur werktätigen, schon allzulange versäumten Abhilfe nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden kann, daß Wien das traurige Vorrecht besitzt, die ungesundeste Großstadt des europäischen Kontinents zu sein.“

In dieser Schrift forderten die Ärzte Wiens vehement: „Es sei dem Gemeinderate bekanntzugeben, daß die Gesellschaft der Ärzte nur durch das Hereinleiten der Quellen von Stixenstein, des Kaiserbrunnens“... (Anmerkung: Aus dieser Quelle wurde bereits seit dem 18. Jahrhundert der kaiserliche Hof versorgt. In Fässern wurde von den sogenannten Wasserreitern Wasser regelmäßig nach Wien gebracht.) … „und der Alta die Aufgabe der Wasserversorgung Wiens mit geeignetem Wasser als glücklich gelöst erkennen könne.“ Energisch stellte die Gesellschaft fest, dass sie „diese Art der Wasserversorgung für die einzig zulässige“ hielt.

Dieser Bericht, der unter dem Eindruck der Choleraepidemien 1849 und 1854 in London geschrieben wurde und der unermüdliche Einsatz von Eduard Suess hatten letztendlich Erfolg. Das Wasser für die I. Wiener Wasserleitung wurde trotz horrender Kosten aus Quellen des Rax- und Schneeberggebiets genommen. Wie sinnvoll diese Maßnahme war, zeigte sich bereits kurz danach am Beispiel der Typhuserkrankungen. Gab es 1871 noch 1.149 Typhustote in Wien, so sank die Zahl der an Typhus Verstorbenen einige Jahre später auf 185. Die Cholera, die seit 1831 regelmäßig Tausende Todesfälle verursachte, verschwand beinahe vollständig.

Weit weniger spektakulär als der Hochstrahlbrunnen ist der kleine Trinkbrunnen im 1. Hof des Allgemeinen Krankenhauses, der anlässlich der Einleitung der I. Hochquellwasserleitung ins „Allgemeine“ errichtet wurde. Obwohl bereits im Baumeisterplan von Joseph Gerl für das „allen Kranken und Gebährenden gewidmete Neue Allgemeine Spital“ in einer „Nota“ von aus dem „Gebürge“ – gemeint sind die „Gebirge“ hinter Dornbach und Ottakring am Rande von Wien – geleiteten „quelwasser“ zu den „Kranken Saalen, zur Apotheke und zur Kuchel“ die Rede ist, hatte das Krankenhaus trotz der zusätzlichen Brunnenanlagen, die bei der letzten Restaurierung wieder gefunden wurden, immer wieder mit zu wenig Wasser zu kämpfen. Auch die seit 1799 zusätzliche Versorgung durch die Woeber´sche Wasserleitung und später durch die K.K. Hernalser Regierungswasserleitung reichte für einen ordnungsgemäßen Krankenhausbetrieb bald nicht mehr aus.

Im Jahr 1859 musste aus Wassermangel sogar die Anstaltswäscherei aufgelassen werden und die Wäsche außerhalb des Spitals gereinigt werden. Erst mit der Anbindung an die Hochquellwasserleitung im Jahr 1873 stand dem „Universalspital“ endlich genug gutes Wasser zur Verfügung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es im Narrenturm weder eine Wasserleitung noch eine Kanalisation gab. Joseph II., der sich ja bekanntlich persönlich stark für den „Narrenturm“ und die „Irrwitzigen“ engagierte, war der Meinung, Wasser verschlechtere die psychiatrischen Patienten und steigere den Irrsinn. Am Brunnentrog – eigentlich ist es eine Zisterne – im Hof des Narrenturms ist die Jahreszahl 1857 eingraviert. Bis 1866 war der Narrenturm mit Patienten belegt. Für die Irren im Narrenturm bestand also niemals die Gefahr, durch das 1873 ins „Allgemeine“ eingeleitete frische Hochquellwasser noch verrückter zu werden.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 7 /2010

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