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Fotos (2): Bilder sind aus dem besprochenen Buch
In der Installation „Alien Cell“ des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell ist der Besucher zugleich Objekt und Zuschauer einer Aufführung, die von einer Assistentin gesteuert wird.
 
Leben 16. Februar 2010

Der Museumsbesucher als Proband

Installation von James Turrell zum „Ganzfeld“-Phänomen.

Er holt den Himmel auf die Erde – so könnte man die Arbeit von James Turrell umschreiben. Seit mehr als 40 Jahren schafft der amerikanische Künstler in aller Welt Räume und Installationen, die uns den Sternenhimmel und das Licht näher bringen. Eine seiner früheren Arbeiten, „Alien Cell“, erinnert an einen medizinischen Behandlungsraum.

 

Mitten im Raum eine Liege, dazu am Schaltpult eine Assistentin im weißen Kittel. Alles deutet auf eine Untersuchung mit einem Kernspintomographen hin. Aber nein, wir haben es hier mit einer Kunstinstallation zu tun, mit einer frühen Arbeit des amerikanischen Lichtkünstlers James Turell, die in dem neuen Band „Geometrie des Lichts“ vorgestellt wird.

„Alien Cell“ heißt diese Arbeit: Von außen betrachtet, handelt es sich um eine sechseckige Kammer mit halbkugeliger Kuppel und spitzem Dach. Drinnen befindet sich ebendiese Liege, auf die sich der Museumsbesucher (freiwillig) legt, womit er die Rolle eines Probanden übernimmt. Die Liege fährt nach oben, bis sich der Kopf des Besuchers in einer kreisrunden Aussparung befindet. Nun schaltet die Assistentin das Licht an, und sie bestimmt auch das Mischungsverhältnis der Farben, von Rot bis Blau am anderen Ende des Spektrums.

Nichts als Farben

Unser Besucher blickt in das Licht und ist zugleich Zuschauer einer Aufführung, die von der Assistentin in Szene gesetzt wird. Das Besondere dieses Arrangements: Der Besucher bekommt nichts als Farben zu sehen, das, was er aus dem normalen Alltag gar nicht kennt. Denn im richtigen Leben bricht sich das Licht an Objekten, sodass wir Schatten und Kanten wahrnehmen. In „Alien Cell“ ist das nicht der Fall. Es wird eine künstliche Situation geschaffen, in der das Sehen und schließlich auch das Bewusstsein des Besuchers von dem sein Gesichtsfeld völlig umhüllenden Licht bestimmt wird. Diesen Zustand umschreibt die Wissenschaft mit „Ganzfeld“: Der Blick auf reine Farben, ohne Zentrum und ohne Ränder, führt dazu, dass das Gehirn infolge ausbleibender Signale seine Tätigkeit einstellt und nur noch „Schwarz“ sieht. Aus der Psychologie wissen wir, dass der Entzug von Außenreizen – die Deprivation – zu Beunruhigung und Desorientierung führt, weswegen dieses Mittel auch zu Folterzwecken eingesetzt wird.

Reversibles Experiment

Hier ist aber nicht Folter das Ziel, sondern vielmehr Selbstbeobachtung. Der Proband weiß, dass das „Experiment“ zeitlich begrenzt und reversibel ist. Er kann sich also ganz darauf konzentrieren, sein eigens Sehen, Empfinden und Denken zu reflektieren. Er beobachtet sich quasi selbst beim Sehen, registriert seine physiologischen und psychologischen Reaktionen. Eine Kunst-Installation also, die über das äußere Erscheinungsbild hinaus einem medizinischen Experiment sehr nahe kommt.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 7 /2010

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